Lak­tose in Medi­ka­men­ten: Tole­rante Intoleranz

10.09.2018 | Medizin


Rund 25 Pro­zent der Öster­rei­cher wei­sen einen erwor­be­nen Lak­tase-Man­gel auf. Auch bei einer Lak­to­se­into­le­ranz ist der in Medi­ka­men­ten ent­hal­tene Lak­to­se­ge­halt so nied­rig, dass Beden­ken bei der Ver­schrei­bung nicht gerecht­fer­tigt sind.
Chris­tina Schaar

Zur Dia­gnose „Lak­tose-Into­le­ranz“ führt übli­cher­weise der H2-Atem­test beim Gas­tro­en­te­ro­lo­gen. „Dabei wird Was­ser­stoff als Pro­dukt der bak­te­ri­el­len Meta­bo­li­sa­tion von Lak­tose, die in den Dick­darm gelangt ist, nach­wie­sen“, betont Univ. Prof. Harald Vogel­sang von der Abtei­lung für Gas­tro­en­te­ro­lo­gie und Hepa­to­lo­gie am Wie­ner AKH. Da die Lak­tose im Dünn­darm nicht auf­ge­nom­men wird, gelangt sie in den Dick­darm, wo es durch Bak­te­rien zur Ver­stoff­wechs­lung und in der Folge zur Bil­dung von Gasen und Was­ser­stoff kommt. Blä­hun­gen und Meta­bo­li­ten resul­tie­ren; letzt­lich kann es auch zu Durch­fäl­len kommen. 

Übli­cher­weise erfolgt der Test mit 50 Gramm, was etwa zwei Scha­len Milch ent­spricht. „Bei die­ser Menge haben die meis­ten Lak­tose-Into­le­ran­ten Beschwer­den. Gleich­zei­tig ist es auch ein gewis­ser Pro­vo­ka­ti­ons­test“, ergänzt Vogelsang. 

Etwa 25 Pro­zent der Öster­rei­cher wei­sen einen erwor­be­nen Lak­ta­se­man­gel auf, tole­rie­ren jedoch 10 bis 18 Gramm Lak­tose ebenso Lak­tose-freie Milch (circa 0,100 Gramm Laktose/​100 ml) – mit maximal mini­ma­len Sym­pto­men, was laut Vogel­sang durch unter­schied­li­che Stu­dien belegt ist. Hält man sich diese 50 Gramm aus dem Test vor Augen, sind diese in Rela­tion zur Lak­tose-Menge in Medi­ka­men­ten 1000-fach höher. „Eine Tablette Thy­roxin ent­hält weni­ger Lak­tose als 100 ml einer soge­nann­ten Lak­tose-freien Milch mit 0,066 Gramm. Damit sind Bauch­be­schwer­den auf Grund des Lak­to­se­ge­hal­tes äußerst unwahr­schein­lich“, erklärt Vogelsang. 

Im Rah­men einer Unter­su­chung am Insti­tute of Inter­nal Medi­cine der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Rom im Jahr 2008 wur­den 77 Per­so­nen mit Lak­tose-Into­le­ranz bis zu vier Gramm Lak­tose ver­ab­reicht. „Die nach­ge­wie­sen Lak­tose- into­le­ran­ten Per­so­nen konn­ten dabei Pla­cebo und Lak­tose nicht unter­schei­den“, berich­tet Univ. Prof. Michael Freiss­muth vom Insti­tut für Phar­ma­ko­lo­gie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. Selbst bei einer vor­han­de­nen Lak­tose-Into­le­ranz sind vier Gramm eine so geringe Menge, dass sie in der Regel keine Sym­ptome machen. Sie sind aber eine so große Menge, dass sie nicht in eine ein­zige Tablette ein­ge­ar­bei­tet wer­den kön­nen. Das Gewicht einer Tablette beträgt durch­schnitt­lich zwi­schen 0,2 Gramm und einem Gramm. Bei­spiels­weise wird die Lak­tose bei der drei Mal täg­li­chen Gabe eines Medi­ka­ments, das ein Gramm Lak­tose pro Tablette ent­hält, im Darm jeweils wei­ter­trans­por­tiert. Um aber Durch­fall zu ver­ur­sa­chen, müss­ten mehr als vier Tablet­ten mit die­ser Menge Lak­tose auf ein­mal kon­su­miert werden. 

Grund­sätz­lich werde eine Menge von 10 Gramm Lak­tose gut tole­riert, ohne dass es zu Beschwer­den komme, erklärt Vogel­sang. Und wei­ter: „Das Mil­li­gramm ist ein Tau­sends­tel dar­un­ter. Wenn Sie zehn Mil­li­gramm Lak­tose in einem Medi­ka­ment haben, dann ist es ein 1/​100 die­ser Dosis. Diese Menge sollte ein durch­schnitt­li­cher Mensch nicht spü­ren“, meint Vogelsang. 

Schät­zungs­weise 20 bis 25 Pro­zent der Öster­rei­cher sind Lak­tose-into­le­rant, wobei sich diese Zahl auf Per­so­nen mit öster­rei­chi­scher Her­kunft bezieht, da Zuwan­de­rer andere gene­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen auf­wei­sen. „In Ita­lien sind fast 70 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Lak­tose-into­le­rant. Bei Afri­ka­nern und Phil­ip­pi­nos sind es mehr als 90 Pro­zent. In Skan­di­na­vien hin­ge­gen sind es zwi­schen fünf und 15 Pro­zent“, weiß Vogel­sang. Eine gene­ti­sche Ver­an­la­gung vor­aus­ge­setzt zei­gen sich nied­rige Niveaus von Lak­tase in der spä­te­ren Kind­heit und Adoleszenz. 

Nied­ri­ges Laktaseniveau 

Zwi­schen dem 30. und dem 50. Lebens­jahr tre­ten die Beschwer­den wegen Lak­to­se­into­le­ranz auf. „Über­ra­schend ist dabei, dass die Betrof­fe­nen schon immer ein nied­ri­ges Lak­ta­se­ni­veau gehabt haben müs­sen“, merkt Vogel­sang an. In Stu­dien hätte sich gezeigt, dass spe­zi­ell Pati­en­ten mit funk­tio­nel­len Beschwer­den die Lak­tose- Into­le­ranz ver­stärkt spü­ren. Diese Pati­en­ten lei­den oft an einem Reiz­darm oder Reiz­ma­gen und seien „von vorn­her­ein schon sen­si­ti­ver, ängst­lich, oft depres­si­ver“, weiß der Experte aus der Pra­xis. „60 Pro­zent der Men­schen, die an einem Reiz­darm lei­den, haben ängst­lich-depres­sive Ver­än­de­run­gen“, unter­streicht Vogelsang.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2018