Stand­punkt – Vize-Präs. Johan­nes Stein­hart: Spa­ren um jeden Preis

10.09.2014 | Stand­punkt

© Gregor Zeitler

Der Ärz­te­man­gel ist nicht nur eine sub­jek­tive Wahr­neh­mung all derer, die in den Ordi­na­tio­nen volle War­te­zim­mer und auf lange Zeit aus­ge­buchte Ter­min­ka­len­der haben: Die zu geringe Ver­sor­gungs­dichte in Öster­reich ist sta­tis­tisch nach­weis­bar – und der Haupt­ver­band hat in den letz­ten Jah­ren einen veri­ta­blen Bei­trag dazu geleistet.

Auch wenn Sta­tis­ti­ken kein guter Ruf vor­aus­eilt: Dass die Zah­len des Haupt­ver­ban­des über die in Ver­trag genom­me­nen Ärzte ihre Rich­tig­keit haben, davon gehe ich aus. Um es kurz zu machen: In Öster­reich feh­len 1.329 Kas­sen­ärzte. Zu die­sem Ergeb­nis kommt man, wenn man sich die Zah­len der Ver­trags­ärzte für All­ge­mein­me­di­zin im Jahr 2000 (8.491) und im Jahr 2012 (7.602) ansieht und dies in Rela­tion zur Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung stellt (2000 bis 2012: plus 5,2 Pro­zent). Es feh­len 1.329 Ärzte. Und damit wäre nur der Ver­sor­gungs­zu­stand des Jah­res 2000 wie­der­her­ge­stellt. Ganz zu schwei­gen davon, wie sehr die nie­der­ge­las­se­nen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen über Büro­kra­tie und Doku­men­ta­tion stöh­nen, mit immer mehr Vor­schrif­ten und Restrik­tio­nen zu kämp­fen haben – und dass mit ELGA hier noch zusätz­li­che Arbeit auf uns zukommt, muss ich ja nicht extra betonen.

Und wenn der Gene­ral­di­rek­tor des Haupt­ver­ban­des immer wie­der – zuletzt beim von der ÖÄK ver­an­stal­te­ten Sym­po­sium Land­me­di­zin – betont, dass die Ärz­te­zah­len nicht zurück­ge­hen, so zeigt die Ärz­te­kos­ten­sta­tis­tik des Haupt­ver­ban­des – von dort stam­men die Zah­len – genau das Gegenteil.

Dass man bei den Kas­sen­leis­tun­gen den Ent­wick­lun­gen und Mög­lich­kei­ten der moder­nen Medi­zin in den letz­ten Jah­ren nicht in gerings­ter Weise Rech­nung getra­gen hat, weiß jeder, der in einer Ordi­na­tion tätig ist. Mit der suk­zes­si­ven Aus­dün­nung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich – sowohl bei All­ge­mein­me­di­zi­nern als auch bei Fach­ärz­ten – kommt die medi­zi­ni­sche Kas­sen­ver­sor­gung in Öster­reich schon lange nicht mehr der Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung nach. Und gleich­zei­tig ver­kün­den die Kas­sen, dass sie auch heuer wie­der vor­aus­sicht­lich mit einem Über­schuss bilan­zie­ren werden.

Den Men­schen in die­sem Land bleibt diese Ent­wick­lung nicht ver­bor­gen: Jeder dritte Öster­rei­cher – der Groß­teil von ihnen hat einen Haus­arzt – befürch­tet im Zuge der Gesund­heits­re­form Leis­tungs­kür­zun­gen, wie eine vom Haupt­ver­band in Auf­trag gege­bene Stu­die erge­ben hat. Das heißt aber nichts ande­res, als dass sich der Groß­teil der Bevöl­ke­rung dar­auf ein­stel­len muss, in Zukunft kei­nen Haus­arzt mehr zu haben – weil es ers­tens zu wenige gibt, zwei­tens ein Groß­teil von ihnen in den nächs­ten Jah­ren in Pen­sion gehen wird und drit­tens frag­lich ist, ob im Zuge der Imple­men­tie­rung von Pri­mary Health Care tat­säch­lich der Haus­arzt der erste Ansprech­part­ner sein wird.

Auch dafür haben die Men­schen offen­sicht­lich ein fei­nes Gespür: denn auch damit befasste sich die vom Haupt­ver­band beauf­tragte Unter­su­chung. Auf die Frage, ob die künf­tige Grund­ver­sor­gung nicht mehr nur von All­ge­mein­me­di­zi­nern son­dern in Koope­ra­tion mit ande­ren Gesund­heits­be­ru­fen erfol­gen soll, reagierte die Hälfte der Befrag­ten skep­tisch und ant­wor­tete mit „weiß nicht/​unentschieden“. Jeder Fünfte befürch­tet dadurch eine Ver­schlech­te­rung. Inter­es­sant dabei: Die größ­ten Skep­ti­ker sind nicht die Ver­tre­ter der Genera­tion 55plus – nein, es sind die Jun­gen, die Ver­tre­ter der Genera­tion X, also die Jahr­gänge von 1961 bis 1975.

Kon­krete Ver­schlech­te­run­gen – Leis­tungs­ein­schrän­kun­gen – müs­sen wir bedau­er­li­cher­weise bei der Phy­si­ka­li­schen Medi­zin schon jetzt zur Kennt­nis neh­men. Eine Ver­an­stal­tung, bei der Exper­ten über den Stel­len­wert der Evi­den­ce­ba­sed Medi­cine in die­sem Zusam­men­hang dis­ku­tie­ren, fin­det am 15. Sep­tem­ber in Wien statt.

Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass ähn­li­che Leis­tungs­ein­schrän­kun­gen – mit der Begrün­dung „man­gelnde Evi­denz“ – auch in ande­renm Berei­chen geplant sind. Soviel ist sicher. Wir wer­den das nicht so ein­fach hin­neh­men. Das ist auch sicher.

Johan­nes Stein­hart
3. Vize-Prä­­si­­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2014