Im Gespräch – Kon­rad Paul Liess­mann: Trend zur stän­di­gen Selbstvermessung

30.06.2017 | Poli­tik

Wer stän­dig sein Gewicht, sein Kör­per­fett, sei­nen Blut­zu­cker etc. kon­trol­liert, kann kein gesun­des Leben füh­ren – diese Ansicht ver­tritt der Phi­lo­soph Univ. Prof. Kon­rad Paul Liess­mann. Warum die­ses moderne Selbst­mo­ni­to­ring eine Form von Gesund­heits­wahn ist, erklärt er im Gespräch mit Claus Reitan.

ÖÄZ: Wel­ches Bild bie­ten Ihnen Gesell­schaft und Gegen­wart? Sind sie krank, machen sie krank?
Liess­mann: Nie­mals würde ich mich zur Behaup­tung ver­stei­gen, die Gesell­schaft sei krank. Eine Gesell­schaft ist kein Orga­nis­mus, der gesund oder krank sein kann. Men­schen kön­nen krank sein. Es wer­den in der öffent­li­chen Debatte jedoch gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen genannt, die nicht nur posi­tive Aus­wir­kun­gen haben, son­dern die den Ein­zel­nen in gewis­ser Weise psy­chisch oder phy­sisch krank wer­den las­sen. Dazu gehört die These vom ver­schärf­ten Wett­be­werbs­druck, der zu Bur­nout führt, oder von einem Lebens­stil, der Herz-Kreis­lauf­er­kran­­kun­­­gen aus­lö­sen kann. Man­che Unter­su­chun­gen zei­gen, dass der zu frühe Ein­satz von digi­ta­len Gerä­ten bei Kin­dern zu Stö­run­gen füh­ren kann. Ande­rer­seits wird die Lebens­weise zumin­dest in unse­rer Region gesün­der, mehr Men­schen ach­ten auf gesunde Lebens­füh­rung und Ernäh­rung. Das führt zur gegen­tei­li­gen These, der­zu­folge wir gera­dezu einem Gesund­heits­wahn unter­lie­gen. Ich ver­weise nur auf das moderne Selbst­mo­ni­to­ring, bei dem Men­schen ihre Kör­per­funk­tio­nen und Befunde stän­dig unter Beob­ach­tung haben. Diese Form von Gesund­heits­wahn ließe sich para­do­xer­weise eben­falls als eine Form gesell­schaft­li­cher indu­zier­ter ‚Krank­heit‘ bezeichnen.

Sie mei­nen diese stän­dige Selbst­ver­mes­sung des Ich …
… ja, darin könnte man ja gera­dezu einen patho­lo­gi­schen Zug sehen. Wenn man sich stän­dig im Blick hat und stän­dig kon­trol­liert, um eine Ide­al­norm zu errei­chen, etwa hin­sicht­lich des Kör­per­ge­wichts, des Kör­per­fetts, des Blut­zu­ckers etc. Wer den Blick per­ma­nent auf diese Mess­ergeb­nisse fixiert, der kann mei­nes Erach­tens kein gesun­des Leben füh­ren. Auch wenn die Ergeb­nisse groß­ar­tig sind. Doch der Trend zur stän­di­gen Selbst­be­ob­ach­tung wird ver­stärkt, weil die Ver­si­che­run­gen gera­dezu gie­rig danach sind, Daten über Lebens­stil und Ernäh­rung ihrer Kun­den zu erhal­ten. Das ist zwar aus der Per­spek­tive der Ver­si­che­run­gen nach­voll­zieh­bar, aber gesell­schafts­po­li­tisch erachte ich das für zutiefst pro­ble­ma­tisch.

Wes­we­gen? Wegen des darin lie­gen­den Men­schen­bil­des?

