Stand­punkt – Vize-Präs. Karl Forst­ner: Ver­pflich­tung zur Selbstbeschädigung?

25.02.2016 | Stand­punkt

© AEK für Salzburg

Pro­gno­sen sind schwie­rig, beson­ders wenn sie die Zukunft betref­fen“, heißt es in einem Zitat, das unter ande­ren Niels Bohr zuge­schrie­ben wird. Wenn aber nun viele eine Dyna­mik bestim­mende Grö­ßen in eine ein­zige Rich­tung wei­sen und sich gar kein gegen­wir­ken­des Agens erken­nen lässt, wird die Auf­gabe leich­ter. Dafür könnte es nahezu kein bes­se­res Bei­spiel geben als die Pro­gnos­tik der ärzt­li­chen Ver­sor­gung in unse­rem Land. Die der­zei­tige Alters­struk­tur der Ärz­te­schaft, die demo­gra­phi­sche Ent­wick­lung mit Bevöl­ke­rungs­wachs­tum, die Ver­än­de­rung der Alters­ver­tei­lung und die auch bei Ärz­tin­nen und Ärz­ten ver­ständ­li­chen Erwar­tun­gen an die Work-Life-Balance wei­sen zunächst alle in die glei­che Rich­tung – zu einem erheb­li­chen Bedarf an ärzt­li­chem Nachwuchs.

Wird die­sem Bedarf in unse­rem Land nun ent­spro­chen? Öster­reich stellt zwar circa 1.500 Medi­­­zin-Stu­­di­en­­plätze zur Ver­fü­gung und leis­tet sich damit in Rela­tion zur Bevöl­ke­rung ein nahezu ein­ein­halb­fa­ches Ange­bot im Ver­gleich zu unse­rem deut­schen Nach­barn. Den­noch ist der Man­gel bereits prä­sent und wird sich in den nächs­ten Jah­ren dra­ma­tisch ver­dich­ten. Denn die Ana­lyse der Stan­des­füh­rungs­zah­len zeigt die Rich­tung und Dimen­sion des Pro­blems. Von den 1.500 Absol­ven­ten eines Medi­zin­stu­di­ums tra­gen sich bes­ten­falls 900 in die Ärz­te­liste der ÖÄK ein und ste­hen somit dem hei­mi­schen Gesund­heits­sys­tem zur Ver­fü­gung. Und wer tie­fer gräbt, stößt auf eine zen­trale Ursa­che: Wir ver­lie­ren über­wie­gend jene Absol­ven­ten aus dem Aus­land, die in Öster­reich Medi­zin stu­die­ren. Zwei­fel­los nut­zen auch öster­rei­chi­sche Absol­ven­ten aus den unter­schied­lichs­ten Grün­den zuneh­mend Mög­lich­kei­ten einer post­pro­mo­tio­nel­len Lauf­bahn im Aus­land – aller­dings in einer ver­gleichs­weise gerin­gen Dimen­sion. Dafür spre­chen sowohl die Zah­len der ÖÄK als auch die Sta­tis­ti­ken des Auslands.

Es ist zunächst ver­wun­der­lich, dass es Öster­reich offen­sicht­lich nicht gelingt, Absol­ven­ten des Aus­lan­des – über­wie­gend deut­scher Spra­che – in unse­rem Land zu hal­ten. Was macht die­ses Land falsch, dass wir die in einer Quo­ten­re­ge­lung auf 25 Pro­zent ein­ge­grenzte Zahl von Absol­ven­ten aus dem Aus­land über­wie­gend nicht in Öster­reich hal­ten kön­nen? Warum wen­det sich die grund­sätz­lich ja groß­ar­tige Frei­zü­gig­keit der Stu­di­en­platz­wahl in der EU hier gegen das Gastland?

Ja, der Ein­wand, dass Ausbildungs‑, Arbeits- und Ein­kom­mens­be­din­gun­gen hier im Ver­gleich nach­hin­ken, wird auch rich­tig sein. Aber eine letzt­lich schlüs­sige Erklä­rung ist dies nicht. Ist es nicht viel­mehr dem Umstand geschul­det, dass wir bei der Stu­di­en­platz­wahl in der Medi­zin nicht das Ergeb­nis der schät­zens­wer­ten Frei­zü­gig­keit, son­dern des man­gel­haf­ten Ange­bots der Her­kunfts­län­der beob­ach­ten? Nicht die uni­ver­si­tä­ren Ange­bote unse­rer Uni­ver­si­täts­stand­orte sind das Motiv für ihre Aus­wahl, son­dern die Defi­zite der Her­kunfts­län­der. Die finan­zi­el­len Bür­den sind – wenn auch nicht zu ver­nach­läs­si­gen – aller­dings nicht das füh­rende Pro­blem (Die Kos­ten für den Absol­ven­ten eines Medi­zin­stu­di­ums betra­gen laut Sta­tis­tik­hand­buch des Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­ums etwa in Wien stolze 460.000 Euro.).

Weit­aus fol­gen­rei­cher für unser Land wird der unter ande­rem auch dar­aus fol­gende Man­gel an Ärz­tin­nen und Ärz­ten sein. Es ist nur schwer ver­ständ­lich, dass unsere Poli­tik hier ange­sichts der sich abzeich­nen­den Ver­sor­gungs­pro­ble­ma­tik nicht enga­giert Lösun­gen auf euro­päi­scher Ebene sucht. Bis zu einer sol­chen Lösung ist auch die mit­tels der Quo­ten­re­ge­lung ein­ge­schränkte Frei­zü­gig­keit der Stu­di­en­an­ge­bote grund­sätz­lich zu hin­ter­fra­gen. Der Ver­weis auf die Unver­än­der­bar­keit euro­päi­scher Nor­men ist ange­sichts der der­zeit lau­fen­den Debat­ten um die Ände­rungs­wün­sche Groß­bri­tan­ni­ens zu wenig ambi­tio­niert und lässt ele­men­tare Inter­es­sens­la­gen von Öster­reich unbe­rück­sich­tigt. Frag­los sind und wol­len wir euro­päi­schen Wer­ten ver­pflich­tet sein, zur Selbst­be­schä­di­gung besteht aber keine Verpflichtung.

Karl Forst­ner
1. Vize­prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 4 /​25.02.2016