Niko­tin­sucht: Schwie­rige Entwöhnung

10.03.2018 | Medi­zin


Sie zählt zu den am schwie­rigs­ten zu behan­deln­den Erkran­kun­gen: die Niko­tin­sucht. Ohne medi­ka­men­töse Unter­stüt­zung weist die Rau­cher­ent­wöh­nung nach einem Jahr eine Erfolgs­rate von knapp zehn Pro­zent auf.

Die Niko­tin­sucht ist eine der am schwie­rigs­ten zu behan­deln­den Such­ter­kran­kun­gen über­haupt“, fasst Univ. Prof. Horst Olschew­ski von der Abtei­lung für Pul­mo­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz die Pro­ble­ma­tik zusam­men. Einen Grund dafür, warum in Öster­reich eine noch immer ver­gleichs­weise hohe Rate an Rau­chern zu ver­zeich­nen ist, sieht Olschew­ski darin, dass „Rau­chen noch an zu vie­len Orten erlaubt ist“. Denn bei der Tabak­kon­trolle spie­len beson­ders Rauch­ver­bote eine große Rolle. So werde laut Olschew­ski in Län­dern, in denen Ver­bote stär­ker aus­ge­prägt und die Stra­fen stren­ger sind, viel weni­ger geraucht. Einen star­ken Rück­gang beim Tabak­kon­sum habe man etwa in Schwe­den beob­ach­tet, als große Fir­men damit begon­nen hät­ten, das Rau­chen auf dem Fir­men­ge­lände kate­go­risch zu verbieten. 

Wenn auch ein Groß­teil der Rau­cher über die gesund­heit­li­chen Gefah­ren des Rau­chens Bescheid weiß, „möch­ten sie den­noch von der Auto­ri­tät Arzt dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass sie mit dem Rau­chen auf­hö­ren sol­len“, sagt Olschew­ski. Und wei­ter: „Sta­tis­tisch betrach­tet führt ein akti­ves Anspre­chen des Pati­en­ten dazu, dass mehr Per­so­nen ihren Tabak­kon­sum been­den, wäh­rend das Schwei­gen des Arz­tes als Zustim­mung zum Rau­chen inter­pre­tiert wird.“ Univ. Doz. Ernest Gro­man vom Zen­trum für Public Health der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien rät dazu, dass der Haus­arzt die The­ma­tik immer wie­der anspre­chen sollte – etwa alle drei bis sechs Monate sollte nach­ge­fragt wer­den, ob der Rau­cher seine Mei­nung nicht viel­leicht doch geän­dert hat. Gro­man dazu: „Die wie­der­holte Infor­ma­tion über die gesund­heit­li­chen Fol­gen von Rau­chen führt doch bei vie­len zu einem Umden­ken.“ Aber es gelte auch, die ableh­nende Hal­tung des Rau­chers zu respek­tie­ren. „Wenn der Betrof­fene auf die Frage: ‚Haben Sie schon dar­über nach­ge­dacht, mit dem Rau­chen auf­zu­hö­ren‘, ableh­nend reagiert, muss man das als Arzt akzep­tie­ren“, sagt Gro­man. Beson­ders emp­fäng­lich sind Rau­cher, wenn ihre eigene Gesund­heit beein­träch­tigt ist – etwa durch eine schwere Pneu­mo­nie oder nach einem Herz­in­farkt. „Das oder aber auch die Erkran­kung bezie­hungs­weise der Tod einer nahe ste­hen­den Per­son sind oft­mals Trig­ger, dass Per­so­nen über ihr Rauch­ver­hal­ten nach­den­ken“, ergänzt Olschew­ski. Als „recht beschei­den“ bezeich­net der Pul­mo­loge die Erfolgs­rate der Rau­cher­ent­wöh­nung inner­halb eines Jah­res ohne medi­ka­men­töse Maß­nah­men: Sie liegt bei knapp zehn Pro­zent. Erreicht man beim Fager­ström- Test zur Bestim­mung der Niko­tin­ab­hän­gig­keit vier oder mehr Punkte, kann bereits eine ernste Such­ter­kran­kung vor­lie­gen. Ent­wöh­nungs­wil­lige kön­nen mit Niko­­tin-Ersat­z­­pro­­du­k­­ten, die rezept­frei erhält­lich sind – in Form von Kau­gummi, Spray oder Pflas­ter – unter­stützt wer­den. Medi­ka­men­tös steht Vare­ni­clin zur Ver­fü­gung. Hat der ent­wöh­nungs­wil­lige Rau­cher bereits schlechte Erfah­run­gen mit rezept­frei erhält­li­chen Pro­duk­ten aus der Apo­theke gemacht, sei es „oft emp­feh­lens­wert, ein Pro­dukt ein­zu­set­zen, das er noch nicht kennt“, weiß Gro­man aus der Pra­xis. Die Ursa­che für den man­geln­den Erfolg von Niko­tiner­satz­pro­duk­ten bei der Rau­cher­ent­wöh­nung liege in der fal­schen Anwen­dung. „Die betrof­fe­nen Pati­en­ten neh­men ent­ge­gen den Emp­feh­lun­gen durch­schnitt­lich nur drei Kau­gum­mis pro Tag ein. Ein Pati­ent, der 20 Ziga­ret­ten pro Tag geraucht hat, sollte aber täg­lich sechs bis acht Kau­gum­mis in einer Zwei-Mil­­li­­gramm-Dosis kauen“, klärt Gro­man auf. Bei star­ken Rau­chern – mehr als 25 Ziga­ret­ten täg­lich – sollte der Vier-Mil­­li­­gramm-Kau­­gummi ein­ge­setzt wer­den. Wer­den die Betrof­fe­nen – was den Wir­kungs­ein­tritt anlangt – unge­dul­dig, rät Gro­man, auf die Uhr zu schauen: Das via Ziga­rette auf­ge­nom­mene Niko­tin wirkt inner­halb von sie­ben Sekun­den, der Kau­gummi nach etwa 20 Minuten. 

