Egon Schiele und Wally Neu­zil: Gefähr­tin, Geliebte und Muse

25.04.2015 | Hori­zonte

Egon Schie­les „Wally“ ist ein Meis­ter­werk. Wer die Frau Wal­burga „Wally“ Neu­zil hin­ter dem Bild­nis war, – jene Frau, die Schiele beglei­tet hat und Muse für viele sei­ner berühm­tes­ten Werke war – zeigt eine Son­der­aus­stel­lung im Leo­pold Museum in Wien.Von Marion Huber

Wer ist diese „Wally“ eigent­lich, die eines der berühm­tes­ten Werke von Egon Schiele dar­stellt? Eine Son­der­aus­stel­lung des Wie­ner Leo­pold Museum will hin­ter die Fas­sade bli­cken, will sich auf die Spu­ren von Wal­burga „Wally“ Neu­zil bege­ben und ent­de­cken, wer sie wirk­lich war – die Frau, die an der Seite von Egon Schiele stand und für viele sei­ner Werke Muse und Modell war. Kunst­werke, Auto­gra­fen, Fotos und Doku­mente – rund 200 Objekte ins­ge­samt – sol­len die Geschichte der bei­den als Paar und den Weg von Wally nach ihrer Tren­nung erzählen.

Es sind bedeu­tende Schiele-Gemälde wie „Tod und Mäd­chen“, eine wich­tige Leih­gabe aus dem Bel­ve­dere, sowie andere Zeich­nun­gen und Aqua­relle des Künst­lers, die Wally als Frau, Gefähr­tin und Geliebte por­trai­tie­ren. In der Aus­stel­lung wird das Schick­sal einer jun­gen Frau gezeigt, die im Wien der Jahr­hun­dert­wende zu ihrem Gelieb­ten steht, ihn beglei­tet – ihn aber auch inspi­riert und sich schließ­lich selbst verwirklicht.

Ist sie zunächst nur eines von meh­re­ren Model­len, spielt Wally im Leben und Werk von Schiele bald eine Schlüs­sel­rolle. Das „Bild­nis Wally Neu­zil“ gilt nicht nur als eines der „Meis­ter­werke“ von Schiele – es ist auch das Gegen­stück zum „Selbst­por­trät mit Lam­pion­früch­ten“. Beide Ölbil­der malt Schiele in einer beson­ders frucht­ba­ren Schaf­fens­pe­ri­ode nach sei­nem Umzug nach Neu­leng­bach und vor sei­nem Auf­ent­halt im Gefäng­nis 1912. In die­sem Bil­der­paar wie auch im „Lie­bes­akt“ oder im Schluss­ak­kord der Lie­bes­be­zie­hung, dem Gemälde „Tod und Mäd­chen“ (1915), wird deut­lich, welch Inspi­ra­tion Wally für das Schaf­fen von Schiele war. So etwa auch im Gemälde „Lieb­ko­sung (Kar­di­nal und Nonne)“ aus dem Jahr 1912: Für die Dar­stel­lung des Kar­di­nals ver­wen­det Schiele Wal­lys kniende Beine aus dem Blatt „Kniende mit grauem Umhang“, wäh­rend er für die Dar­stel­lung des Kop­fes der Nonne das Gesicht aus sei­nem „Selbst­bild­nis mit hoch­ge­zo­ge­ner nack­ter Schul­ter“ aufgreift.

Tref­fen durch Klimt

Erzählt wird, dass sich Wally und Schiele sei­ner­zeit über Gus­tav Klimt ken­nen­ler­nen, der Wally zunächst als Modell emp­fiehlt. Ob das stimmt, ist nicht über­lie­fert. Was aber offen­sicht­lich ist: Schiele ist von Wally fas­zi­niert; er malt sie von da an immer wie­der – oft in hoch­ero­ti­schen Posen. Für viele Zeit­ge­nos­sen von Schiele schlicht skan­da­lös. Nicht nur, dass die bei­den unver­hei­ra­tet in „wil­der Ehe“ zusam­men­le­ben, empört die dama­lige Bevöl­ke­rung – auch, dass Schiele junge Mäd­chen Modell sit­zen lässt. Als er sich in Neu­leng­bach (Nie­der­ös­ter­reich) nie­der­lässt, folgt ihm Wally. Und auch als er wegen der Ver­brei­tung von unsitt­li­chen Zeich­nun­gen mit jun­gen Mäd­chen ins Gefäng­nis muss, ist Wally an sei­ner Seite. In einem Brief an den Samm­ler Franz Hauer schreibt Schiele im Jän­ner 1914: „Von mei­nen Nächst­be­kann­ten rührte sich nie­mand außer Wally die ich damals kurz kannte und die sich so edel benahm daß mich dies fes­selte.“ Auch als Schiele danach eine Ate­lier­woh­nung in der Hiet­zin­ger Haupt­straße in Wien bezieht, folgt sie ihm. Bis Anfang 1915 bleibt sie seine wich­tigste Bezugs­per­son. Erst die Bekannt­schaft mit den Schwes­tern Edith und Adele Harms stürzt die Bezie­hung der bei­den in eine Krise. Sie tren­nen sich und Schiele hei­ra­tet Edith, bevor er nach Beginn des Ers­ten Welt­kriegs in den mili­tä­ri­schen Ver­wal­tungs­dienst ein­ge­zo­gen und nach Prag ver­setzt wird.

Im Ate­lier an der Hiet­zin­ger Haupt­straße voll­endet Schiele 1915 eines sei­ner Haupt­werke, „Tod und Mäd­chen“, das unver­kenn­bar ein Selbst­por­trät ist und ihn mit sei­ner Muse in einer schmerz­li­chen Umar­mung zeigt. Das Gemälde wird oft als Abschieds­bild von Wally gese­hen – als seine Art, die Ver­än­de­rung in sei­nem Leben künst­le­risch aufzuarbeiten.

Wally lässt sich nach ihrer Tren­nung zur Kran­ken­pfle­ge­rin aus­bil­den und arbei­tet in einem Kriegs­spi­tal in Wien. 1917 mel­det sie sich zum Kriegs­schau­platz Sebe­nico in Dal­ma­tien, wo sie gegen Ende Dezem­ber mit nur 23 Jah­ren an Schar­lach stirbt. Als Egon Schiele von ihrem Tod erfährt, ändert er den Titel sei­nes Wer­kes „Mann und Mäd­chen“ in „Tod und Mädchen“.

Was, Wann, Wo:

„Wally Neu­zil. Ihr Leben mit Egon Schiele“

Bis 1. Juni 2015, Leo­pold Museum

Muse­ums­Quar­tier Wien, Muse­ums­platz 1, 1070 Wien

www.leopoldmuseum.org

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 8 /​25.04.2015