4. Tag der All­ge­mein­me­di­zin: Der Unter­neh­mer Arzt

15.07.2015 | Poli­tik

Das Geschäfts­mo­dell Ordi­na­tion stand im Mit­tel­punkt beim 4. Tag der All­ge­mein­me­di­zin. Motto: „Frei­be­ruf­lich­keit und unter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung“. Ein­mal mehr zeigte sich, dass die Vor­stel­lun­gen von Spit­zen­re­prä­sen­tan­ten des öster­rei­chi­schen Gesund­heits­we­sens über die künf­tige Ver­sor­gungs­struk­tur im nie­der­ge­las­se­nen Bereich diver­gie­ren.
Von Agnes M. Mühlgassner

Als „intel­lek­tu­elle Pro­vo­ka­tion“ wollte Cle­mens M. Auer, Sek­ti­ons­chef im Gesund­heits­mi­nis­te­rium, seine Aus­füh­run­gen am dies­jäh­ri­gen Tag der All­ge­mein­me­di­zin, der von der ÖÄK gemein­sam mit der ÖGAM (Öster­rei­chi­sche Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin) ver­an­stal­tet wurde, ver­stan­den wis­sen. Laut Auer las­sen die nie­der­ge­las­se­nen All­ge­mein­me­di­zi­ner rund 100 Mil­lio­nen Euro „am Markt lie­gen“, weil sie die Pati­en­ten nicht betreuen, diese „mit den Füßen abstim­men“ und in die Spi­tals­am­bu­lan­zen ström­ten. Und er stellte in Frage, ob die nie­der­ge­las­se­nen All­ge­mein­me­di­zi­ner „ihr Markt­po­ten­tial wirk­lich aus­nut­zen“. Und wei­ter: „Wenn man als Unter­neh­mer rech­net, muss man sein Geschäfts­mo­dell kri­tisch hin­ter­fra­gen.“

Ver­staat­li­chung der Medi­zin

Auch mach­ten die Ärzte nicht immer das, was sie tun könn­ten und machen soll­ten – Auer nannte als Bei­spiel das Dise­ase-Mana­ge­­ment-Pro­­­gramm Dia­be­tes. Bei sei­nen Berech­nun­gen war der oberste Pla­ner im Gesund­heits­mi­nis­te­rium von einem Vier­tel der rund 17 Mil­lio­nen Fre­quen­zen in den Spi­tals­am­bu­lan­zen aus­ge­gan­gen – bei rund 70 Mil­lio­nen Fre­quen­zen jähr­lich in den Ordi­na­tio­nen von All­ge­mein­me­di­zi­nern. Wenn auch der Arzt­be­ruf zu den ältes­ten, freien Beru­fen zähle, was „ord­nungs­po­li­tisch wich­tig“ sei, wie Auer betonte, den­noch „wer­den wir es viel­leicht nicht ver­hin­dern kön­nen, dass es zur Ver­staat­li­chung der Medi­zin kommt“.

Wich­tig: Gesprächsmedizin

Gert Wie­gele, Kuri­en­ob­mann­stell­ver­tre­ter der Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte und Lei­ter der Bun­des­sek­tion All­ge­mein­me­di­zin in der ÖÄK, gibt ange­sichts die­ser Pro­vo­ka­tion zwei Dinge zu beden­ken: Zum einen, dass es „ohne Pati­en­ten­steue­rung nicht gehen wird“ und zum ande­ren die Bedeu­tung der Gesprächs­me­di­zin. So werde den Pati­en­ten im Spi­tal immer häu­fi­ger gera­ten: gehen Sie damit zum Haus­arzt. Und da die Vor­ar­bei­ten zu einem PHC-Gesetz dem Ver­neh­men nach im Gesund­heits­mi­nis­te­rium bereits lau­fen, rich­tete er einen drin­gen­den Appell an Auer: „Den Begriff des Haus­arz­tes soll es darin auch wei­ter­hin geben.“ Er habe „kein Pro­blem“ mit dem Begriff Haus­arzt, betonte der Ange­spro­chene aus­drück­lich. Die Tat­sa­che, dass in Öster­reich zuviel im Kran­ken­haus gemacht werde, ist laut Dia­gnose von Auer eine „Grund­krank­heit“ des öster­rei­chi­schen Gesund­heits­we­sens. „Dass wir das nie bewäl­ti­gen wer­den, wenn wir Ihren Bereich nicht orga­ni­sa­to­risch stär­ker machen“, ist sein the­ra­peu­ti­scher Ansatz. Er kri­ti­siert das Grup­pen­pra­xis­ge­setz („das ist nicht gut“) und lobt gleich­zei­tig styriamed.net, das Ärz­te­netz­werk in der Steiermark.