Weil damit das Prin­zip der Ver­si­che­rung durch­bro­chen wird, dem­zu­folge Men­schen für­ein­an­der ein­ste­hen, egal, aus wel­chen Grün­den jemand zum Ver­si­che­rungs­fall wird. Wird alles auf indi­vi­du­elle Ver­ant­wor­tung zurück­ge­führt, endet damit die soli­da­ri­sche Ver­si­che­rung. Dann gibt es je nach Lebens­stil indi­vi­dua­li­sierte Prä­mien und eben­sol­che Ver­si­che­rungs­ver­träge über Leis­tung und Gegenleistung.

Was spricht dage­gen?
Die­ses Modell beruht auf der Fik­tion, dass ein­zelne Lebens­stile wesent­lich gesün­der seien als andere. Für einige Para­me­ter mag dies zutref­fen, etwas das Rau­chen. Aber an einer Ver­kehrs­ader zu woh­nen und stän­dig mit Fein­staub belas­tete Luft ein­zu­at­men, birgt wahr­schein­lich ein grö­ße­res gesund­heit­li­ches Risiko in sich als das Leben im Grü­nen mit einer gele­gent­lich gerauch­ten Ziga­rette. Die Ver­si­che­run­gen jedoch wür­den dem Rau­cher eine höhere Prä­mie vor­schrei­ben und mit die­ser Macht dann Men­schen dazu brin­gen, Lebens­stile zu wäh­len, die sie nicht wol­len. Damit wäre die in unse­rer Gesell­schaft gewährte Frei­heit, zu leben, wie wir wol­len, gefährdet.

Der Wech­sel vom fami­liä­ren Sozi­al­ver­band in einen staat­li­chen galt als Zuge­winn an Frei­heit. Ist diese noch mög­lich?
Die indi­vi­du­elle Frei­heit ist durch staat­li­che Ver­si­che­run­gen gewähr­leis­tet, weil die Hilfe – im Unter­schied zum gewach­se­nen Sozi­al­ver­band – anony­mi­siert ist. Wenn ich im Krank­heits­fall auf fami­liäre Pflege ange­wie­sen bin, ist das etwas gänz­lich ande­res als ein Anspruch auf Betreu­ung, weil ich wie andere in einen gemein­sa­men Topf ein­be­zahlt habe. Die­ser Anspruch besteht unab­hän­gig davon, wie lange ein­be­zahlt wurde. Der­ar­tige Modelle haben his­to­ri­sche Vor­läu­fer, die bis ins Mit­tel­al­ter zurück­ge­hen, etwa im Berg­bau. Die Ent­wick­lung der Sozi­al­ver­si­che­rung im 19. und im 20. Jahr­hun­dert ist eine enorme Errun­gen­schaft – nicht für die Bequem­lich­keit der Men­schen son­dern als Grund­lage ihrer Frei­heit.

Doch der Mensch wird neu­er­dings digi­tal erfasst – und damit wer­den die Risi­ken wie­der indi­vi­dua­li­siert.

Ver­si­che­rung sol­len die Risi­ken auf­tei­len, nicht indi­vi­dua­li­sie­ren. Es gibt Ansätze, das außer Kraft zu set­zen. Wird jedoch die Ver­ant­wor­tung voll­stän­dig an die Per­son zurück­ge­ge­ben, könnte das in Unfrei­heit umschla­gen. Selbst­ver­ständ­lich kann und darf man nicht ver­ant­wor­tungs­los leben, und es gibt etwa Sport­ar­ten, die mit einem so hohen Risiko ver­bun­den sind, das man über erhöhte Prä­mien nach­den­ken kann. Aber den Lebens­stil gene­rell zum Aus­gangs­punkt der Ver­si­che­rungs­prä­mie zu neh­men, ist pro­ble­ma­tisch. Was näm­lich als gut oder schlecht gilt, ändert sich stän­dig, wie zu beob­ach­ten ist. Ich emp­fehle, hier behut­sam zu sein.

