Süchte: Eine kommt sel­ten allein

15.07.2016 | Medizin

Sex­sucht und Patho­lo­gi­sches Glücks­spiel tre­ten gehäuft zusam­men mit ande­ren Such­ter­kran­kun­gen auf. Bei den Betrof­fe­nen zeigt sich dar­über hin­aus eine hohe Komor­bi­di­tät mit Angst­stö­run­gen und Depres­sio­nen. Bei Jugend­li­chen in der Tran­si­ti­ons­phase ste­hen Angst­er­kran­kun­gen und Stö­run­gen des Sozi­al­ver­hal­tens an der Spitze.
Von Agnes M. Mühlgassner

Die Sex­sucht als Erkran­kung (Dia­gnose: Sexu­elle Sucht) finde sich weder im ICD 10 noch im DSM‑5 (Dia­gnos­ti­sches und Sta­tis­ti­sches Manual Psy­chi­scher Stö­run­gen), erklärte Univ. Doz. Chris­tina Raviola, kli­ni­sche Psy­cho­lo­gin und Psy­cho­the­ra­peu­tin in Wien, beim dies­jäh­ri­gen 6. Inter­na­tio­na­len Sucht­sym­po­sium am Grundl­see. Grund­sätz­lich handle es sich bei der Sex­sucht (Hyper­se­xual Dis­or­der, Hyper­se­xua­li­tät, exzes­si­ves Sexu­al­ver­hal­ten) um ein hete­ro­ge­nes Krank­heits­bild; bei der Dia­gnose ent­schei­dend sei der Lei­dens­druck des Pati­en­ten. Die Prä­va­lenz der Sex­sucht beträgt rund drei bis sechs Pro­zent der Gesamt­be­völ­ke­rung mit einem Ver­hält­nis von 5:1 zwi­schen Män­nern und Frauen, wobei „die Frauen mas­siv auf­ho­len“, wie Raviola betont.

Auf neu­ro­bio­lo­gi­scher Ebene lie­gen die Ursa­chen für die exzes­sive Sex­sucht „ver­mut­lich“ (Raviola) im sero­toner­gen (Stö­rung der Impuls­kon­trolle) und dopa­miner­gen Sys­tem (Ver­lan­gen, Moti­va­tion und Beloh­nung); wei­ters spie­len emo­tio­nal belas­tende Fak­to­ren (wie Gewalt oder Miss­brauch bei der Rei­fung des Gehirns) eine Rolle. Bedeu­tung haben auch andere Fak­to­ren wie das soziale Umfeld („bro­ken home“), Sub­stanz­miss­brauch in der Fami­lie, im Freun­des­kreis, in der Schule, Com­pu­ter­ab­hän­gig­keit, Spiel­sucht und auch eine patho­lo­gi­sche Paarbeziehung.

Sym­ptome der Sex­sucht sind Impuls­kon­troll­stö­rung mit sexu­ell auf­fäl­li­gem Ver­hal­ten, Man­gel an Bin­dung und Inti­mi­tät; Zwang­haf­tig­keit, Bezie­hungs­stö­rung bezie­hungs­weise Bezie­hungs­feind­lich­keit. Bei Betrof­fe­nen zeigt sich eine hohe Komor­bi­di­tät mit Angst­stö­run­gen (40 Pro­zent) und Depres­sio­nen (40 Pro­zent), Sub­stanz­ab­hän­gig­kei­ten (30 Pro­zent), Ess­stö­run­gen, Spiel­sucht und ADHS. Für die Behand­lung gibt es mul­ti­modale Ansätze: kogni­tive Ver­hal­tens­the­ra­pie, psy­cho­dy­na­misch ori­en­tierte Ver­fah­ren, Rück­fall-Ver­mei­dungs-The­ra­pie oder Phar­ma­ko­the­ra­pie. Ebenso wie bei den Anony­men Alko­ho­li­kern gibt es auch Hilfe bei den Anony­men Sexo­ho­li­kern. „Die meis­ten zie­hen jedoch eine Ein­zel­the­ra­pie vor“, weiß Raviola.

Cyber­sex: mas­siv im Steigen

Cyber-Sex­sucht gibt es nicht nur im Erwach­se­nen­al­ter, son­dern schon bei Jugend­li­chen; bereits in der 4. Klasse Volks­schule wür­den erst­mals sol­che Phä­no­mene regis­triert. Raviola wei­ter: „Rund 60 bis 70 Pro­zent der Jugend­li­chen schauen mit 13 Jah­ren regel­mä­ßig por­no­gra­phi­sche Dar­stel­lun­gen im Inter­net an.“ Mit dem 17. Lebens­jahr haben rund 90 Pro­zent der Jugend­li­chen Por­no­gra­phie im Inter­net gesehen.

Sucht bei Jugendlichen

„Etwa jedes fünfte, sechste Kind bis zum 18. Lebens­jahr hat psy­chi­sche Pro­bleme“, erklärte Ralf Gössl vom Kran­ken­haus Hiet­zing in Wien mit Neu­ro­lo­gi­schem Zen­trum Rosen­hü­gel. Wobei Such­ter­kran­kun­gen mit rund fünf bis sie­ben Pro­zent (ohne Niko­tin) nicht zu den häu­figs­ten zäh­len. An der Spitze ste­hen Angst­er­kran­kun­gen mit zehn bis 15 Pro­zent, gefolgt von Stö­run­gen des Sozi­al­ver­hal­tens mit fünf bis zwölf Pro­zent. Der Ver­lauf von psy­chi­schen Stö­run­gen im Kin­des-/Ju­gend­al­ter sieht wie folgt aus: Bei rund 50 Pro­zent kommt es inner­halb von ein bis fünf Jah­ren zu einer Remis­sion; rund zehn Pro­zent ver­lau­fen chro­nisch und „rund ein Drit­tel der Kin­der und Jugend­li­chen, die schon in Betreu­ung waren, kom­men dann auch in die Erwach­se­nen­psy­ch­ia­trie“, berich­tet Gössl.