Auch wenn er die orga­ni­sa­to­ri­sche Viel­falt in die­sem Bereich mehr­fach betont, so gehen seine Vor­stel­lun­gen doch ganz klar in eine Rich­tung: „Ja, es braucht mehr Arbeits­kräfte. Nein, es müs­sen nicht Kas­sen­stel­len sein.“ Eines stellte der im Gesund­heits­mi­nis­te­rium für die zen­trale Koor­di­na­tion zustän­dige Sek­ti­ons­chef jedoch unmiss­ver­ständ­lich klar: Die Ein­stel­lung ‚es darf sich gar nichts ver­än­dern‘ wäre „fatal“. Wie­gele wen­det ein: „Wir haben nichts von PHCs, wenn es keine Ärzte mehr gibt.“ Des­we­gen sei es wich­tig, den Jun­gen die Angst vor der Frei­be­ruf­lich­keit zu neh­men. Und er zitiert aus einer aktu­el­len Stu­die: Dem­nach wol­len nur noch 17 Pro­zent der Medi­zin­ab­sol­ven­ten als nie­der­ge­las­se­ner Kas­sen­arzt tätig sein. Auer erach­tet noch eine wei­tere the­ra­peu­ti­sche Maß­nahme für das Gesund­heits­we­sen als unaus­weich­lich: die Real­lo­ka­tion der im Gesund­heits­we­sen vor­han­de­nen Mit­tel – im öffent­li­chen Sek­tor rund 24 Mil­li­ar­den Euro. „Wir wer­den zu Kos­ten­ver­schie­bun­gen zwi­schen ambu­lant und sta­tio­när kom­men müs­sen.“ Ände­rungs­be­darf sieht Auer auch beim Abrechnungssystem.

Zwar gesteht er ein, „kein idea­les Bezahl­mo­dell für nie­der­ge­las­sene Ärzte zu ken­nen“, doch prä­fe­riert er Misch­sys­teme, also Kom­bi­na­tio­nen aus Ein­­zel­­leis­­tungs-Hono­­­rie­­rung mit Pau­scha­lie­run­gen. Denn „unser Sys­tem funk­tio­niert nicht beson­ders“, so seine Ana­lyse. Sein abschlie­ßen­der Appell an die Ärzte: „Opti­mie­ren Sie Ihr Geschäfts­mo­dell und kom­men Sie aus Ihrer nega­ti­ven Gefühls­spi­rale heraus.“

Ärzte: Mehr­wert für Gesellschaft

Ärzte stell­ten – da sie Frei­be­ruf­lich­keit und unter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men – einen Mehr­wert für die Gesell­schaft dar, betonte ÖÄK-Prä­­si­­dent Artur Wech­sel­ber­ger. „Der Arzt übt eine freie Tätig­keit am Pati­en­ten aus, die aber Gemein­schafts­wich­tig­keit hat.“ Kri­tik übte er daran, dass Ärzte immer nur als Kos­ten­ver­ur­sa­cher gese­hen wür­den, jedoch nie auf die Ergeb­nisse geschaut werde, die aus die­ser Tätig­keit als Unter­neh­mer erwach­sen. „Natür­lich“ gehöre es dazu, Gewinne zu erzie­len, so Wech­sel­ber­ger, denn „das ist Vor­aus­set­zung für Inno­va­tion“. Ebenso gehöre es auch zur unter­neh­me­ri­schen Ver­ant­wor­tung eines Arz­tes, dar­auf auf­merk­sam zu machen, wenn etwa durch den Weg­fall einer Haus­apo­theke die wirt­schaft­li­che Grund­lage einer Ordi­na­tion beein­träch­tigt ist.

Er könne mit dem Thema „Unter­neh­mer­tum“ sehr viel anfan­gen, erklärte der Vor­sit­zende des Haupt­ver­ban­des der Sozi­al­ver­si­che­rungs­trä­ger, Peter McDo­nald. Unter­neh­me­risch den­ken wür­den die­je­ni­gen, die die Bedürf­nisse erken­nen und befrie­di­gen. Dafür benö­tig­ten sie Moti­va­tion und Wert­schät­zung. Nicht nur das, sagt McDo­nald, ist doch „die Not­wen­dig­keit eines wert­schät­zen­den Gesprächs beim Arzt von ganz gro­ßer Bedeu­tung“. Man müsse die All­ge­mein­me­di­zin wie­der auf­wer­ten, dort müsse auch die struk­tu­rierte Behand­lung wie­der zusam­men­lau­fen. Er betont dabei die „stär­kere Koope­ra­tion mit Gesund­heits­be­ru­fen“ und legt ein „kla­res Bekennt­nis zu einem Wan­del in der All­ge­mein­me­di­zin“ ab.

