Stand­punkt – Dr. Agnes M. Mühl­gas­s­ner: Nichts bleibt, wie es ist

30.06.2017 | Standpunkt

© Gregor Zeitler

Es ist eines der wirk­lich gro­ßen Themen,das Ärz­tin­nen und Ärzte ebenso beschäf­tigt wie die Men­schen in die­sem Land: Wie wird die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in Zukunft aus­se­hen? Und: Wo wird diese Ver­sor­gung stattfinden?

Fra­gen rund um die­sen The­men­kom­plex gibt es der­zeit ver­mut­lich wesent­lich mehr als Ant­wor­ten dar­auf. Ange­fan­gen von der grund­sätz­li­chen Frage, ob Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­hei­ten in der aktu­ell geplan­ten Form tat­säch­lich die Lösung für alle Pro­bleme der Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich dar­stel­len über die Frage, wel­che Berufs­grup­pen in wel­cher Form dort zusam­men­ar­bei­ten sol­len bis hin zur kri­ti­schen Refle­xion, ob die immer wie­der gefor­derte und zwin­gend not­wen­dige Len­kung der Pati­en­ten­ströme weg von den Spi­tals­am­bu­lan­zen damit viel­leicht doch Rea­li­tät wird.

Der Gesund­heits­be­reich ist für Zukunfts­for­scher der inter­es­san­teste Bereich über­haupt, sagte Sven Jan­szky vor eini­ger Zeit bei einem Vor­trag in Wien. Warum? Er und auch viele andere erwar­ten in die­sem Bereich die größ­ten Ver­än­de­run­gen. Dabei geht es um Brain Tonic ebenso wie um Medi­cal Food – adap­tive Lebens­mit­tel zur Opti­mie­rung des Kör­pers. Für einen der welt­größ­ten Lebens­mit­tel­kon­zerne stellt Medi­cal Food künf­tig die größte Wachs­tums­sparte dar. Wenn 3D-Dru­cker schon jetzt Steaks, ja sogar ganze Häu­ser dru­cken kön­nen, eröff­nen sich hier nur mit eini­ger Vor­stel­lungs­kraft unge­ahnte Mög­lich­kei­ten. Der mor­gend­li­che Blick in den Spie­gel wird ver­ra­ten, wel­chen Nähr­stoff­man­gel man hat, wel­che Medi­ka­mente ein­zu­neh­men sind und in Pro­zent ange­ben, wie gesund oder krank man an die­sem Tag ist.

Die Welt, in der wir leben, wird in nur weni­gen Jah­ren eine ganz andere sein. Die Digi­ta­li­sie­rung wird unge­ahnte Aus­maße anneh­men. Der­zeit ver­dop­pelt sich inner­halb von drei Jah­ren die welt­weite Infor­ma­ti­ons­menge. Die gespei­cherte Infor­ma­ti­ons­menge wächst sogar vier­mal schnel­ler als die Welt­wirt­schaft, die Rechen­leis­tung von Com­pu­tern neun­mal schnel­ler. „Wer die Daten hat, hat die Macht. Daten sind die neue Wäh­rung unse­rer Zeit“, erklärte Medi­zi­nethi­ke­rin Chris­tiane Woopen beim 120. Deut­schen Ärz­te­tag Ende Mai in Freiburg.

Das sind die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen, vor denen wir ste­hen. Medi­cal Food und Digi­ta­li­sie­rung stel­len dabei ver­mut­lich erst den Beginn einer Ent­wick­lung dar. Es wird zu einer Deva­lua­tion des Exper­ten­tums kom­men, pro­gnos­ti­ziert Zukunfts­for­scher Jan­szky. Dabei wer­den die­je­ni­gen ver­lie­ren, die ihr Wis­sen ver­kau­fen: Ver­tre­ter, Über­set­zer, Wis­sen­schaf­ter, Mak­ler, Ver­käu­fer, Leh­rer, Bera­ter und: Ärzte. Darin sieht er aber auch die größte Chance für Ärz­tin­nen und Ärzte, sich wie­der ihren urei­gens­ten Fähig­kei­ten zu wid­men: der Empa­thie und dem Gespräch.

Dr. med. Agnes M. Mühl­gas­s­ner
Chef­re­dak­teu­rin

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​30.06.2017