Herz­er­kran­kun­gen und Depres­sion: Iden­ter Mecha­nis­mus als Ursache

Februar 2016 | Medi­zin

Über­durch­schnitt­lich oft fin­den sich Men­schen in der Bevöl­ke­rung, die sowohl an einer Herz­er­kran­kung als auch an einer Depres­sion lei­den. Grund dafür sind die glei­chen patho­phy­sio­lo­gi­schen Mecha­nis­men. Und: Eine Erkran­kung erhöht das Risiko für die andere – und umge­kehrt. Bei Pati­en­ten mit einer KHK wird daher eine Scree­­ning-Unter­­su­chung auf Depres­sion emp­foh­len. Von Verena Isak

Typi­scher­weise wird ein Pati­ent mit einem aku­ten Koro­nar­syn­drom und einer Angina pec­­to­­ris-Sym­­p­to­­ma­­tik ein­ge­lie­fert. Nach der Implan­ta­tion von zwei oder meh­re­ren Stents wird der Betref­fende dann nach zwei bis drei Tagen ent­las­sen – so das übli­che Pro­ce­dere. „Für einen vor­her Gesun­den ist das ein ein­schnei­den­des Erleb­nis“, sagt Ass. Prof. Harald Gabriel von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Innere Medi­zin II der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. Die­ser Belas­tungs­si­tua­tion wür­den sich Pati­en­ten oft erst Tage danach und erst nach ihrer Ent­las­sung zu Hause bewusst: „Sie sind dann meist sehr erschüt­tert, teil­weise depres­siv und stel­len sich Fra­gen wie ‚Was ist pas­siert?‘ oder ‚Wieso gerade ich?‘“ Wich­tig sei es dabei, im Zuge der kar­dia­len Reha­bi­li­ta­tion diese Gefühle anzu­spre­chen, erklärt der Experte. Und wei­ter: „Dabei muss auch berück­sich­tigt wer­den, dass Pati­en­ten erst Tage bis Wochen nach einem Infarkt in die Depres­si­vi­tät kom­men.“ Doch nicht nur nach einem Akut­ge­sche­hen, son­dern auch bei chro­ni­schen Herz­er­kran­kun­gen kom­men Depres­sio­nen häu­fig vor. Daher wird bei Pati­en­ten mit einer KHK eine Scree­­ning-Unter­­su­chung auf Depres­sion empfohlen.

Kar­dio­vasku­läre Erkran­kun­gen zäh­len mit einer Prä­va­lenz von etwa 20 bis 30 Pro­zent zu den Volks­krank­hei­ten – genauso wie Depres­sio­nen, an denen rund jede fünfte Frau und jeder zehnte Mann zumin­dest ein­mal in ihrem Leben erkran­ken. Dass diese bei­den Krank­hei­ten zusam­men auf­tre­ten kön­nen, ist also schon rein sta­tis­tisch gese­hen wahr­schein­lich – doch: „Es gibt eine über­zu­fäl­lige Häu­fung an Pati­en­ten, die sowohl unter einer Herz­er­kran­kung als auch einer Depres­sion lei­den“, sagt Univ. Prof. Hans-Peter Kapf­ham­mer von der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Medi­zi­ni­sche Psy­cho­lo­gie und Psy­cho­the­ra­pie der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Graz. Wäh­rend von ansonst Gesun­den etwa fünf bis sechs Pro­zent an einer depres­si­ven Stö­rung lei­den, ist die Prä­va­lenz der Pati­en­ten mit kar­dio­vasku­lä­ren Erkran­kun­gen wie etwa KHK, Angina pec­to­ris oder Herz­in­suf­fi­zi­enz mit 17 bis 27 Pro­zent signi­fi­kant höher. Kapf­ham­mer: „Das Risiko ist somit drei- bis vier­fach erhöht.“ Doch auch umge­kehrt besteht die­ser Zusam­men­hang: Eine Depres­sion erhöht das Risiko für Herz­er­kran­kun­gen um das Dop­pelte, erklärt er. Zum einen begüns­ti­gen ähn­li­che Risi­ko­fak­to­ren beide Erkran­kun­gen, zum ande­ren fin­den sich die­sel­ben Mecha­nis­men im Kör­per. „Ein nied­ri­ger sozio­öko­no­mi­scher Sta­tus, nied­ri­ges Ein­kom­men sowie wenig Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten im Beruf erhö­hen das Risiko für das Auf­tre­ten von sowohl einer KHK als auch einer Depres­sion“, stellt Gabriel fest.

Kapf­ham­mer ergänzt: „Patho­phy­sio­lo­gisch ste­cken hin­ter die­sen Erkran­kun­gen idente Sys­teme.“ So fin­det sich etwa eine ver­rin­gerte Herz­ra­ten­va­ria­bi­li­tät bei einer Depres­sion und auch bei einer KHK. „Durch diese Starr­heit in der Regu­la­tion ist das Herz stör­an­fäl­li­ger bei Belas­tung, wodurch es leich­ter zu Herz­rhyth­mus­stö­run­gen und plötz­li­chem Herz­tod kom­men kann“, erläu­tert er. Ein Grund dafür ist eine Dys­re­gu­la­tion von Sym­pa­thi­kus und Para­sym­pa­thi­kus. „Die Stell­funk­tion ist ver­än­dert, das auto­nome Ner­ven­sys­tem ist aktiv wie bei einer Flucht­re­ak­tion“, erklärt Gabriel. Dadurch kann es leich­ter zu einer Ischä­mie des Herz­mus­kels kom­men; auch der Gefäß­to­nus ist davon betroffen.

