Inter­view Her­wig Kol­la­ritsch: Impflü­cken schließen

Novem­ber 2018 | Medi­zin

Warum Imp­fun­gen maß­ge­schnei­dert an die Bedürf­nisse des Rei­sen­den ange­passt wer­den sol­len und warum es auch hier zuerst darum geht, Impflü­cken zu schlie­ßen, erklärt Univ. Prof. Her­wig Kol­la­ritsch, lei­ten­der Arzt am Zen­trum für Rei­se­me­di­zin in Wien und Fach­arzt für Spe­zi­fi­sche Pro­phy­laxe und Tro­pen­me­di­zin sowie für Hygiene und Mikro­bio­lo­gie, im Gespräch mit Lisa Türk.

Wel­che Erkran­kun­gen sind die­sen Win­ter für Fern­rei­sende rele­vant? Wo lie­gen die ‚Hot­spots‘? Glo­bal betrach­tet hat sich für Rei­sende die­ses Jahr nichts Wesent­li­ches ver­än­dert. Die Risi­ken sind mehr oder weni­ger gleich geblie­ben. Im asia­ti­schen Raum, in der Kari­bik und in Tei­len Süd­ame­ri­kas stellt Den­­gue-Fie­­ber nach wie vor ein gro­ßes Pro­blem für Tou­ris­ten dar. Ob sich die gro­ßen Gel­b­­fie­­ber-Aus­­­brü­che in Bra­si­lien heuer wie­der­ho­len wer­den, kön­nen wir der­zeit noch nicht beur­tei­len. Andere Infek­tio­nen sind jedoch sel­te­ner gewor­den. So beob­ach­ten wir, dass bei­spiels­weise das Zika-Virus in Süd­ame­rika weit­ge­hend inak­tiv gewor­den ist und die Infek­ti­ons­ge­fahr stark zurück­geht. Einige wenige aktive Herde beschrän­ken sich auf ver­ein­zelte Gebiete in der Kari­bik und in Mit­tel­ame­rika. Auch Chi­­kun­­­gunya-Infe­k­­ti­o­­nen haben inter­na­tio­nal abge­nom­men. Nur im asia­ti­schen Raum und in Süd­ame­rika exis­tie­ren noch Herde. 

Das West-Nil-Fie­­ber ist der­zeit medial sehr prä­sent. Wie beur­tei­len Sie diese Infek­tion? Das West-Nil-Fie­­ber ist auf jeden Fall ernst zu neh­men und berei­tet wohl allen Epi­de­mio­lo­gen Sor­gen. Das Virus­re­ser­voir für West-Nil sind unter ande­rem Zug­vö­gel, dadurch muss selbst bei vor­han­de­nem jah­res­zeit­li­chem Wech­sel all­jähr­lich mit einer Wie­der­ein­schlep­pung gerech­net wer­den. Dazu kommt, dass die Kli­ma­er­wär­mung eine Ver­län­ge­rung der war­men Sai­son bedingt. Die Folge ist eine starke Zunahme an Infek­tio­nen, mit der wir sicher­lich auch in den nächs­ten Jah­ren rech­nen müs­sen. Im euro­päi­schen Raum sind 2012 ins­ge­samt 300 Fälle gemel­det wor­den. Bis Ende Okto­ber 2018 waren es 1.460 Fälle, 170 Peso­nen sind daran ver­stor­ben. Vor allem in Nord­ita­lien und Grie­chen­land schrei­tet die Erkran­kung fort. Öster­reich mel­dete 19 Fälle bis dato. Die ein­zig gute Nach­richt: Mit der kal­ten Jah­res­zeit wer­den die Steck­mü­cken weni­ger, die Über­tra­gung erlischt in den genann­ten Regio­nen weit­ge­hend. Abge­se­hen davon han­delt es sich bei West-Nil-Fie­­ber grund­sätz­lich um eine harm­lose Erkran­kung. Nur bei älte­ren, immun­sup­pri­mier­ten Per­so­nen oder Per­so­nen mit kon­su­mie­ren­den Grund­er­kran­kun­gen kann eine Infek­tion neu­ro­in­va­siv ver­lau­fen, schwere Kom­pli­ka­tio­nen und manch­mal sogar Todes­fälle bedin­gen.

Wie sieht die inter­na­tio­nale Lage in Bezug auf Cho­lera aus?
Die Cho­lera an sich stellt für Rei­sende so gut wie keine Gefähr­dung dar. Selbst wenn sich ein Rei­sen­der mit Cho­leravi­br­io­nen infi­ziert, ist das Resul­tat zumeist eine harm­lose Diar­rhoe und nicht eine schwere dehy­drie­rende Ver­laufs­form. Für die betrof­fe­nen Län­der selbst kann sie jedoch tra­gi­sche Fol­gen nach sich zie­hen. Vor allem im Bür­ger­kriegs­land Jemen trifft eine Cho­­lera-Infe­k­­tion oft die Ärms­ten unter den Armen, vor allem (Klein-)Kinder, die ohne­hin bereits unter­ernährt sind und kei­ner­lei Mög­lich­keit auf eine adäquate medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung haben. Hier ist die Leta­li­tät hoch.

