Stand­punkt – Michael Lang: Aus­bil­dung – Fak­ten und Probleme

15.12.2017 | Standpunkt

Aus­bil­dung: Fak­ten und Probleme 

© Christian Leopold

Aus­bil­dung ist ein zen­tra­les Thema einer zukunfts­ori­en­tier­ten Gesund­heits­ver­sor­gung. Sie ist wesent­lich mehr als das ver­mit­telte Wis­sen. Trotz aller Bemü­hun­gen der ÖÄK ist es noch immer nicht in den Köp­fen der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen ange­kom­men, dass gut aus­ge­bil­dete Ärzte nicht nur dem Pati­en­ten hel­fen, son­dern auch Garant dafür sind, dass die Kos­ten und die Res­sour­cen im Gesund­heits­sys­tem effi­zi­ent (kos­ten­güns­tig) und effek­tiv (sys­tem­wirk­sam im Sinne der Gesund­heits­ver­sor­gung) ein­ge­setzt werden. 

Die Nach­hal­tig­keit einer guten Aus­bil­dung recht­fer­tigt jede Inves­ti­tion. Denn je kom­pe­ten­ter die Ärzte sind, umso bes­ser ist die Ver­sor­gung und das ver­rin­gert Fol­ge­kos­ten. Lei­der fehlt anschei­nend der Poli­tik hier die lang­fris­tige Perspektive. 

Die Ursa­chen sind viel­schich­tig. Zunächst hat man den Ein­druck, dass die Aus­bil­dung der jun­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen nach dem Stu­dium oft nicht den Stel­len­wert hat, der ihr zukom­men sollte. Oft sind Kol­le­gen in Aus­bil­dung Lücken­bü­ßer für per­so­nelle Män­gel und bequeme Erfül­lungs­ge­hil­fen für Rou­ti­ne­ar­bei­ten. Es gibt mei­nes Wis­sens weder Modelle, die Ober­ärzte von der Rou­ti­ne­tä­tig­keit für die Aus­bil­dung frei­stel­len, um ein Men­to­ring zu ermög­li­chen, noch gibt es eine Finan­zie­rung für diese Tätigkeit.

Wei­ters geht es um die Lehr­pra­xis und deren Finan­zie­rung. Nach jah­re­lan­ger beschä­men­der Dis­kus­sio­nen ab wann, wie lange, wie orga­ni­siert und ob es sie über­haupt geben soll (und das obwohl Öster­reich in Europa eines der weni­gen Län­der ohne ver­pflich­tende Lehr­pra­xis war) gibt es sie jetzt zumin­dest für sechs Monate (gegen­über zwölf Mona­ten in vie­len EU-Staa­ten). Ledig­lich die Finan­zie­rung ist noch nicht gesichert.

Dabei gibt es ja schon funk­tio­nie­rende Sys­teme! Das über­aus erfolg­rei­che Pilot­pro­jekt Lehr­pra­xis in Vor­arl­berg wird dort schon in eine Dau­er­lö­sung über­ge­führt – mit geklär­ter Finan­zie­rung! Dabei geht es nicht ein­mal um hor­rende Summen. 

Wenn aller­dings nicht rasch eine Lösung kommt, dann ste­hen wir vor einem gesund­heits­po­li­ti­schen Desas­ter. Ohne Lehr­pra­xis wer­den keine All­ge­mein­me­di­zi­ner mehr fer­tig wer­den und dies ange­sichts der Pen­sio­nie­rungs­welle der Baby­boo­mer-Genera­tion. Zwei von drei nie­der­ge­las­se­nen All­ge­mein­me­di­zi­nern wird es dann in den nächs­ten zehn Jah­ren nicht mehr geben.

Mit dem Nach­wuchs in die­sem Bereich sieht es schon von Stu­di­en­seite her eher beschei­den aus. So gab es im Stu­di­en­jahr 2015/​2016 zwar ins­ge­samt 1.218 Medi­zin­ab­sol­ven­ten in Öster­reich. Von die­sen waren im Herbst 2017 aller­dings nur 745 als Ärz­tin oder Arzt in Öster­reich tätig.

Setzt sich diese Ent­wick­lung fort, kann man sich – auch ohne große rech­ne­ri­sche Fähig­kei­ten – leicht aus­rech­nen, dass die Nach­be­set­zung aller frei wer­den­den Stel­len von All­ge­mein­me­di­zi­nern nicht mög­lich sein wird.

Den Gip­fel der Para­do­xie lie­ferte jüngst die Poli­tik: Drei Jahre lang wer­den mit ins­ge­samt neun Mil­lio­nen Euro jeweils 25 zusätz­li­che Stu­di­en­plätze an der Para­cel­sus Medi­zin Pri­vat­uni­ver­si­tät Salz­burg finan­ziert. Dies ist nur ein Trop­fen auf den hei­ßen Stein und wirkt dar­über hin­aus frü­hes­tens in 10,5 Jah­ren (sechs Jahre Stu­dium plus 4,5 Jahre All­ge­mein­me­di­zi­ner-Aus­bil­dung). Mit die­sem Geld hätte man nicht nur finan­zi­elle Anreize für Aus­bil­dungs­in­itia­ti­ven in Kran­ken­häu­sern set­zen, son­dern auch die Lehr­pra­xis finan­zie­ren können.

Man sieht: Es geht ohne uns Ärzte nicht, wenn die Qua­li­tät der gesund­heits­po­li­ti­schen Ver­sor­gungs­struk­tur und die Qua­li­tät der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung im Sinne der Pati­en­ten stim­men sollen.

Um das zu gewähr­leis­ten, bedarf es der For­cie­rung und Finan­zie­rung einer qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Aus­bil­dung auf allen Ebenen.

Michael Lang
Mit­glied des Prä­si­di­ums und Finanz­re­fe­rent der ÖÄK

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2017