Hat der Betrof­fene meh­rere erfolg­lose Auf­hör­ver­su­che hin­ter sich, gibt es auch die Mög­lich­keit der medi­ka­men­tö­sen Ent­wöh­nung mit­tels Vare­ni­clin. Damit gelingt es 20 Pro­zent der Rau­cher von der Sucht los­zu­kom­men, berich­tet Olschew­ski. Aller­dings rät der Experte, die Sub­stanz „für min­des­tens drei Monate anzu­wen­den und dann lang­sam schritt­weise aus­zu­schlei­chen, weil sonst die Rück­fall­ge­fahr hoch ist“. Auch sollte vor­her abge­klärt wer­den, ob der Betrof­fene psy­chisch sta­bil ist. „Ein Zusam­men­hang mit dem Auf­tre­ten von Depres­sio­nen und Sui­zid­ge­dan­ken ist zwar nicht nach­ge­wie­sen. Auf­grund von Erfah­run­gen ein­zel­ner Pati­en­ten ist es jedoch rat­sam, lie­ber zu vor­sich­tig als zu nach­läs­sig zu sein“, macht Gro­man auf­merk­sam. MW 

Tipps zur Rau­cher­ent­wöh­nung

• Fra­gen Sie den Pati­en­ten, warum er raucht. Das macht dem Pati­en­ten deut­lich, dass er nicht mehr frei ent­schei­den kann und ver­stärkt sei­nen Wil­len, aufzuhören.

• Bestär­ken Sie den auf­hör­wil­li­gen Rau­cher: „Es ist gut, dass
Ihnen die­ses Pro­blem bewusst gewor­den ist. Ich kann Sie
bei Ihrem Wunsch, auf­zu­hö­ren, unterstützen.“

• Kon­takt zur Rau­cher­be­ra­tung her­stel­len: Tel.: 0800 810 013, www.rauchfrei.at

• Psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung in Form von Gesprä­chen zu
regel­mä­ßig statt­fin­den­den Ter­mi­nen anbieten.

• Der regel­mä­ßige Aus­tausch von ange­hen­den Nicht­rau­chern
in der Gruppe stärkt das Durchhaltevermögen.

• Handy-Apps, die berech­nen, wie viel Geld man sich als Nicht­rau­cher erspa­ren kann, kön­nen motivieren.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2018