Woge­gen sollte vor einer Reise in die betrof­fe­nen Gebiete unbe­dingt geimpft wer­den?
Das kann man pau­schal nicht fest­le­gen. Mit Aus­nahme der Hepa­­ti­­tis-A-Imp­­fung, die bei Rei­sen gene­rell emp­foh­len wird, sollte der Impf­plan maß­ge­schnei­dert an die Bedürf­nisse des Rei­sen­den ange­passt wer­den. Im Gespräch sollte ein Risi­ko­pro­fil erstellt wer­den und dem­entspre­chend soll­ten die Imp­fun­gen erfol­gen. Diese müs­sen immer auf die per­sön­li­chen Wün­sche des Rei­sen­den und auch auf sein Sicher­heits­be­dürf­nis abge­stimmt wer­den.

Wel­che Pro­bleme kön­nen sich in der rei­se­me­di­zi­ni­schen Impf­be­ra­tung erge­ben?
Bei jedem Pati­en­ten, der eine Fern­reise antritt, sollte man zunächst ein­mal über­prü­fen, ob er im Hin­blick auf den Öster­rei­chi­schen Impf­plan voll­stän­dig geimpft ist. Schon allein das ist eine in kur­zer Zeit oft nur schwie­rig zu lösende Auf­gabe. Denn sehr viele erwach­sene Öster­rei­cher sind in der Regel nicht voll­stän­dig geimpft. Beson­ders die Genera­tion der 25- bis 35-Jäh­­ri­­gen, die noch nach einem ande­ren Impf­plan geimpft wurde, hat bei­spiels­weise häu­fig eine lücken­hafte Immu­ni­tät bei Masern-Mumps-Röteln und Per­tus­sis. In der Rei­se­me­di­zin haben wir also zunächst die Auf­gabe, diese Impflü­cken zu schlie­ßen. Pro­ble­ma­tisch ist auch die Tat­sa­che, dass viele Pati­en­ten oft nur vage Vor­stel­lun­gen von ihrer Rei­se­desti­na­tion haben. Je prä­zi­ser wir Ärzte wis­sen, wohin eine Reise füh­ren soll und wel­che Akti­vi­tä­ten dort geplant sind, umso bes­ser kön­nen wir bera­ten. Ganz gene­rell sind Rei­sende in Bezug auf Imp­fun­gen kri­ti­scher gewor­den. Es wird mehr hin­ter­fragt, die Men­schen eig­nen sich zuneh­mend Halb­wis­sen aus dem Inter­net an und kom­men dann oft mit einer vor­ge­fer­tig­ten Mei­nung zu uns. Das kann pro­ble­ma­tisch sein, spie­gelt jedoch den Geist der Zeit wider. Wir müs­sen ler­nen, damit umzu­ge­hen.

Wel­che Rolle spie­len All­ge­mein­me­di­zi­ner dabei?
Rei­se­me­di­zi­ner und All­ge­mein­me­di­zi­ner soll­ten Hand in Hand tätig wer­den. Der All­ge­mein­me­di­zi­ner nimmt eine wich­tige Rolle ein, wenn es darum geht, grund­sätz­lich fest­zu­stel­len, ob jemand rei­se­taug­lich ist. Falls eine Dau­er­me­di­ka­tion besteht, kann der Haus­arzt den Betref­fen­den mit dem ent­spre­chen­den Medi­ka­men­ten­vor­rat ver­sor­gen und infor­mie­ren, wie diese Medi­ka­mente unter ande­ren Gege­ben­hei­ten – Stich­wort Zeit­um­stel­lung – ein­zu­neh­men sind. Steht fest, dass der Pati­ent die Reise aus gesund­heit­li­cher Per­spek­tive betrach­tet machen kann, sollte der All­ge­mein­me­di­zi­ner ihn mit Impf­pass, Rei­se­route und Rei­se­plan sowie even­tu­el­len alten Befun­den gewapp­net zum Rei­se­me­di­zi­ner wei­ter­lei­ten. In inter­dis­zi­pli­nä­rer Zusam­men­ar­beit kann letzt­lich eine opti­male Bera­tung für den Pati­en­ten gewähr­leis­tet werden. 


ÖÄK-Zer­­ti­­fi­­kats­­lehr­­gang Rei­se­me­di­zin
 

Im vier­tä­gi­gen Lehr­gang wer­den unter ande­rem Kennt­nisse und Fer­tig­kei­ten in den Berei­chen all­ge­meine Rei­se­me­di­zin, geo­me­di­zi­ni­sche Grund­la­gen, Para­si­to­lo­gie, rei­se­me­di­zi­nisch rele­vante Krank­hei­ten und Rei­se­imp­fun­gen ver­mit­telt. Der Lehr­gang schließt mit einer Prü­fung ab; die Absol­ven­ten kön­nen das ÖÄK-Zer­­ti­­fi­­kat Rei­se­me­di­zin erwerben. 

Wis­sen­schaft­li­che Lei­tung: Univ. Prof. Dr. Her­wig Kol­la­ritsch, Univ. Prof. DDr. Mar­tin Haditsch
Beginn: 1. Februar 2019
Ort: Palais Pal­la­vicini, Josefs­platz 5, 1010 Wien
Anmel­dung: www.arztakademie.at/reisemedizin-lehrgang

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2018