Die „Tran­si­tion“, die Über­gangs­phase vom Jugend­al­ter ins Erwach­se­nen­al­ter, liegt etwa zwi­schen dem 15. und 25. Lebens­jahr und stellt eine „Zeit­phase mit vie­len psy­cho­so­zia­len Her­aus­for­de­run­gen dar“, so Gössl. Eine Reihe von struk­tu­rel­len Anfor­de­run­gen wer­den an die „Reife“, die mit Voll­jäh­rig­keit ver­bun­den wird, gestellt: Selbst­stän­dig­keit, Ver­läss­lich­keit, Kom­pe­tenz, Inte­gra­tion in die soziale Gruppe, Rol­len­über­nahme, Selbst­struk­tu­riert­heit, Ver­ant­wort­lich­keit, Moti­va­tion, Ver­nunft; Vor­aus­set­zung ist aber auch die Hal­tung der Angehörigen.

In die­ser Tran­si­ti­ons­phase kommt es zu neu­ro­bio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen, vor allem zu qua­li­ta­ti­ven Umbau­pro­zes­sen im Gehirn: Das maxi­male Hirn­vo­lu­men ist in der frü­hen Ado­les­zenz vor­han­den. Ab der Ado­les­zenz kommt es zu einem quan­ti­ta­ti­ven Abbau von grauer Sub­stanz, der Eli­mi­na­tion von über­flüs­si­gen syn­ap­ti­schen Ver­bin­dun­gen und zur Zunahme der wei­ßen Sub­stanz. Die­ser qua­li­ta­tive Umbau und die kom­plexe Rei­fung führ­ten zu pas­sa­ge­ren neu­ro­ko­gni­ti­ven Defi­zi­ten, erhöh­ter Impul­si­vi­tät, gerin­ge­rer Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz, erhöh­ter Anfäl­lig­keit für Sucht und ver­mehr­ter Anfäl­lig­keit für Affekt-getra­gene Hand­lun­gen. In die­ser Umbau­phase herrscht ein „Man­gel an hem­men­den Neu­ro­trans­mit­tern“, so Gössl wei­ter. Zusätz­lich zu die­sen inter­nen Fak­to­ren stel­len in der Tran­si­ti­ons­phase noch externe Fak­to­ren wie unstete Situa­tion bei Bil­dung, Arbeit und Bezie­hung eine wei­tere Her­aus­for­de­rung dar.

För­de­rung der Entwicklung

Psy­chi­sche Erkran­kun­gen haben immer einen Ein­fluss auf die psy­choemo­tio­nale Rei­fung, sagt Ralf Gössl. Und wei­ter: „Bei Jugend­li­chen ist die Behand­lung immer auch ein Stück Ent­wick­lungs­för­de­rung, nicht nur Sym­ptom­be­hand­lung.“ Die Über­gänge von der Kin­der und Jugend­psych­ia­trie zur Erwach­se­nen­psy­ch­ia­trie selbst bezeich­net Gössl als „schwie­rig“. Die Folge die­ser Schnitt­stel­len­pro­ble­ma­tik: „Wir ver­lie­ren viele Jugend­li­che. Zwi­schen 40 bis 70 Pro­zent set­zen die The­ra­pie ab.“ Dies wie­derum habe Rück­fälle, Aggra­vie­rung, Chro­ni­fi­zie­rung, Ein­schrän­kun­gen, Leid und erhöhte Kos­ten zur Folge. Die Tran­si­ti­ons­psych­ia­trie suche hier Opti­mie­rung; sie wolle laut Gössl struk­tu­rierte Ver­än­de­run­gen und Kooperation.

Patho­lo­gi­sches Glücksspiel

Patho­lo­gi­sches Glücks­spiel – wer kommt in Behand­lung? Mit die­ser Frage beschäf­tigte sich Prof. Lud­wig Kraus vom Insti­tut für The­ra­pie­for­schung Mün­chen. In den Ein­rich­tun­gen der ambu­lan­ten Sucht­hilfe wurde im Rah­men einer Ver­sor­gungs­stu­die zwi­schen 2009 und 2011 eine Stich­probe von 446 Kli­en­ten aus 36 ambu­lan­ten Sucht­hil­feein­rich­tun­gen in Bay­ern gezo­gen. Die Cha­rak­te­ris­tik der Behan­del­ten: in 88,8 Pro­zent han­delt es sich um Män­ner mit einem Durch­schnitts­al­ter von 36 Jah­ren. Das Spie­len an Geld­spiel­au­to­ma­ten hatte die höchste Prä­va­lenz (81,4 Pro­zent) und Prä­fe­renz (74,7 Pro­zent). 93 Pro­zent der Kli­en­ten hat­ten die Dia­gnose Patho­lo­gi­sches Glücks­spiel; 50,5 Pro­zent eine hohe psy­chi­sche Belas­tung und 47,4 Pro­zent wie­sen depres­sive Sym­ptome auf. Auch zeigte sich eine hohe Rate an Komor­bi­di­tä­ten wie affek­tive Stö­run­gen, Angst­stö­run­gen und Sucht­stö­run­gen. Nur 50 Pro­zent kamen häu­fi­ger als sechs Mal zur Behand­lung; 70 Pro­zent been­de­ten die The­ra­pie vorzeitig.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2016