Stand­punkt – Vize-Präs. Karl Forst­ner: Alle wol­len mitreden

15.08.2016 | Standpunkt

© AEK für Salzburg

Der Begriff Pleon­e­xie beschreibt den Drang, trotz man­geln­der Sach­kennt­nis über­all mit­re­den zu wol­len. Just daran mag man kürz­lich erin­nert wor­den sein, als man über die Medien hef­tige Kri­tik des Haupt­ver­ban­des an der ÖÄK wegen der ver­meint­li­chen Träg­heit bei der Bear­bei­tung von bean­trag­ten Aus­bil­dungs­stel­len im Zusam­men­hang mit der neuen Aus­bil­dungs­ord­nung ver­neh­men konnte. Sogar die dro­hende Gefahr einer Man­gel­ver­sor­gung wurde wort­reich besorgt an die Wand gemalt. Völ­lig unbe­grün­det – wenn­gleich auch das nahezu syn­chrone Her­an­tra­gen von meh­re­ren 1.000 Anträ­gen tat­säch­lich eine erheb­li­che orga­ni­sa­to­ri­sche Her­aus­for­de­rung dar­stellt. Aber darum ging es dem Haupt­ver­band wohl gar nicht bei die­ser Wort­mel­dung. Viel­mehr sollte der Blick auf eigene Unzu­läng­lich­kei­ten und Ver­säum­nisse ver­schlei­ert wer­den. Denn viel­fäl­tig sind die Ursa­chen für die man­gelnde Attrak­ti­vi­tät von Kas­sen­stel­len und dadurch bre­chen nun tat­säch­lich Ver­sor­gungs­lü­cken zuneh­mend auf. Und die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen las­sen nichts Gutes erwarten.

So per­ver­tie­ren die in Dis­kus­sion um die Pri­mär­ver­sor­gung ste­hen­den Pla­nungs­voll­mach­ten von Poli­tik und Sozi­al­ver­si­che­rung jene Balance der Sozi­al­part­ner­schaft, die über Jahr­zehnte das zumin­dest von unse­rer Bevöl­ke­rung geschätzte Gesund­heits­sys­tem wesent­lich mit­ge­stal­tet hat. Dass damit die Geschäfts­grund­lage des Gesamt­ver­tra­ges und damit die kas­sen­ärzt­li­che Ver­sor­gung beschä­digt, ja in Frage gestellt wird, küm­mert diese Regie­rung im Macht­rausch ver­däm­mern­der Legi­ti­ma­tion wohl nicht. Poli­tik nach Guts­herrn-Art inter­es­siert sich nicht für die Kos­ten der Umset­zung und War­tung von büro­kra­ti­schen Inno­va­tio­nen wie etwa ELGA. Sie setzt sie per Gesetz ganz ein­fach in Kraft und ver­ord­net somit die Kos­ten den Leistungserbringern.

Mit Mys­tery Shop­ping wird man gele­gent­lich Fehl­leis­tun­gen auf­de­cken, ja man wird viel­leicht sogar einige „schwarze Schafe“ iden­ti­fi­zie­ren. Aber um wel­chen Preis? In Ver­ken­nung jed­we­der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit stellt man einen gan­zen Berufs­stand unter Gene­ral­ver­dacht. In das vom Ver­trauen lebende pri­vi­le­gierte Ver­hält­nis zwi­schen Arzt und Pati­ent wer­den so Vor­sicht, Unsi­cher­heit und Zwei­fel bis hin zur Ängst­lich­keit getra­gen. Hier wird eine der Grund­la­gen des ärzt­li­chen Berufs von tech­no­kra­ti­scher Klein­geis­tig­keit atta­ckiert und wohl auch beschädigt.

Gerade die letz­ten Monate zei­gen es: Die Ver­än­de­rungs­dy­na­mik unse­rer Gesell­schaft nimmt zwei­fels­frei rasant zu. Die­ser Ent­wick­lung wird sich das Gesund­heits­sys­tem mit all sei­nen Akteu­ren nicht ent­zie­hen kön­nen. Dies ist natür­lich auch den Ärz­tin­nen und Ärz­ten klar. Es sollte aber auch der Poli­tik ein­leuch­ten, dass auch bei die­ser Berufs­gruppe Geduld und Gleich­mut bis hin zur Lei­dens­fä­hig­keit begrenzt sind.

Karl Forst­ner
1. Vize­prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2016