Stand­punkt – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: Die „Neue Aufklärung“

10.09.2016 | Stand­punkt

© Dietmar Mathis

Ver­nunft und Frei­heit des Men­schen waren tra­gende Grund­werte der Auf­klä­rung des 18. Jahr­hun­derts. Diese domi­nier­ten die wis­sen­schaft­li­che, phi­lo­so­phi­sche, soziale und poli­ti­sche Ent­wick­lung. Welt­weit zuneh­mende Ideo­lo­gi­sie­rung, Radi­ka­li­sie­rung und aus­gren­zende Natio­na­lis­men aber auch ein unre­flek­tier­ter Glaube an den Ein­fluss des Staa­tes und der Ruf an ihn, Rege­lun­gen für alle Lebens­la­gen zu erlas­sen, unter­gra­ben die Werte der Auf­klä­rung, las­sen den Wunsch nach einer „Neuen Auf­klä­rung“ wach werden.

Auch das Forum Alp­bach stellte sich heuer die­ser intel­lek­tu­el­len Her­aus­for­de­rung. In den Gesund­heits­ge­sprä­chen galt es, die Medi­zin von alten Mythen zu befreien und für neue Per­spek­ti­ven zu öff­nen. Einer der Ansätze war die ful­mi­nante Ent­wick­lung der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie. Sie ermög­licht es, Daten in bis­her nie dage­we­se­ner Menge anzu­häu­fen, zu ver­ar­bei­ten und ver­füg­bar zu machen. Big Data, der Über­be­griff für diese Mög­lich­kei­ten im Umgang mit digi­ta­li­sier­ten Daten, erweckt in der Medi­zin große Erwar­tun­gen, aber auch Sorgen.

Eine Wider­sprüch­lich­keit als gesell­schaft­li­ches Span­nungs­ver­hält­nis zwi­schen blin­der Tech­no­lo­gie­gläu­big­keit und Fort­schritts­ver­wei­ge­rung, zwi­schen tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten und ihren Inter­pre­ta­tio­nen und Auswüchsen. 

Span­nende The­men also, die heuer ins Tiro­ler Berg­dorf Alp­bach lock­ten. „Neue Auf­klä­rung“ als intel­lek­tu­elle Bewe­gung, als Auf­for­de­rung, Alt­her­ge­brach­tes radi­kal zu hin­ter­fra­gen und mit den Mit­teln der Ver­nunft – auf Fak­ten basie­rend – men­schen­ge­rechte Lebens­be­din­gun­gen in Frei­heit und Würde zu defi­nie­ren. Soweit der große Ansatz.

In den Mühen der Ebene hat­ten sich die Forums­teil­neh­mer dann etwa mit dem Thema „Elek­tro­ni­sche Pati­en­ten­da­ten in der kli­ni­schen Rou­tine“ zu befas­sen. Dabei musste man rasch erfah­ren, dass die Rou­tine aus der jahr­zehn­te­lan­gen Anwen­dung der digi­ta­li­sier­ten Pati­en­ten­da­ten in den Kran­­ken­haus-Infor­­ma­­ti­on­s­­sys­­te­­men der Spi­tä­ler oder in den elek­tro­ni­schen Kran­ken­ak­ten der Ordi­na­tio­nen nie­der­ge­las­se­ner Ärzte kein Thema waren. Ansatz­los stürz­ten sich die Dis­ku­tan­ten auf ELGA und die sich darum ran­ken­den Mythen. Knüp­pel­dick und Schlag auf Schlag diese aufzeigend.

Die Ärz­te­kam­mer hätte die Ein­füh­rung von ELGA ver­zö­gert, so der erste Mythos. Zum gene­rel­len Blo­cka­de­vor­wurf an die Stan­des­ver­tre­tung gestei­gert, ent­wi­ckelte sich dar­aus ein pau­scha­ler Mas­­ter-Mythos als Erklä­rung für alle Unwäg­bar­kei­ten, tech­ni­schen Ver­zö­ge­run­gen oder schlicht Unfä­hig­kei­ten in der Ent­wick­lung unse­res Gesund­heits­sys­tems im All­ge­mei­nen und von ELGA im Beson­de­ren. Der Applaus auf offe­ner Bühne war den Wort­füh­rern gewiss. Den­noch ließ der Mythos einer schon funk­tio­nie­ren­den ELGA nicht lange auf sich war­ten. Als Beweis der Funk­tion prä­sen­tierte man stolz die seit Dezem­ber 2015 gespei­cher­ten Befunde, nahezu 1,6 Mil­lio­nen. Als ob sich die medi­zi­ni­sche Funk­tion und Qua­li­tät von ELGA an der Spei­cher­ka­pa­zi­tät der Ser­ver bemes­sen würde und alles andere aus­schließ­lich den Ärz­ten zuzu­schrei­ben sei. Ein­fach und knapp also: ELGA und der Mythos der Unfehl­bar­keit der Technik.

Mög­li­che Gefah­ren aus der Tech­nik, die erfah­rungs­ge­mäß immer dann auf­tre­ten, wenn sie als Hilfs­mit­tel in kom­pli­zier­ten Arbeits­pro­zes­sen ein­ge­setzt wird oder kom­plexe Hand­lungs­mus­ter abge­bil­det wer­den, wur­den geleug­net. Starr wurde der Mythos gelebt, mit aus­rei­chen­den Sicher­heits­stan­dards die Tech­nik im Griff zu haben. Dies mache – so der Tenor – eine fak­ten­ba­sierte Dis­kus­sion mit medi­zi­ni­schen Exper­ten ohne­hin unnötig.

„Neue Auf­klä­rung“ tut drin­gend Not! Soweit war das Thema des Forums Alp­bach rich­tig gewählt. Weg mit alten Mythen! Auch diese Auf­for­de­rung hätte den Gesund­heits­ge­sprä­chen gut getan. Nur: Die Aus­wahl und Rele­vanz der Mythen, das Hin­ter­fra­gen, was Mythos oder Fak­tum ist und die Prio­ri­tä­ten­set­zun­gen hät­ten einer offe­nen, fai­ren und wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­sion bedurft.

Artur Wech­sel­ber­ger
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2016