Kom­men­tar – Lukas Stär­ker: Zum Arzt­be­ruf anno 2035

15.08.2017 | Politik

Eine Viel­zahl sich ändern­der Rah­men­be­din­gun­gen und Vor­aus­set­zun­gen wird Ein­fluss auf das zukünf­tige ärzt­li­che Berufs­bild haben. Auf­grund der lan­gen Vor­lauf­zei­ten, bis kon­krete Maß­nah­men wir­ken, emp­fiehlt sich zeit­nah eine pro­funde Aus­ein­an­der­set­zung mit zukünf­tig zu erwar­ten­den Anfor­de­run­gen. Von Lukas Stärker*

Wie schaut der Arzt­be­ruf im Jahr 2035 aus? Wel­che Kennt­nisse und Fer­tig­kei­ten wer­den dann gefragt sein? Wel­che Son­der­fä­cher wer­den not­wen­dig sein? Wel­che Anfor­de­run­gen wird die zuneh­mende Digi­ta­li­sie­rung an Ärz­tin­nen und Ärzte stel­len? Wie sollte die uni­ver­si­täre Aus­bil­dung aus­se­hen, um den 2035 bestehen­den Anfor­de­run­gen und Her­aus­for­de­run­gen best­mög­lich gewach­sen zu sein? Wie die post­pro­mo­tio­nelle all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche Aus­bil­dung und die Facharztausbildung?

Die­sen und ähn­li­chen Fra­gen haben wir uns – kon­kret Poli­tik, Uni­ver­si­tä­ten und Stan­des­ver­tre­tung – zu stel­len, sie zukunfts­ge­rich­tet zu anti­zi­pie­ren und dann zu beantworten.

Situa­tion 2035

Im ers­ten Schritt gilt es, einen Blick auf die 2035 herr­schen­den Rah­men­be­din­gun­gen zu wer­fen bezie­hungs­weise diese so rea­li­täts­nah wie mög­lich zu skiz­zie­ren: Die Bevöl­ke­rung wird älter, die Zahl der Ärz­tin­nen wird – wie die aktu­el­len Stu­den­ten­zah­len zei­gen – deut­lich zuneh­men. Ebenso wird die Digi­ta­li­sie­rung wohl deut­lich mehr als heute den Arzt­be­ruf beein­flus­sen. Eine stete Her­aus­for­de­rung wird auch das Thema Kom­mu­ni­ka­tion blei­ben, ebenso wie die zuneh­mende Migra­tion und die The­ma­tik Bal­lungs­räume ver­sus Peri­phe­rie.

Anfor­de­run­gen

Wel­che Ärz­tin­nen und Ärzte wer­den pro futuro im Jahr 2035 daher in Öster­reich erfor­der­lich sein? Wel­che medi­zi­ni­schen Fach­spe­zia­li­tä­ten wer­den benö­tigt? Wie kann ein effek­ti­ver und effi­zi­en­ter Mix aus ärzt­li­chen Gene­ra­lis­ten neuen Typs und Spe­zia­lis­ten ent­wi­ckelt und garan­tiert wer­den? Wie gehen wir mit dem Phä­no­men Spe­zia­li­sie­rung und der damit ver­bun­de­nen Ein­engung um? Wie­viele Ange­hö­rige wel­ches Son­der­fa­ches bezie­hungs­weise All­ge­mein­me­di­zi­ner brau­chen wir an wel­chen Stand­or­ten – Stich­wort Son­der­fach­ver­tei­lung und regio­nale Ver­tei­lung? Wel­che Arbeits­zeit­mo­delle und Teil­zeit­for­men sichern Attrak­ti­vi­tät und Moti­va­tion? Wie las­sen sich Beruf und Fami­lie ver­ein­ba­ren?