Ver­si­che­rung setzt Soli­da­ri­tät vor­aus, diese wie­derum Homo­ge­ni­tät und Gleich­heit unter Glei­chen. Könn­ten gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen, etwa Viel­falt und Zuwan­de­rung, dies unter­gra­ben?
Das sind poli­ti­sche Fra­gen, wobei zwi­schen einer Ver­­­si­che­­rungs- und einer Sozi­al­leis­tung zu unter­schei­den ist. Die Annahme, Soli­dar­ge­mein­schaf­ten set­zen Homo­ge­ni­tät vor­aus, ist falsch. Das Gegen­teil ist zutref­fend. Unter­schiede zwi­schen den Men­schen bestan­den immer, etwa hin­sicht­lich des Ver­mö­gens und der Gesund­heit. Kon­zepte der Sozi­al­ver­si­che­rung soll­ten diese Inho­mo­ge­ni­tät leb­bar machen.

Wie sehen Sie das Gesund­heits­we­sen: Spi­t­­zen- oder Repa­ra­­tur- und Zwei-Klas­­sen-Medi­­­zin?
Hin­sicht­lich des sehr guten Gesund­heits­we­sens in Öster­reich habe ich wenig an per­sön­li­cher Erfah­rung und wenig an Exper­tise, aller­dings einige Beob­ach­tun­gen. Es besteht eine Zwei-Klas­­sen- Medi­zin, wobei ich – vor dem Hin­ter­grund des Gesag­ten – dafür bin, das öffent­li­che Gesund­heits­we­sen zu stär­ken. Die, wie Sie es nen­nen, Repa­ra­tur­me­di­zin arbei­tet sich nicht nur an klas­si­schen Krank­heits­bil­dern ab, son­dern muss die Fol­ge­schä­den eines gesell­schaft­lich beding­ten Lebens­stils auf­neh­men und behe­ben, jeden­falls mil­dern. Ange­sichts stei­gen­der Lebens­er­war­tung ent­wi­ckelt sich das zusätz­li­che Gebiet der Alters­me­di­zin. Neu ist die aktu­elle und inter­na­tio­nal viel dis­ku­tierte Ent­wick­lung, wonach sich die Medi­zin von der The­ra­pie der Kran­ken zur Opti­mie­rung der Gesun­den bewegt. Der gesunde Mensch wird zum Objekt der Medi­zin, die sei­nen Kör­per und seine Leis­tun­gen ver­bes­sert. Aber natür­lich ist der Über­gang von der Medi­zin als The­ra­pie zur Medi­zin als Opti­mie­rungs­stra­te­gie fließend.

Der medi­zi­ni­sche Fort­schritt wirft neue Fra­gen am Anfang und am Ende des Lebens auf, wie Cari­­tas-Prä­­si­­dent Michael Landau ein­mahnt.
Alle Fra­gen am Anfang und am Ende des Lebens sind im Grunde genom­men phi­lo­so­phi­sche Fra­gen. Wann beginnt schüt­zens­wer­tes Leben? Was bedeu­tet es, men­schen­wür­dig zu ster­ben? Das Stu­dium eini­ger klas­si­scher phi­lo­so­phi­scher Autoren – etwa Epi­kur, Seneca, Mon­tai­gne und Hei­deg­ger – kann auch jedem Arzt inter­es­sante Ein­bli­cke und Anre­gun­gen bie­ten. Meine Posi­tion ist, dass es gerade am Beginn und am Ende des Lebens zu Situa­tio­nen und Kon­stel­la­tio­nen kom­men kann, die keine phi­lo­so­phisch, ethisch oder gesell­schafts­po­li­tisch sau­bere Lösung zulas­sen. Wir müs­sen auch mit tra­gi­schen Situa­tio­nen und unlös­ba­ren Kon­flik­ten rech­nen. Zudem ist ein wider­sprüch­li­ches Den­ken zu beob­ach­ten: einer­seits eine Medi­zin, die kaum mehr lebens­fä­hige Kör­per am Leben zu erhal­ten ver­mag, ande­rer­seits der Trend, schon bei einem gerin­gen Man­gel an Lebens­wil­len einen assis­tier­ten Sui­zid zuzu­las­sen, ja zu emp­feh­len. Für jede Posi­tion las­senm sich Argu­mente und vor allem indi­vi­du­elle Bei­spiele fin­den, die aber nur sehr schwer ver­all­ge­mei­ner­bar sind. Daher bin ich dafür, mit die­sen The­men sehr, sehr vor­sich­tig umzugehen.