Auch Sero­to­nin spielt eine Rolle. Zen­tral hat Sero­to­nin Ein­fluss auf Schlaf, Sexua­li­tät, Appe­tit und Stim­mung, peri­pher auf die Blut­ge­rin­nung. „Bei einer Dys­funk­tion kommt es zu Gerin­nungs­stö­run­gen und zu einem erhöh­ten Risiko für Embo­lien und Throm­bo­sen“, erklärt Kapf­ham­mer. Des Wei­te­ren ist durch die Fehl­re­gu­la­tion der Cor­­ti­­sol-Achse unter ande­rem die Wund­hei­lung ver­zö­gert, die Pro­gres­sion einer Athe­ro­skle­rose ver­läuft schnel­ler und eine pro­in­flamma­to­ri­sche Reak­ti­ons­lage wird geför­dert. „Es kommt dadurch zu einem ver­früh­ten Auf­tre­ten von Athero­throm­bo­sen“, sagt Gabriel.

Diese Ent­zün­dungs­re­ak­tion im Kör­per führt auch zum sub­jek­ti­ven Gefühl der Erschöp­fung und Freud­lo­sig­keit, weiß Kapf­ham­mer. Neben Schmerz und Hoff­nungs­lo­sig­keit sind diese Sym­ptome typisch für eine depres­sive Ver­stim­mung bei Herz­er­kran­kun­gen. „Es ist mehr eine Depres­si­vi­tät als eine klas­si­sche Depres­sion, also eine mil­dere Ver­laufs­form mit kei­nem erhöh­ten Risiko für Sui­zid“, erklärt Gabriel. Den­noch ist es wich­tig, eine mög­li­che Depres­si­vi­tät adäquat zu behan­deln, denn: „Eine unbe­han­delte Depres­sion nach einem aku­ten Herzer­eig­nis erhöht die Mor­ta­li­tät um das Drei- bis Acht­fa­che. Auch Re-Infarkte sind im wei­te­ren Ver­lauf häu­fi­ger“, berich­tet Kapfhammer.

Bei der The­ra­pie gibt es sowohl psy­cho­the­ra­peu­ti­sche als auch phar­ma­ko­lo­gi­sche Ansätze. „In der Lite­ra­tur fin­den sich Hin­weise, dass eine Sub­gruppe von Ver­hal­tens­the­ra­pie gut pro­fi­tiert, wäh­rend andere wie­derum nicht dar­auf anspre­chen“, erläu­tert Kapf­ham­mer. Und wei­ter: „Eine gut lau­fende Psy­cho­the­ra­pie ist aber keine Pro­gnose für den Ver­lauf der Herz­er­kran­kung.“ Tri­zy­kli­sche Anti­de­pres­siva sind auf­grund von kar­dia­len Neben­wir­kun­gen kon­tra­in­di­ziert; SSRIs hin­ge­gen gel­ten als rela­tiv sicher und gut wirk­sam gegen Depres­sio­nen. „Es gibt Hin­weise auf einen posi­ti­ven Ein­fluss von SSRIs auf das Herz. Die Daten sind aller­dings nicht aus­rei­chend“, betont er.

Den­noch gäbe es laut Kapf­ham­mer eine Sub­gruppe von Pati­en­ten mit Depres­sio­nen und Herz­er­kran­kun­gen, die weder von SSRIs noch von einer The­ra­pie pro­fi­tie­ren. Diese zeich­nen sich durch eine grund­le­gende vitale Erschöpft­heit und Hoff­nungs­lo­sig­keit aus; oft sei im Kör­per eine Ent­zün­dungs­re­ak­tion nach­weis­bar: „Diese Pati­en­ten haben einen ungüns­ti­ge­ren Ver­lauf. In Zukunft wer­den viel­leicht anti­in­flamma­to­ri­sche Medi­ka­mente ein­ge­setzt. Momen­tan wird eine Kom­bi­na­tion aus Psy­cho­the­ra­pie und Anti­de­pres­siva angewendet.“

Auch das Per­sön­lich­keits­mus­ter spielt eine nicht unwe­sent­li­che Rolle. Wäh­rend Per­so­nen mit einer Typ A‑Persönlichkeit zwar auf­grund ihrer Eigen­schaf­ten Ärger und Feind­se­lig­keit ein erhöh­tes KHK-Risiko haben, fin­den sie sich aber bes­ser nach einem Herz­in­farkt zurecht, so Kapf­ham­mer. Gabriel ergänzt: „Men­schen mit einer Typ D‑Persönlichkeit, die eine über­wie­gende Ten­denz zu nega­ti­ven Gefüh­len haben und sozial inhi­biert sind, schei­nen eine eher schlech­tere Pro­gnose für KHK zu haben.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2016