Ärz­te­be­darf

In letz­ter Zeit häu­fen sich Mel­dun­gen über einen Ärz­te­man­gel. Wur­den ein­schlä­gige Hin­weise von Kam­mer­funk­tio­nä­ren vor eini­gen Jah­ren von der Poli­tik noch als nicht rele­vant abge­tan, so wird die­ses Thema nun erns­ter genom­men. Ein Rück­gang bei Stel­len­be­wer­be­rin­nen und Stel­len­be­wer­bern ist spür­bar. Dies ist jedoch nicht über­ra­schend, son­dern war viel­mehr vor­her­seh­bar. Ein Erfolgs­schlüs­sel ist daher ein sinn­vol­ler und moti­vie­ren­der Ein­satz der „Kern­res­source“ Arzt im Gesund­heits­sys­tem. Dies inklu­diert sowohl klare Ver­ant­wor­tungs- und Anord­nungs­struk­tu­ren, als auch moti­vie­rende Rah­men­be­din­gun­gen und Rege­lun­gen über etwa den Zugang zu Spi­tals­am­bu­lan­zen. Wei­ters muss der Admi­nis­tra­ti­ons­auf­wand redu­ziert und mehr Zeit für Medi­zin geschaf­fen wer­den. Zu kon­kre­ten Maß­nah­men siehe u.a. die Ärz­te­be­darf­stu­die „Ärz­tin­nen und Ärzte: Bedarf und Aus­bildngs­stel­len 2010 bis 2030“ der Gesund­heit Öster­reich GmbH (GÖG) aus dem Jahr 2012, an der auch die ÖÄK mit­ge­wirkt hat und die einen umfang­rei­chen Emp­feh­lungs­teil mit kon­kre­ten Maß­nah­men enhält.

Hinzu kom­men noch wei­tere Kern­fak­to­ren: Zum einen ver­sagt die Kopf­zahl als rele­vante Berech­nungs­grund­lage immer mehr, hinzu kom­men die The­men all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung, Son­der­fach­ver­tei­lung und die regio­nale Ver­tei­lung. Wei­ters wol­len Ärz­tin­nen und Ärzte eine adäquate Work-Life-Balance sowie in Teams arbei­ten. Dies erfor­dert attrak­tive Arbeits­be­din­gun­gen – Stich­wort mehr Medi­zin, weni­ger Admi­nis­tra­tion – samt Teil­zeit­mo­del­len und eine wert­schät­zende Umgangskultur.

Ver­sor­gung sicherstellen

Die rele­vante Frage lau­tet: Wie schaf­fen wir es in Öster­reich auf Basis die­ser Kern­fak­to­ren im Jahr 2035 die erfor­der­li­che Ärz­te­zahl samt erfor­der­li­cher Anzahl an All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin­nen und All­ge­mein­me­di­zi­nern, rele­van­tem Son­der­fach­mix und erfor­der­li­cher regio­na­ler Ver­tei­lung zur Ver­fü­gung zu haben? Wel­che Absol­ven­ten­zahl ist dafür erfor­der­lich? Wel­che Stu­di­en­an­fän­ger­zahl ist hier­für not­wen­dig? Län­ger­fris­tig wer­den wir es uns in Öster­reich nicht leis­ten kön­nen, dass circa ein Drit­tel der Absol­ven­ten des Medi­zin­stu­di­ums nie als Ärz­tin­nen und Ärzte in Öster­reich tätig wird.

Fazit

Auf­grund der aus der Aus­bil­dung – Stu­dium und Fach­arzt­aus­bil­dung dau­ern min­des­tens zwölf Jahre – resul­tie­ren­den lan­gen Vor­lauf­zeit für zukunfts­re­le­vante Wei­ter­ent­wick­lun­gen­soll­ten zukunfts­träch­tige und nach­hal­tige Ent­schei­dun­gen nun zügig in Angriff genom­men und getrof­fen werden. 

*) Dr. Lukas Stär­ker ist Kam­mer­amts­di­rek­tor der ÖÄK

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2017