Stand­punkt – Vize-Präs. Karl Forst­ner: Kon­sens statt Diktat

25.03.2017 | Stand­punkt

© G. Zeitler

Das höchst erfolg­rei­che Kon­sens­mo­dell der Zwei­ten Repu­blik sei nicht mehr taug­lich und dem­nach zu erset­zen. Diese Posi­tion, die immer häu­fi­ger ver­tre­ten wird, ver­bin­det sich nahezu orga­nisch mit einer Skep­sis, wenn nicht sogar Ableh­nung von staat­li­chen Struk­tu­ren und wei­te­ren Insti­tu­tio­nen des öffent­li­chen Lebens. In Stamm­tisch­laune wird die „Ent­mach­tung“ bis Abschaf­fung der Bun­des­län­der gefor­dert, Sozi­al­ver­si­che­run­gen zur Dis­po­si­tion gestellt und natür­lich die Sozi­al­part­ner­schaft mit dem „Kam­mer­sys­tem“ hin­ter­fragt. Zen­tra­li­sa­tion soll das Ziel sein.

Selbst­ver­ständ­lich muss außer Frage ste­hen, dass jede Insti­tu­tion unse­res Gemein­we­sens auf Wert und Nut­zen über­prüft, ver­än­dert und auch in Zwei­fel gezo­gen wer­den kann. Natür­lich ver­tre­ten diese Insti­tu­tio­nen Inter­es­sen – dafür wur­den sie ja auch geschaf­fen. Sie zu besei­ti­gen mag ober­fläch­lich ver­lo­ckend sein. Um wie viel ein­fa­cher könn­ten Ent­schei­dun­gen sein? Die – zuge­ge­ben – bis­wei­len ver­stö­rende Poly­pho­nie im Pro­zess von Mei­nungs­bil­dung und Ent­schei­dungs­fin­dung – Kon­sens als Ziel – würde durch ein­fa­che legi­ti­mierte Mehr­heits­ent­schei­dun­gen abgelöst.

Diese Ten­denz ist auch in den aktu­el­len Ent­wick­lun­gen unse­res Gesund­heits­sys­tems deut­lich spür­bar. Dabei man­gelt es zunächst gar nicht an Gesprä­chen, zumin­dest nicht an Wor­ten. Es fehlt an über­zeu­gen­den Kon­zep­ten und an glaub­wür­di­gen Zie­len. In den Köp­fen man­cher Ent­schei­dungs­trä­ger ver­fes­tigt sich, dass Pri­mär­ver­sor­gung über­wie­gend – wenn nicht aus­schließ­lich – tat­säch­lich über reale Zen­tren und nicht in Form von Ver­net­zung ange­bo­ten wer­den soll. Hier inter­es­siert nicht, was die Bevöl­ke­rung will und schon gar nicht, was jene wol­len, die die Leis­tun­gen erbrin­gen. Exper­tise rückt in den Hin­ter­grund, Dog­ma­tik über­la­gert die Diskussion.

Die erst vor knapp zwei Jah­ren in Kraft gesetzte Arbeits­zeit­re­ge­lung für Spi­tals­ärzte soll schon wie­der auf­ge­weicht wer­den. Diese Über­le­gun­gen negie­ren, dass Attrak­ti­vi­tät von ärzt­li­chen Arbeits­plät­zen die ein­zige Chance sein wird, um dem dro­hen­den Ärz­te­man­gel gegenzusteuern.

Zwei Bei­spiele, die pla­ka­tiv zei­gen, wie Inter­es­sens­la­gen durch Majo­­ri­­täts-Ent­­­schei­­dun­­­gen über­fah­ren wer­den sol­len. Und den­noch keimt zumin­dest in man­chen Bun­des­län­dern die Hoff­nung auf, dass just jene viel­ge­schol­te­nen Insti­tu­tio­nen, Bun­des­län­der, Sozi­al­ver­si­che­run­gen und Ärz­te­kam­mern genau jene Ver­ant­wor­tung wahr­neh­men, deren es im bun­des­wei­ten Maß­stab immer noch man­gelt. So haben etwa die Gebiets­kran­ken­kas­sen Ober­ös­ter­reichs und Salz­burgs mit ihren Ärz­te­kam­mern – im Falle Salz­burgs auch unter Betei­li­gung des Lan­des – gemein­sam fest­ge­hal­ten, dass sie bewährte Struk­tu­ren der ambu­lan­ten Ver­sor­gung durch nie­der­ge­las­sene Ärz­tin­nen und Ärzte erhal­ten und wei­ter­ent­wi­ckeln wol­len. Gesprächs­kul­tur for­dert eben das Gespräch mit­ein­an­der und nicht über­ein­an­der. Gerade in unse­rem hoch­ent­wi­ckel­ten Gesund­heits­sys­tem wird es bei allem Ver­ständ­nis für not­wen­dige Ent­wick­lun­gen den Kon­sens aller Part­ner brau­chen, um den Stan­dard zu hal­ten und weiterzuentwickeln.

Natür­lich sind Mehr­heits­ent­schei­dun­gen zen­tra­les Ele­ment des demo­kra­ti­schen Sys­tems, aber leben­dige Demo­kra­tie kennt kein Dik­tat der Majorität.

Selbst­ver­ständ­lich liegt es auch an den Ärz­tin­nen und Ärz­ten, durch Kon­sens­be­reit­schaft die­ses unser Sys­tem nicht zu gefährden.

Die Worte des gro­ßen eng­li­schen Kul­tur­phi­lo­so­phen Arnold J. Toyn­bee mögen hier War­nung sein: „Civi­liz­a­ti­ons die from sui­cide, not by murder.“

Karl Forst­ner
1. Vize­prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 6 /​25.03.2017