Der Fall aus der Pra­xis: Was tun beim „Maus­arm“?

April 2018 | Medi­zin


Die uner­go­no­mi­sche Hand­ha­bung der Com­­pu­­ter-Maus kann zu einem Syn­drom aus Schmerz, Dys­äs­the­sie und Ver­span­nung füh­ren, dem Repe­­ti­­tive-Strain-Injury (RSI)-Syndrom – ein Syn­onym für den soge­nann­ten Maus­arm. Dabei han­delt es sich eigent­lich um ein ver­meid­ba­res Krank­heits­bild.
Made­leine Rohac

Der Haus­arzt hat Erna K. an den Fach­arzt für Ortho­pä­die über­wie­sen. Ihre Beschwer­den schil­dert sie wie folgt: „Es geht schon seit vier Mona­ten, ein Zie­hen im rech­ten Unter­arm, manch­mal hin­auf bis zur Schul­ter und in den Nacken. Dann krib­belt es in den Fin­gern. Das fängt meist um die Mit­tags­zeit an und abends kann ich des­we­gen oft schwer ein­schla­fen.“ Als Assis­ten­tin der Geschäfts­füh­rung in einem Bau­un­ter­neh­men ver­bringt sie den Groß­teil ihrer Arbeits­zeit am Com­pu­ter. „Etwa 60 Pro­zent aller Arbeit­neh­mer sit­zen pro Tag im Durch­schnitt sechs Stun­den am Com­pu­ter“ weiß Ao. Univ. Prof. Richard Crevenna von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Phy­si­ka­li­sche Medi­zin, Reha­bi­li­ta­tion und Arbeits­me­di­zin am AKH Wien. 

Gestal­tung des Arbeitsplatzes 

Die fal­sche Gestal­tung des Arbeits­plat­zes, feh­lende Ergo­no­mie und die sta­ti­sche Hal­tung am Bild­schirm­ar­beits­platz sind häu­fig mit­ver­ant­wort­lich für schmerz­hafte Syn­drome im Bereich von Hand, Arm-Schu­l­­ter­­gür­­­tel und Nacken bis zum cer­vi­ko­tho­ra­ka­len Übergang. 

Laut Crevenna ist rund ein Vier­tel der Arbeit­neh­mer an Bild­schirm­ar­beits­plät­zen von sol­chen Schmer­zen betrof­fen; 90 Pro­zent von ihnen ent­wi­ckeln ein Repe­­ti­­tive-Strain-Injury (RSI)-Syndrom, ein Syn­onym für den soge­nann­ten Maus­arm. Ursa­che ist laut Crevenna die chro­ni­sche Fehl- und Über­be­las­tung von Mus­keln, Seh­nen, Bän­dern sowie des umlie­gen­den Gewe­bes, die über kom­plexe Ver­ar­bei­tungs­me­cha­nis­men im zen­tra­len Ner­ven­sys­tem dazu füh­ren, dass auch bei an sich nicht wirk­lich Schmerz aus­lö­sen­den Bean­spru­chun­gen des mus­ku­los­ke­let­ta­len Sys­tems (Maus­klicks, Tip­pen) Schmerz­si­gnale ans Gehirn gemel­det und als sol­che bewer­tet werden. 

Arbeits- und Sozialanamnese 

Erna K. berich­tet dem Ortho­pä­den, dass sie oft unter hohem Zeit­druck Ter­mine für ihren Chef orga­ni­sie­ren, Mails beant­wor­ten und Bespre­chungs­un­ter­la­gen vor­be­rei­ten und ver­wal­ten muss – am bes­ten immer alles gleich­zei­tig. In die­sem Zusam­men­hang betont Crevenna die Wich­tig­keit der Arbeits- und Sozi­al­ana­mnese bei der Dia­gnose „Maus­arm“, die in ers­ter Linie kli­nisch gestellt wird. Bild­ge­bende Ver­fah­ren und Ner­ven­leit­ge­schwin­dig­keit zei­gen meist keine Auf­fäl­lig­kei­ten und die­nen eher der Abgren­zung zu ande­ren Ursa­chen von Beschwer­den wie Arthrose oder dem Kar­pal­tun­nel­syn­drom. „Die Bedeu­tung der Arbeits­or­ga­ni­sa­tion darf nicht unter­schätzt wer­den. Gerade Stö­run­gen, unge­wollte Arbeits­un­ter­bre­chun­gen wie häu­fige Tele­fon­an­rufe oder Kol­le­gen, die ganz schnell etwas benö­ti­gen, füh­ren zu erhöh­ter Stress­be­las­tung“, betont Crevenna. Dar­aus ent­ste­hen Anspan­nung, ver­krampfte Hal­tung, erhöh­ter Mus­kel­to­nus in Hand und Arm. 

Der betreu­ende Ortho­päde von Erna K. hat mitt­ler­weile Kon­takt mit dem Arbeits­me­di­zi­ner des Bau­un­ter­neh­mens auf­ge­nom­men. Die­ser hat Erna K. bereits bei der ergo­no­mi­schen Gestal­tung des Bild­schirm­ar­beits­plat­zes bera­ten. „Wich­tig ist dabei eigent­lich alles: Licht, Bild­schirm­ein­stel­lung, Arbeits­tisch, rich­tige Sitz­po­si­tion, Tas­ta­tur, Maus“, führt Crevenna aus. Häu­fige Feh­ler sind ungüns­tige Anord­nung der Arbeits­mit­tel wie Unter­la­gen, Tele­fon, diverse Büro-Uten­­­si­­lien, die einen ent­spann­ten und locke­ren Zugriff auf Maus und Tas­ta­tur behin­dern. Die Unter­arme soll­ten dafür mög­lichst ent­spannt auf den Arm­leh­nen des Büro­stuhls ruhen, das Hand­ge­lenk nicht an der Tisch­kante abge­stützt und dadurch nach oben abge­win­kelt wer­den. Neben der Opti­mie­rung der Arbeits­platz­ge­stal­tung zäh­len sämt­li­che Moda­li­tä­ten der phy­si­ka­li­schen Medi­zin, Bio­feed­back, pro­gres­sive Mus­kel­re­la­xa­tion nach Jacob­son, Infil­tra­tio­nen und analge­ti­sche Behand­lung zu den The­ra­pie­op­tio­nen des RSI-Syn­­­droms. Der Arbeits­me­di­zi­ner bespricht dar­über hin­aus mit Erna K. indi­vi­du­elle Maß­nah­men zu Stress­re­duk­tion und Pau­sen­ge­stal­tung und zeigt ihr auch ein­fa­che Deh­nungs­übun­gen. „Der Maus­arm ist eigent­lich ein ver­meid­ba­res Krank­heits­bild, es kann durch recht­zei­ti­ges rich­ti­ges Ver­hal­ten posi­tiv beein­flusst wer­den, dann ist die Pro­gnose gut“, fasst Crevenna zusammen. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 7 /​10.04.2018