Inter­view – Erwin Rasin­ger: Freien Beruf Arzt erhalten

10.02.2017 | Poli­tik

Im Früh­jahr begin­nen die Ver­hand­lun­gen über das neue Pri­mär­ver­sor­gungs­ge­setz. Vor­rang für inter­na­tio­nale Groß­in­ves­to­ren und staat­lich geführte Zen­tren sind für VP-Gesun­d­heits­­­s­pre­cher Erwin Rasin­ger ein abso­lu­tes No-Go, wie er im ÖÄZ-Gespräch erklärt.

ÖÄZ: Das Rin­gen um die künf­tige Form der Pri­mär­ver­sor­gung geht wei­ter. Wel­chen Stel­len­wert soll der Haus­arzt haben?
Rasin­ger: Der Haus­arzt ist die direk­teste Form der Pati­en­ten­be­treu­ung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich. Öster­reich und auch die Schweiz haben ein solch gut funk­tio­nie­ren­des Haus­arzt­sys­tem und ich sehe kei­nen Grund, wieso wir davon abwei­chen soll­ten. In Groß­bri­tan­nien und in Schwe­den ist die Kran­ken­schwes­ter der erste Ansprech­part­ner. Dort bekommt man – wenn über­haupt – inner­halb der nächs­ten sie­ben bis 14 Tage einen Ter­min beim Arzt. Ich sehe abso­lut kei­nen Grund, unser Sys­tem der nie­der­ge­las­se­nen Haus- und Fach­ärzte per­ma­nent schlechtzureden.

Wie soll es nun wei­ter­ge­hen?
Viele in der SPÖ set­zen auf teure, inef­fi­zi­ente Modelle wie in Groß­bri­tan­nien und Schwe­den. Auch ich bin sehr ver­är­gert, dass zum Bei­spiel Pati­en­ten­an­walt Bachin­ger den Haus­arzt in der Ein­zel­pra­xis her­ab­las­send als Aus­lauf­mo­dell bezeich­net. Im Regie­rungs­pro­gramm von ÖVP und SPÖ wurde auf mein Drän­gen hin ver­ein­bart, dass der Haus­arzt die erste Anlauf­stelle ist. Auch die Men­schen wol­len die per­sön­li­che Betreu­ung über lange Zeit, wohn­ort­nahe durch ein und den­sel­ben Arzt. Zen­trum heißt eben Zen­tra­li­sie­rung und ist das Gegen­teil von wohnortnahe.

Die Pläne gehen ja in eine andere Rich­tung, näm­lich dass es ver­mehrt PHC-Zen­­tren geben soll.
Da und dort Zen­tren, wo es Sinn macht, sind ok. Ich bin aber über das Gesund­heits­mi­nis­te­rium ver­är­gert, weil man zukünf­ti­gen Haus­ärz­ten nur mehr befris­tete Ein­zel­ver­träge geben wollte. Das habe ich vor­erst ver­hin­dert. 200 Mil­lio­nen Euro für vier Jahre sol­len zweck­ge­wid­met wer­den: das ist die reinste Augen­aus­wi­sche­rei. Damit kommt ja nicht mehr Geld ins Sys­tem. Im Früh­jahr wer­den wir mit der SPÖ über das Pri­mär­ver­sor­gungs­ge­setz ver­han­deln und über die Zukunft des Haus­arz­tes. Solange ich Gesund­heits­spre­cher der ÖVP bin, wird am freien Beruf Arzt nicht gerüttelt.

Wo ist für Sie die rote Linie?
Ein abso­lu­tes No-Go für mich ist, wenn es Vor­rang für inter­na­tio­nale Groß­in­ves­to­ren und staat­lich geführte Zen­tren gäbe. Inter­na­tio­nale Groß­in­ves­to­ren wer­den nur auf die Ren­dite schauen. Das ist das Ende für ein ver­trau­ens­vol­les Arzt-Pati­en­­ten­­ver­­häl­t­­nis. Ich bin für mehr pri­vat und weni­ger Staat und des­we­gen auch gegen staat­lich geführte Zen­tren, da sie meist teuer und sehr büro­kra­tisch sind.

