Pro­jekt E‑Medikation: Zurück an den Start

25.09.2016 | Poli­tik

Ange­sichts der gerin­gen Zahl der teil­neh­men­den Ärzte, gra­vie­ren­der tech­ni­scher Pro­bleme und der nach wie vor unge­klär­ten Frage der Finan­zie­rung hat die Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte in ihrer jüngs­ten Sit­zung ein­stim­mig den sofor­ti­gen Stopp des Pro­jekts E‑Medikation im stei­ri­schen Deutsch­lands­berg gefordert.

Mehr Fra­gen als Ant­wor­ten gibt es nach dem mehr­mo­na­ti­gen Pro­jekt E‑Medikation im stei­ri­schen Deutsch­lands­berg. Die­sen Ein­druck hat jeden­falls der Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte, Johan­nes Stein­hart, bei einem Lokal­au­gen­schein gewonnen.

Von Ende Mai die­ses Jah­res bis Ende Sep­tem­ber war das Pro­jekt in Deutsch­lands­berg ter­mi­ni­siert; unmit­tel­bar dar­auf sollte schritt­weise die Umset­zung in allen Bun­des­län­dern fol­gen. So jeden­falls wurde es von Haupt­ver­band und SVC (Sozi­al­­ver­­­si­che­­rungs-Chip­­­kar­­ten Betriebs- und Errich­tungs­gesmbH) via Pres­se­aus­sen­dung beim Pro­jekt­start am 25. Mai die­ses Jah­res kommuniziert.

Schon beim Vor­gän­ger­pro­jekt – bekannt­lich wurde die E‑Medikation im Jahr 2011 in drei Test­re­gio­nen in Öster­reich getes­tet – hatte der Rech­nungs­hof Kri­tik an der gerin­gen Zahl der teil­neh­men­den Ärzte geübt (siehe Kas­ten). Beim aktu­el­len Pro­jekt in Deutsch­lands­berg hat­ten sich zu Beginn immer­hin 30 Ärzte zur Teil­nahme bereit erklärt, dar­un­ter ein Fach­arzt. Aktu­ell sind es gerade ein­mal zwölf Ärzte. Diese hät­ten ihm, Stein­hart, von „mas­si­ven EDV-Pro­­­ble­­men“ berich­tet. So konn­ten zu Beginn einige EDV-Fir­­men die erfor­der­li­che Soft­ware nicht zur Ver­fü­gung stel­len – und somit waren einige inter­es­sierte Ärzte von der Teil­nahme aus­ge­schlos­sen. Die­je­ni­gen, die dann tat­säch­lich am Pro­jekt teil­nah­men, fan­den sich plötz­lich in einem „Work-in-pro­­­gress“: Sie muss­ten den Sof­t­­ware-Betrei­­bern die Funk­tio­na­li­tät des Pro­gramms erklä­ren. Stein­hart dazu: „Die eigent­li­chen Beglei­ter des Pro­jekts sind also die Ärzte.“ 

Geht es nach den Vor­stel­lun­gen des Minis­te­ri­ums, soll dem Pro­jekt in Deutsch­lands­berg naht­los der Roll out auf ganz Öster­reich fol­gen – das kann sich der Kuri­en­ob­mann „über­haupt nicht“ vor­stel­len. „Wie soll das, was gerade ein­mal zwölf Ärzte aus­pro­bie­ren, naht­los auf 8.000 Kas­sen­ärzte und rund 2.000 bis 3.000 Wahl­ärzte aus­ge­rollt wer­den?“ Auch seien noch andere zen­trale Fra­gen wie etwa jene der Haus­apo­the­ken sowie der Haus­be­su­che unge­löst. „Eines ist jedoch fix: Den Ärz­ten dür­fen keine Kos­ten ent­ste­hen“, betont Steinhart. 

Kri­tisch bis ableh­nend äußern sich die am Pro­jekt betei­lig­ten Ärzte. Gott­fried Trinkl, All­ge­mein­me­di­zi­ner in Pöl­­fing-Brunn, bezeich­net das Pro­jekt als „die mit Abstand größte EDV-Bau­­stelle“ in den 28 Jah­ren sei­ner Pra­xis. Cle­mens Stanek wie­derum – er ist Wahl­arzt in Wies – meint: „Von der auf­wän­di­gen Daten­ein­gabe hat der All­ge­mein­me­di­zi­ner kei­nen Nut­zen. Dem steht jedoch ein hoher Zeit- und Kos­­ten-Ein­­satz gegen­über.“ All­ge­mein­me­di­zi­ner Gerald Stroh­meier aus Groß St. Flo­rian ergänzt: „Haupt­be­den­ken sind die unge­klär­ten Kos­ten.“ Mar­tin Mil­lauer, Inter­nist und Vize­prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark, über seine Erfah­run­gen: „Für die Ein­gabe von vier bis fünf Medi­ka­men­ten benö­tige ich fünf bis sechs Minu­ten. Das ist weder mei­nen Pati­en­ten noch mir zumut­bar.“ Durch die Gesprä­che mit den invol­vier­ten Ärz­ten sieht sich Stein­hart in sei­ner kri­ti­schen Hal­tung bestä­tigt. „Wir for­dern, dass das Ganze zurück an den Start geht.“

