Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen – Sym­ptom­re­duk­tion durch Kurzintervention

25.04.2018 | Medi­zin


Mit­tels einer Kurz­in­ter­ven­tion kann bei Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen im Anfangs­sta­dium rasch eine Sym­ptom­re­duk­tion erzielt wer­den. 30 bis 40 Pro­zent der The­ra­pie machen das Erst­ge­spräch und der regel­mä­ßige Kon­takt mit dem Arzt aus.

Ziel einer Kurz­in­ter­ven­tion bei Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen ist eine rasche Sym­ptom­re­duk­tion, um den Pati­en­ten wie­der in sein nor­ma­les Lebens­um­feld ein­glie­dern zu kön­nen oder ihn auf eine etwaige län­ger­fris­tige The­ra­pie vor­zu­be­rei­ten, wie Univ. Prof. Sieg­fried Kas­per von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie am AKH Wien erklärt. „Der Pati­ent, der von Angst oder Depres­sion gepei­nigt ist, ver­sucht, allem aus dem Weg zu gehen“, so der Experte. Des­halb star­tet eine Kurz­in­ter­ven­tion in der Regel mit einem aus­führ­li­chen Gespräch, um „ eine exakte Dia­gnose zu stel­len“, betont Kas­per. So hat bei­spiels­weise ein Pati­ent mit einer Panik­stö­rung vor Situa­tio­nen Angst, in denen eine Flucht schwer mög­lich ist, wäh­rend Pati­en­ten mit Sozi­al­pho­bie vor sozia­len Situa­tio­nen Angst haben. Auch ist etwa bei einer uni­po­la­ren Depres­sion eine andere Behand­lung erfor­der­lich als bei einer bipo­la­ren oder einer Herbst/­­Win­­ter-Depres­­sion.

30 bis 40 Pro­zent der The­ra­pie erreicht man bereits dadurch, dass der Pati­ent weiß, dass er kom­pe­tent betreut wird. „Ganz wich­tig ist, dass man dem Pati­en­ten zu ver­ste­hen gibt, dass man seine Krank­heit gut kennt und dass es einen Weg in die Zukunft gibt“, sagt Kas­per. Beson­ders Pati­en­ten mit Angst­er­kran­kun­gen sind der Auf­fas­sung, allein von die­ser Pro­ble­ma­tik betrof­fen zu sein und, dass Hilfe nicht mög­lich sei. Assoz. Prof. Eva Rei­ning haus von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Medi­zin in Graz weist auf einen wich­ti­gen Punkt hin, der bei Kurz­in­ter­ven­tio­nen oft über­se­hen wird: die Auf­klä­rung des Pati­en­ten über seine Erkran­kung. „Viele Pati­en­ten bekom­men ein Medi­ka­ment und wis­sen gar nicht, was sie haben. Wenn sich der Betrof­fene aber mit sei­ner Krank­heit aus­ein­an­der­set­zen kann, kann er auch gut aktiv ent­ge­gen­steu­ern und selbst Stra­te­gien zur Hei­lung und Vor­beu­gung ent­wi­ckeln“, gibt die Exper­tin zu bedenken. 

