Stand­punkt – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: Déjà-vu

10.11.2016 | Stand­punkt

© Dietmar Mathis

Nicht nur inhalt­lich und in der Form glei­chen die in den letz­ten Wochen von Bund, Län­dern und Sozi­al­ver­si­che­run­gen ver­han­del­ten Staats­ver­träge zur Orga­ni­sa­tion und Finan­zie­run­gen des Gesund­heits­we­sens ihren Vor­gän­gern. Auch das Ritual und die Dis­kus­sio­nen darum oder die Auf­re­gun­gen, die sie in der Ärz­te­schaft aus­lös­ten, sind den Vor­gän­gen des Jah­res 2012 nicht unähn­lich. Warum sollte es auch anders sein? Schließ­lich ver­hei­ßen sie Ver­än­de­run­gen im Gesund­heits­we­sen, die die leis­tungs­er­brin­gen­den Ärz­tin­nen und Ärzte zutiefst ver­un­si­chern. Sind es für die Spi­tals­ärz­te­schaft ihre Arbeits­be­din­gun­gen im Kran­ken­haus, die sich zu ihrem Nach­teil ändern könn­ten, so tref­fen die geplan­ten Neue­run­gen die pra­xis­füh­ren­den Ärzte als Klein­un­ter­neh­mer in ihrer beruf­li­chen Exis­tenz. Plötz­li­che Sys­tem­ver­än­de­run­gen, die ihre Pläne in der Pra­xis­füh­rung über­falls­ar­tig und uner­war­tet durch­kreu­zen, lösen Unsi­cher­heit und Irri­ta­tio­nen aus. Statt har­mo­ni­scher, län­ger­fris­tig erkenn­ba­rer Wei­ter­ent­wick­lung dro­hen abrupte Sys­tem­brü­che. Poli­ti­sche Rich­tungs­schwenks ohne Rück­sicht auf die, die sich mit unter­neh­me­ri­schem Risiko der Pati­en­ten­ver­sor­gung ver­schrie­ben haben, dro­hen lang­fris­tige Unter­­neh­­mens- und Ver­sor­gungs­stra­te­gien auf den Kopf zu stel­len: Kas­sen­ärz­ten wird die Kon­kur­renz basis­ver­sor­gen­der, von der öffent­li­chen Hand unter­stütz­ter Kran­ken­an­stal­ten pro­gnos­ti­ziert, Wahl­ärz­ten die Geschäfts­grund­lage durch den wie­der­holt ange­dach­ten Weg­fall des Wahl­arzt­kos­ten­rück­ersat­zes, wenn schon nicht ent­zo­gen, dann doch immer­hin geschmälert.

Allein die Ankün­di­gung der zukünf­ti­gen Bevor­zu­gung grö­ße­rer Ein­hei­ten erzeugt bei den Ein­zel­kämp­fern Zukunfts­ängste. Diese ver­stär­ken sich, wenn die Pla­nung von Pri­mär­ver­sor­gungs­ein­hei­ten und ein­zel­nen Ver­trags­arzt­stel­len in regio­na­len Struk­tur­plä­nen per Ver­ord­nung fest­ge­schrie­ben wird. In den oft wenig kon­kre­ten For­mu­lie­run­gen der Bund-Län­­der-Ver­­ein­­ba­­rung fin­den sich zwar Hin­weise zur Umset­zung des „Teams um den Haus­arzt“. Inwie­weit aller­dings jene Haus­ärzte, die seit Jah­ren enga­gierte Pri­mär­ver­sor­gung im Rah­men der bis­he­ri­gen Mög­lich­kei­ten betrei­ben, auch Unter­stüt­zung zur not­wen­di­gen Inte­gra­tion der Ver­sor­gung erhal­ten wer­den, ist offen.

Bedroh­li­ches Neu­land eröff­net sich den Fach­ärz­tin­nen und Fach­ärz­ten. Das Zukunfts­kon­zept der Gesund­heits­po­li­tik will die Erbrin­gung fach­ärzt­li­cher Leis­tun­gen in mul­ti­pro­fes­sio­nel­len und inter­dis­zi­pli­nä­ren Ver­sor­gungs­struk­tu­ren. Die Erbrin­gung der ambu­lan­ten, fach­ärzt­li­chen Leis­tung am „best point of ser­vice“ meint nicht unbe­dingt die Ein­zel­pra­xis. Die bevor­zug­ten Ver­sor­gungs­punkte könn­ten ebenso in ambu­lan­ten Zen­tren oder Pra­xis­netz­wer­ken, in selbst­stän­di­gen Ambu­la­to­rien, aber auch im spi­tals­am­bu­lan­ten Bereich sein.

Bedro­hun­gen ohne zwin­gende Gründe. Schließ­lich lie­ßen sich die geän­der­ten Ver­sor­gungs­ziele, wel­che Demo­gra­fie und Epi­de­mio­lo­gie, aber auch aktu­elle wirt­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Prä­mis­sen erfor­dern, scho­nen­der und sys­tem­kon­for­mer errei­chen. Öster­reich ver­fügt über eine hoch­ent­wi­ckelte Gesund­heits­ver­sor­gung mit gro­ßer Akzep­tanz und Zufrie­den­heit in der Bevöl­ke­rung, wie das „Gesund­heits­ba­ro­me­ter“, eine Umfrage vom Sep­tem­ber die­ses Jah­res, wie­der bestätigt.

Worin wirk­lich Man­gel droht, ist die aus­rei­chende Sicher­stel­lung von Ärz­tin­nen und Ärz­ten im Rah­men der sozia­len Kran­ken­ver­sor­gung. Des­halb ist es wich­tig, neben der Siche­rung einer sta­bi­len Ver­sor­gungs­land­schaft für Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten, Ärz­tin­nen und Ärz­ten ent­ge­gen­zu­kom­men, sie zu moti­vie­ren. Sie und den ärzt­li­chen Nach­wuchs durch büro­kra­ti­sche und zen­tra­lis­ti­sche Ver­sor­gungs­kon­zepte zu ver­un­si­chern und abzu­schre­cken, ist jeden­falls der fal­sche Weg.

Artur Wech­sel­ber­ger
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 21 /​10.11.2016