„Infra­struk­tur­pro­jekt“

Für den EDV-Refe­­ren­­ten der Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark, Diet­mar Bayer, ist klar: „Aus Sicht der EDV han­delt es sich hier um ein Infra­struk­tur­pro­jekt.“ Bayer wei­ter: „Doch der ganze Pro­zess ist feh­ler­haft auf­ge­setzt, denn es wurde kein Ziel gesetzt.“ Ebenso ist keine Eva­lu­ie­rung vor­ge­se­hen. „Ein Pro­jekt ohne Eva­lu­ie­rung ist eine Tot­ge­burt“, so die harte Kri­tik. Dar­über hin­aus sieht der EDV-Experte „enorme Kos­ten“ auf die Ärz­tin­nen und Ärzte zukom­men. Spe­zi­ell in den Fäl­len, wenn eine alte Soft­ware vor­han­den ist und alles neu auf­ge­setzt wer­den muss – was in der Regel eine Schlie­ßung der Ordi­na­tion für zwei oder drei Tage erfor­dert –, ist mit Inves­ti­ti­ons­kos­ten von rund 10.000 Euro zu rechnen.

Stein­harts Antrag auf eine vor­über­ge­hende Aus­set­zung des stei­ri­schen Pro­be­lau­fes wurde in der Bun­des­ku­rie ein­stim­mig ange­nom­men. Denn – so heißt es wört­lich in der Ent­schlie­ßung – „die Ärzte kön­nen nicht als Ver­suchs­la­bor für Tech­­nik-Fir­­men her­hal­ten. Außer­dem ist die Frage der Finan­zie­rung nach wie vor unge­klärt.“ Sind die gefor­der­ten Nach­bes­se­run­gen erfolgt und liegt eine Finan­zie­rungs­zu­sage vor, soll ein tat­säch­li­cher Pro­be­be­trieb statt­fin­den mit einer reprä­sen­ta­ti­ven Menge von Ärz­ten, in der auch eine ent­spre­chende Anzahl von Fach­ärz­ten ein­ge­bun­den ist. Wei­ters muss in einem sol­chen Pro­be­be­trieb auch das Pro­ce­dere bei Haus­be­su­chen, Heim­be­su­chen sowie bei Haus­apo­the­ken berück­sich­tigt wer­den. Im Anschluss ist jeden­falls eine Eva­lu­ie­rung mit Unter­stüt­zung der Ärz­te­kam­mer erforderlich.

Das Vor­gän­ger­pro­jekt

Hart ins Gericht geht der Rech­nungs­hof in sei­nem im Feber 2014 ver­öf­fent­lich­ten Bericht über die Eva­lu­ie­rung des Pilot­pro­jekts E‑Medikation in den drei Pilot­re­gio­nen. „Die Aus­sa­ge­kraft des Pilot­pro­jekts war aller­dings durch meh­rere Fak­to­ren ins­be­son­dere durch die geringe Teil­neh­mer­zahl und die feh­lende Flä­chen­de­ckung erheb­lich ein­ge­schränkt.“ Als Test­re­gio­nen aus­ge­wählt wur­den damals die Wie­ner Bezirke Flo­rids­dorf und Donau­stadt, die ober­ös­ter­rei­chi­sche Region Wels-Gries­­kir­chen sowie die Region Reutte- Zams in Tirol. Das ehr­gei­zige Ziel, fünf Pro­zent der dort ansäs­si­gen E‑Card-Besi­t­­zer ein­zu­schlie­ßen, wurde nicht erreicht. Die Teil­nahme lag bei 0,6 Pro­zent (Wien), bei 1,5 Pro­zent in Ober­ös­ter­reich sowie bei 2,3 Pro­zent in Tirol. Und anstelle der ange­streb­ten Teil­nahme von „zumin­dest“ 150 Ärz­ten waren es im Eva­lu­ie­rungs­zeit­raum ledig­lich 85. 

Ebenso kri­ti­sierte der Rech­nungs­hof wei­tere kon­krete „Män­gel in der Pro­jekt­durch­füh­rung“ – etwa, dass der Kos­ten­rah­men um 25 Pro­zent über­schrit­ten wurde. So ver­ur­sachte bei­spiels­weise allein die Ver­schie­bung des Pro­jekt­starts von Dezem­ber 2010 auf April 2011 Mehr­kos­ten von rund 189.000 Euro. Schon damals kon­sta­tierte der Rech­nungs­hof: „Die Benut­zer­freund­lich­keit, die Soft­ware­qua­li­tät und die Ant­wort­zei­ten für den End­an­wen­der waren laut Eva­lu­ie­rungs­stu­die verbesserungsfähig.“

Die im Arbeits­pa­pier der ELGA GmbH genannte jähr­li­che Kos­ten­dämp­fung durch die E‑Medikation ab 2017 in der Höhe von 6,7 Mil­lio­nen Euro auf­grund der Ver­mei­dung von Dop­pel­me­di­ka­tio­nen ist für die Prü­fer „nicht nach­voll­zieh­bar“. Der Rech­nungs­hof ermit­telte „nähe­rungs­weise“ ein Kos­ten­dämp­fungs­po­ten­tial des Pro­jekts von rund 88.000 Euro.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /​25.09.2016