Öster­rei­chi­scher Gesund­heits­gip­fel: Medi­zi­nisch & menschlich

15.12.2017 | Poli­tik


Kann Gesund­heits­po­li­tik, die auf Finanz­lo­gik setzt und mensch­li­che Werte und Zeit weg­ra­tio­na­li­siert, eine gute Gesund­heits­po­li­tik sein? Über das Spa­ren in der Gesund­heits­po­li­tik – an finan­zi­el­len Mit­teln, (Per­­so­­nal-) Res­sour­cen und Zeit – dis­ku­tier­ten hoch­ka­rä­tige Exper­ten aus dem In- und Aus­land kürz­lich beim „Öster­rei­chi­schen Gesund­heits­gip­fel“ in Wien. Von Marion Huber

In Zei­ten, in denen die Bevöl­ke­rung mehr und älter wird, ist Spa­ren im Gesund­heits­we­sen nicht mög­lich“, warnte Univ. Prof. Tho­mas Sze­ke­res, Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen und Wie­ner Ärz­te­kam­mer, Anfang Dezem­ber beim „Öster­rei­chi­schen Gesund­heits­gip­fel“ in Wien. Man könne und müsse dafür sor­gen, dass die Kos­ten und das Wachs­tum nicht explo­die­ren – „und das ist nicht pas­siert“, so Sze­ke­res. Dem pflich­tete ÖÄK-Vize­­­prä­­si­­dent Johan­nes Stein­hart bei: „Wenn wir das Niveau in Öster­reich hal­ten oder sogar aus­bauen wol­len, wer­den künf­tig mehr Mit­tel nötig sein, nicht weni­ger.“ Die Medi­zin sei am Bedarf zu ori­en­tie­ren und nicht am BIP – schon gar nicht, wenn wir das soli­da­ri­sche Gesund­heits­sys­tem erhal­ten wol­len und „dafür ste­hen wir ein“, stellte Stein­hart klar. Und wei­ter: „Die Medi­zin darf nicht vom Spar­den­ken beherrscht werden.“ 

Wie finan­ziert und orga­ni­siert man in Zei­ten des demo­gra­phi­schen Wan­dels und des öko­no­mi­schen Drucks das Gesund­heits­sys­tem eines Sozi­al­staa­tes? Prof. Diet­rich Grö­ne­meyer, Pro­fes­sor für Gesund­heits­wirt­schaft an der Stein­beis Hoch­schule in Ber­lin, for­derte in sei­ner Eröff­nungs­rede „Gesund­heits­po­li­tik statt Krank­heits­in­ter­ven­tion“. Dass die Men­schen immer mehr und älter wer­den, hat große Fol­gen – nicht nur gesund­heit­lich gese­hen, aber auch: Chro­ni­sche Krank­hei­ten, Zivi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten, funk­tio­nelle Stö­run­gen etc. neh­men ebenso zu. Umso weni­ger könne man sich künf­tig nur auf die Repa­ra­tur­me­di­zin verlassen.

Vor­sorge, Prä­ven­tion, Pro­phy­laxe müss­ten mehr in den Vor­der­grund tre­ten. Das Motto von Grö­ne­meyer: „Vor­beu­gen statt Hei­len. Und den­noch: Hei­len statt Krank­spa­ren.“ Doch die Poli­tik habe das gigan­ti­sche Poten­tial der Vor­sorge noch nicht ver­stan­den. Anstatt durch Inves­ti­tio­nen in die Vor­sorge Spar­po­ten­tial zu heben, seien die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen drauf und dran, Ärzte zu rei­nen Funk­ti­ons­me­di­zi­nern zu degra­die­ren, die ihre Pati­en­ten güns­tig behan­deln sol­len. „Die­ser Weg ist welt­weit zu 100 Pro­zent der fal­sche“, ist Grö­ne­meyer überzeugt.