Was ist das Gesün­deste an Ihrem Leben?
Einer Weis­heit der Antike zufolge, die ich für berück­sich­ti­gens­wert erachte, gibt es im Leben nichts an sich Kran­kes oder Gesun­des, son­dern es kommt auf das rechte Maß an. Auf die Dosie­rung. Ich zum Bei­spiel bin begeis­ter­ter Rad­sport­ler, aber wenn ich mich über­nehme, ist das nicht gesund. Es kommt für mich auf die Balance an zwi­schen einer geis­ti­gen Exis­tenz als Phi­lo­soph und Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor, die mir sehr wich­tig ist, und einem Exis­tie­ren im Leib, das mich dran erin­nert, dass ich auch einen Kör­per habe, der inten­siv erlebt wer­den kann.

Bei wel­chem Puls spü­ren Sie das so rich­tig?
Ein Puls von 150 ist schon noch mög­lich, ohne dass ich das Gefühl habe, ich müsste jetzt vom Rad steigen.

Zur Per­son

Stu­dium der Ger­ma­nis­tik, Geschichte und Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Wien, Pro­mo­tion 1979, Habi­li­ta­tion 1989. Von 2008 bis 2012 war Liess­mann Vize­de­kan der Fakul­tät für Phi­lo­so­phie und Bil­dungs­wis­sen­schaft. Seit 2010 ist er Vize­prä­si­dent der „Gesell­schaft für Bil­dung und Wis­sen“. 2011 wurde er als Pro­fes­sor für Metho­den der Ver­mitt­lung von Phi­lo­so­phie und Ethik an die Fakul­tät für Phi­lo­so­phie und Bil­dungs­wis­sen­schaft der Uni­ver­si­tät Wien beru­fen. Er ist unter ande­rem Lei­ter des For­schungs­krei­ses „Phi­lo­so­phie und Öffent­lich­keit“ und des Uni­ver­si­täts­lehr­gan­ges „Phi­lo­so­phi­sche Pra­xis“. Für das Phi­lo­so­phi­cum Lech zeich­net er seit 1996 als wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter ver­ant­wort­lich. Zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che und essay­is­ti­sche Arbei­ten zu Fra­gen der Ästhe­tik, Kunst- und Kul­tur­phi­lo­so­phie, Gesel­l­­schafts- und Medi­en­theo­rie sowie zur Phi­lo­so­phie des 19. und 20. Jahr­hun­derts. 2016 hielt er die Eröff­nungs­rede der Salz­bur­ger Festspiele.

Immer wie­der betei­ligt sich Kon­rad Paul Liess­mann an öffent­li­chen Debat­ten. In sei­nem Buch „Geis­ter­stunde: Die Pra­xis der Unbil­dung“ kri­ti­siert er das aktu­elle Bil­dungs­sys­tem. Eine „Rück­kehr zur sprach­li­chen Nor­ma­li­tät“ for­dert er etwa beim Thema geschlech­ter­ge­rechte Spra­che. Der­zeit zwinge ein „mini­ma­ler Pro­zent­satz kämp­fe­ri­scher Sprach­fe­mi­nis­tin­nen der nahezu 90-pro­­­zen­­ti­­gen Mehr­heit ihren Wil­len auf“. Mit Angli­zis­men hat es auch seine Pro­bleme: Er habe sich etwa lange „gegen den Angli­zis­mus Handy verwehrt“.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​30.06.2017