Stand­punkt Tho­mas Sze­ke­res: Neue Begriffe, alte Leiden

15.07.2018 | Aktuelles aus der ÖÄK

© Stefan Seelig

Vor kur­zem hat die WHO die Online-Spiel­sucht offi­zi­ell zu einer Krank­heit erklärt. Es häu­fen sich neue Begriffe für alte Lei­den: Burn-out und Bore-out, Online-Spiel­sucht und ADHS. Müs­sen wir mit neuen Mas­sen­krank­hei­ten rech­nen? Wie reagie­ren Medi­zin, Prä­ven­tion und beglei­tende Kura­tion dar­auf? Haben wir die rich­ti­gen Aus­bil­dungs­struk­tu­ren und die adäqua­ten the­ra­peu­ti­schen Ein­rich­tun­gen, um die­sen Her­aus­for­de­run­gen zu begeg­nen? Ich fürchte: Nein. 

Sind die neuen Krank­hei­ten Sym­ptome der rasen­den Digi­ta­li­sie­rung und des wach­sen­den Aus­ein­an­der­klaf­fens derer, die zu viel arbei­ten und jener, die gar keine Per­spek­tive auf Arbeit haben? Was bedeu­tet das für die Gesamt­ge­sund­heit einer Gesell­schaft? Und mit wel­chen volks­wirt­schaft­li­chen Fol­gen ist zu rech­nen, wenn immer mehr Men­schen über lange Zeit aus dem Arbeits­pro­zess herausfallen? 

Chro­nisch kranke oder in Reha­bi­li­ta­tion befind­li­che Men­schen kön­nen mitt­ler­weile ver­suchs­weise ein paar Stun­den am Tag arbei­ten, damit sie den „Anschluss“ nicht ver­lie­ren. Aber wie defi­niert man künf­tig Kran­ken­stände und wel­che Über­gangs­pha­sen wird es geben? Müs­sen wir unser gesam­tes Gesund­heits­ver­sor­gungs­den­ken hin­ter­fra­gen? – Diese Über­le­gun­gen und Beden­ken sind kei­nes­wegs rea­li­täts­fern: Es ist eine Tat­sa­che, dass Lang­zeit­ar­beits­lose – und ihre Anzahl steigt – über­durch­schnitt­lich und signi­fi­kant krank­heits­an­fäl­lig sind. Aktu­elle Sta­tis­ti­ken der Armuts­kon­fe­renz haben das erst kürz­lich wie­der gezeigt. Viele der Jugend­li­chen von heute, die in zehn Jah­ren im erwerbs­fä­hi­gen Alter sein wer­den, wer­den gehan­di­capt in den Beruf ein­stei­gen: adi­pös, hör- und seh­ge­schä­digt, an Dia­be­tes leidend. 

Gleich­zei­tig ist zu beden­ken, dass wir in 20 Jah­ren nahezu 300.000 an Demenz lei­dende Mit­bür­ge­rin­nen und Mit­bür­ger haben wer­den. Laut jüngs­tem OECD-Bericht zählt Öster­reich zu den Nach­züg­lern bei Demenz­vor­sorge und ‑behand­lung. 

Dazu kommt, dass es zur Behand­lung vie­ler „neuer Krank­hei­ten“ noch keine adäqua­ten Ein­rich­tun­gen gibt: Auch der Kli­ma­wan­del zieht neue Krank­hei­ten nach sich, ähn­lich wie die Glo­ba­li­sie­rung des Han­dels und Waren­ver­kehrs – und wir wer­den bald wei­tere haben. Dabei kämp­fen wir jetzt schon mit struk­tu­rel­len Män­gel­fä­chern in der Jugend­psych­ia­trie oder etwa in der Dermatologie. 

Dar­über sollte sich Gesund­heits­po­li­tik den Kopf zer­bre­chen, anstatt bewährte Ein­rich­tun­gen zu zer­schla­gen und aus Koope­ra­ti­ons­part­nern feind­li­che Lager zu konstruieren.

a.o. Univ.-Prof. Tho­mas Sze­ke­res
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2018