Geld im Sys­tem sei genug vor­han­den – und somit auch durch­aus Poten­tial, abseh­bare Ent­wick­lun­gen – Stich­wort Demo­gra­phie – finan­zie­ren zu kön­nen. „Wir wer­den mit­tel­fris­tig das Ziel haben, nicht mehr Geld aus­zu­ge­ben, als wir haben“, legt der Haupt­ver­bands­chef dar. Zahl­reich waren die anschlie­ßen­den Wort­mel­dun­gen aus dem Publi­kum. Den Vor­wurf von Auer, dass die Ärzte nicht mach­ten, was sie tun könn­ten, ließ Tho­mas Jung­blut, Prä­si­dent der Vor­arl­ber­ger Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin, nicht so ein­fach ste­hen: „Wir täten eh gern mehr, aber es geht nicht. Was kön­nen Sie uns anbie­ten?“ – „Eine völ­lig neue Ver­trags­ge­stal­tung“ – so des­sen Antwort.

Dass nie­mand „den Mut hat, den freien Pati­en­ten­wil­len zu steu­ern“, kri­ti­sierte Chris­toph Fürt­hauer, Kuri­en­ob­mann nie­der­ge­las­sene Ärzte der Ärz­te­kam­mer Salz­burg. Die könnte etwa in der Form erfol­gen, dass sich Pati­en­ten einer Pri­mär­ver­sor­gungs­struk­tur ver­pflich­tend unter­wer­fen. Zustim­mung dafür gab es sowohl von McDo­nald („die Poli­tik ist zu unmu­tig“) als auch von Auer, der sich „als Freund von Steue­run­gen“ dekla­rierte. Für die Schaf­fung von ent­spre­chen­den Rah­men­be­din­gun­gen, die eine Tätig­keit im nie­der­ge­las­se­nen Bereich ermög­li­chen, sprach sich der Prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Stei­er­mark, Her­wig Lind­ner aus: „Nicht nur die Pati­en­ten stim­men mit den Füßen ab.

Mitt­ler­weile stim­men auch schon die Ärzte mit den Füßen ab und ver­las­sen das Land oder den Beruf.“ Nüch­ter­nes Fazit des ÖÄK-Prä­­si­­den­­ten: „Wir brau­chen Frei­heit, um fle­xi­bel arbei­ten zu kön­nen. Alle geschil­der­ten Modelle zei­gen, wie es geht: sie haben nur ein ande­res Mascherl. Nun ist es eben PHC. Und mehr Geld gibt es ohne­hin nicht.“


„Die Not­wen­dig­keit eines wert­schät­zen­den Gesprächs beim Arzt ist von ganz gro­ßer Bedeu­tung.“ – Peter McDo­nald, Vor­sit­zen­der des Haupt­ver­ban­des der Sozialversicherungsträger

„Wir wer­den zu Kos­ten­ver­schie­bun­gen zwi­schen ambu­lant und sta­tio­när kom­men müs­sen.“ – Cle­mens M. Auer, Sek­ti­ons­chef im Gesund­heits­mi­nis­te­rium

„Wir haben nichts von PHCs, wenn es keine Ärzte mehr gibt.“ – Gert Wie­gele, Kuri­en­ob­mann­stell­ver­tre­ter der Bun­des­ku­rie nie­der­ge­las­sene Ärzte der ÖÄK

„Es bewegt sich nicht nur nichts zum Bes­se­ren, son­dern es geht vie­les zum Schlech­te­ren. Der Hut brennt.“ – Susanne Rabady, Vize­prä­si­den­tin der ÖGAM

„Natür­lich gehört es dazu, Gewinne zu erzie­len, das ist Vor­aus­set­zung für Inno­va­tion.“ – Artur Wech­sel­ber­ger, Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

„Ich richte einen Appell an alle, Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen, denn nicht nur die Pati­en­ten stim­men mit den Füßen ab. Mitt­ler­weile stim­men auch schon die Ärzte mit den Füßen ab und ver­las­sen das Land oder den Beruf.“ – Her­wig Lind­ner, Prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Steiermark

„Nie­mand hat den Mut, den freien Pati­en­ten­wil­len zu steu­ern.“ – Chris­toph Fürt­hauer, Kuri­en­ob­mann nie­der­ge­las­sen Ärzte der Ärz­te­kam­mer Salzburg

„PHC ist ein neues Wort für etwas, was wir ohne­hin schon dau­ernd machen. Es hat nur nicht die­sen Namen.“ – Doris Schöpf, Kuri­en­o­b­­mann-Stel­l­­ver­­­tre­­te­­rin der Kurie nie­der­ge­las­sene Ärzte der Ärz­te­kam­mer Tirol

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 13–14 /​15.07.2015