Im Erst­ge­spräch sollte der Arzt dem Pati­en­ten mit Angst­stö­run­gen schil­dern, dass die Angst ein im Men­schen natür­lich ange­leg­tes „Phä­no­men“ ist, so Kas­per. Der Arzt sollte dem Betrof­fe­nen erklä­ren, dass er sich in einer Phase befinde, in der er über­sen­si­bel sei und man ver­su­che, dies zu ver­ste­hen. Eine mög­li­che Frage an den Pati­en­ten wäre: „Wie viel Pro­zent Ihrer Pro­duk­ti­vi­tät kos­ten Sie Ihre Angst­sym­ptome?“ Ver­liert der Pati­ent nach eige­nen Anga­ben mehr als 30 Pro­zent sei­ner Pro­duk­ti­vi­tät durch seine Erkran­kung, reicht eine Kurz­in­ter­ven­tion „ver­mut­lich“ (Kas­per) nicht aus. Bei leich­ten Angst­stö­run­gen oder Depres­sio­nen hel­fen in der Akut­si­tua­tion bei­spiels­weise Ben­zo­dia­ze­pine wie Alpra­zo­lam oder Clo­na­ze­pam. Rei­ning­haus dazu: „Prin­zi­pi­ell sollte aber einer The­ra­pie mit Anti­de­pres­siva der Vor­zug gege­ben wer­den. Der Pati­ent sollte nach etwa zwei Wochen wie­der­be­stellt wer­den – und das über einen Zeit­raum von etwa drei Mona­ten. Bei schwe­re­rer Sym­pto­ma­tik sei es hin­ge­gen sinn­voll, bereits nach einer Woche wie­der Kon­takt mit dem Pati­en­ten zu haben, sagt Rei­ning­haus. Auch wenn Anti­de­pres­siva erst nach ein bis zwei Wochen ihre Wir­kung ent­fal­ten, „pas­siert bereits durch den per­sön­li­chen Kon­takt und das Gespräch selbst eine Inter­ven­tion“, so die Expertin. 

Sui­zid­ge­fahr erkennen 

Die wich­tigste Inter­ven­tion ist immer, zu erken­nen, ob eine Sui­zid­ge­fahr besteht. Ein Pati­ent, der sowohl unter einer Angst­er­kran­kung als auch unter einer Depres­sion lei­det, hat ein drei­fach erhöh­tes Sui­zid­ri­siko. Gene­rell kann eine Kurz­in­ter­ven­tion gut ambu­lant vor­ge­nom­men wer­den; bei Sui­zi­da­li­tät ist laut Kas­per aller­dings eine umge­hende sta­tio­näre Auf­nahme ange­ra­ten. Da die Betrof­fe­nen oft zusätz­lich auch noch an Schlaf­stö­run­gen lei­den, bie­ten sich bei­spiels­weise die Anti­de­pres­siva Tra­zodon oder Mir­ta­za­pin in einer gerin­gen Dosie­rung an, die schlaf­an­sto­ßend wir­ken. Bei Pati­en­ten mit einer deut­li­chen Depres­sion kann eine Kurz­in­ter­ven­tion hin­ge­gen mit einem SSRI begon­nen werden. 

„Aller­dings kommt es immer wie­der vor, dass der Schwe­re­grad der Erkran­kung nicht rich­tig beur­teilt wird“, berich­tet Kas­per. Anhand der Sym­ptome lässt sich ermit­teln, wie stark der Pati­ent im All­tag behin­dert wird. Denkt er bei­spiels­weise den gan­zen Tag an nichts ande­res als an seine Angst und kann er die täg­li­che (Haus-) Arbeit nicht mehr durch­füh­ren oder seine Woh­nung nicht mehr ver­las­sen, ist der Betrof­fene stark beein­träch­tigt. Einen Pati­en­ten mit einer depres­si­ven Sym­pto­ma­tik „ein­fach zu einem Gesprächs­the­ra­peu­ten wei­ter­zu­schi­cken, ohne vor­her abzu­klä­ren, wel­che Maß­nah­men aus psych­ia­tri­scher Sicht not­wen­dig sind“, sollte nach Ansicht von Rei­ning­haus unbe­dingt ver­mie­den werden. 

Eine rasche Inter­ven­tion ist jeden­falls vor­teil­haft. Bestehen die Beschwer­den bei­spiels­weise erst seit eini­gen Wochen, so hat man „rela­tiv gute Chan­cen“ (Rei­ning­haus), mit einer Kurz­in­ter­ven­tion eine rasche Sym­ptom­re­duk­tion zu errei­chen. Je län­ger eine Sym­pto­ma­tik unbe­han­delt besteht, umso mehr Zeit wird für die Inter­ven­tion benö­tigt. Spricht die The­ra­pie nach 14-tägi­­ger Behand­lung nicht an, sollte der Haus­arzt sowohl bei einer Angst­er­kran­kung als auch bei einer Depres­sion zu einem Fach­arzt für Psych­ia­trie über­wei­sen. MW

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2018