Man dürfe Inves­ti­tio­nen ins Sys­tem nicht nur als Kos­ten betrach­ten, son­dern deren Nut­zen in den Vor­der­grund stel­len. Medi­zin steht für Lebens­qua­li­tät, nicht für öko­no­mi­schen Erfolg. Was ist uns unsere Gesund­heit wert? – „Das kann man sich nicht von Öko­no­men sagen las­sen, das kann nur die Medi­zin beur­tei­len.“ Ergo: Die Medi­zin müsse in der Gesund­heits­po­li­tik ernst genom­men wer­den. Nur Hand in Hand könne man den Fort­be­stand der huma­nen Human­me­di­zin sichern. Für Grö­ne­meyer kommt es mehr denn je dar­auf an, High-Tech-Medi­­­zin und Kom­ple­men­tär­me­di­zin zu ver­ei­nen und eine inte­gra­tive Kul­­tur-über­­­grei­­fende Medi­zin zu schaf­fen. Dabei sieht er kei­nen Wider­spruch darin, medi­zi­nisch effi­zi­ent und zugleich für­sorg­lich und mensch­lich zu han­deln. Qua­li­ta­tiv hoch­wer­tige Medi­zin und soziale Werte sind bei­des grund­le­gende Prä­mis­sen des ärzt­li­chen Han­delns – „eines so wich­tig wie das andere“.

Dass man die Iden­ti­tät der Medi­zin – das Mensch­li­che, Soziale und Für­sorg­li­che – aus­löscht, indem man Spar­an­sätze und Finanz­lo­gik vor­an­stellt, davor warnte Medi­zi­nethi­ker Univ. Prof. Gio­vanni Maio von der Albert-Lud­­wigs- Uni­ver­si­tät Frei­burg. Durch diese fal­sche Vor­stel­lung – poli­tisch her­bei­ge­führt und gesteu­ert – hät­ten sich die Arbeits­be­din­gun­gen der Gesund­heits­be­rufe ver­schlech­tert. Der­art ver­schlech­tert, dass Maio sich wun­dert, wes­halb die Heil­be­rufe nicht viel öfter auf die Straße gin­gen und sich wehr­ten. „Medi­zin ist nun ein­mal kein Dienst­leis­tungs­sek­tor, ein Arzt kein Gesund­heits­diens­te­an­bie­ter und ein Pati­ent kein Kunde“, betonte der Medizinethiker.

Medi­zin lebt von sozia­len Wer­ten, die öko­no­misch nicht mess­bar sind, so Maio. „Ja, ein Arzt darf nicht ver­schwen­den. Den­noch ist er kein Wirt­schafts­un­ter­neh­men im klas­si­schen Sinn, kein aus­tausch­ba­rer Dienst­leis­ter, bei dem nur die Zah­len zäh­len.“ Heute ver­die­nen jene gut, die zah­len­mä­ßig viel machen – jene, die reflek­tiert han­deln und bewusst Hand­lun­gen unter­las­sen, die zuhö­ren und bera­ten, ver­die­nen wenig. Dabei gehe es in der Medi­zin um das ange­mes­sene, situa­ti­ons­be­zo­gene Han­deln. Es gehe darum, eine Aktion zu set­zen oder eben diese bewusst zu unter­las­sen. Der „pay for performance“-Ansatz schei­tere genau daran. Außen­ste­hende könn­ten nicht (er-)messen, was kon­kret für den ein­zel­nen Pati­en­ten das Beste ist. Maio wei­ter: „The­ra­pie ist kein plan­ba­rer Pro­zess: pro­duk­ti­ons­tech­ni­sche Werte zäh­len hier nicht, das Abspu­len von fixen Pro­gram­men und das sture Anwen­den von Algo­rith­men funk­tio­nie­ren nicht.“ Den­noch werde heute zu viel in Pro­zesse inves­tiert, zu wenig in Bezie­hun­gen. „Dank der High-Tech-Medi­­­zin kann man heute kleinste Details erken­nen, man sieht aber zu oft den Men­schen als Gan­zes nicht mehr“, gab der Medi­zi­nethi­ker zu beden­ken. Zu oft redu­ziere man auf das Fak­ten­wis­sen, betrachte den Pati­en­ten her­aus­ge­löst aus sei­ner Geschichte, sei­nem Umfeld und ver­lerne dadurch andere Wis­sens­for­men wie die Erfah­rung. Die eigent­li­chen Werte, wes­halb Gesund­heits­be­rufe ihren Dienst ange­tre­ten haben – Für­sorge, Sorg­falt, Acht­sam­keit –, dürf­ten nicht durch reine Finanz­lo­gik gestri­chen wer­den. „Eine Gesund­heits­po­li­tik, die die Zeit weg­ra­tio­na­li­siert, wird keine gute Gesund­heits­po­li­tik sein“, resü­mierte Maio. Die Medi­zin diene näm­lich nicht der Gewinn­ma­xi­mie­rung. „Sie ist eine soziale Pra­xis.“ Das Soziale, die Bezie­hung, die Zeit ste­hen für Maio im Mit­tel­punkt, Pro­spe­ri­tät ist sekundär. 

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2017