Was ist Ihrer Ansicht nach not­wen­dig, um das Berufs­bild Haus­arzt wie­der attrak­tiv zu machen?
Wir benö­ti­gen drin­gend eine Anpas­sung der Tarife: die All­ge­mein­me­di­zi­ner in Öster­reich ver­die­nen rund 40 Pro­zent weni­ger als Fach­ärzte. Der Haus­arzt muss gleich viel wie der Fach­arzt erhal­ten, sonst wer­den wir kei­nen Nach­wuchs mehr bekom­men – siehe das Modell Baden-Wür­t­­te­m­­berg. Wir brau­chen end­lich die Finan­zie­rung der Lehr­pra­xen, eine echte Schande. In den letz­ten Jah­ren haben wir gerade ein­mal eine Mil­lion Euro dafür aus­ge­ge­ben. Das sind gerade ein­mal 100 Meter Auto­bahn. Aber wir geben mehr als 210 Mil­lio­nen Euro für den unnö­ti­gen Pen­­si­ons-Hun­­­der­­ter aus. Auch muss end­lich die unsin­nige Chef­arzt­bü­ro­kra­tie abge­schafft wer­den. Auch ELGA droht für die Ärz­tin­nen und Ärzte mehr Büro­kra­tie zu brin­gen, wenn es falsch auf­ge­setzt wird. Das skan­da­löse Spit­zel­tum Mys­tery Shop­ping gehört sofort abgeschafft.

Wie lau­tet Ihre Situa­ti­ons­ana­lyse des öster­rei­chi­schen Gesund­heits­sys­tems?
Unser Sys­tem ist sehr effi­zi­ent und im Ver­gleich zu Deutsch­land und Schweiz unter­fi­nan­ziert. Laut OECD-Sta­­tis­­tik aus dem Jahr 2013 sind es für Öster­reich 10,1 Pro­zent, für die Schweiz 11,1 Pro­zent und für Deutsch­land 11,0 Pro­zent. Ein Mehr ist oft mehr eine Frage des Wol­lens. Die ÖBB wer­den jähr­lich mit rund acht Mil­li­ar­den Euro sub­ven­tio­niert. Die 75 geplan­ten PHC-Zen­­tren bis 2020 wer­den den nie­der­ge­las­se­nen Bereich nicht ret­ten. Wir brau­chen min­des­tens 1.000 Kas­sen­plan­stel­len für Haus- und Fach­ärzte, um die Spi­tä­ler zu ent­las­ten. Das wäre ein Reform­schritt. Wir bil­den zwar in Öster­reich drei­mal so viele Stu­den­ten aus wie die USA, aber wir demo­ti­vie­ren die jun­gen Leute, indem wir sie oft zu Sprit­zen­scha­nis degra­die­ren. Wir müs­sen der Aus­bil­dung unse­rer Jun­gen mehr Augen­merk schen­ken. Uns feh­len dann die Ärzte, weil sie wegen bes­se­rer Arbeits­be­din­gun­gen ins Aus­land gehen und oft auch dort bleiben.

In die­ses Gesamt­bild passt auch das ursprüng­lich geplante Neben­be­schäf­ti­gungs­ver­bot für Ärzte.
Die Idee des Gewerk­schaf­ters und SPÖ-Gesun­d­heits­­­s­pre­chers Spin­del­ber­ger ist leis­tungs­feind­lich. Beim geplan­ten Neben­be­schäf­ti­gungs­ver­bot und Strei­chen des Wahl­arzt­kos­ten­rück­ersat­zes für Ärzte hat man extrem kurz­sich­tig gedacht. In Wien würde die Ver­sor­gung zusam­men­bre­chen, würde man das tat­säch­lich ein­füh­ren. Wir brau­chen mehr Ehr­lich­keit und Wert­schät­zung für die Ärzte. Das Ärzte-Bashing habe ich ein­fach satt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2017