Bel­ve­dere: Monet – wie er noch nie zu sehen war …

15.12.2014 | Spek­trum

Claude Monet hat inspi­riert, hat Spu­ren hin­ter­las­sen – auch in der Land­schafts­ma­le­rei öster­rei­chi­scher Künst­ler. In einer Son­der­schau im Unte­ren Bel­ve­dere in Wien wer­den nicht nur einige sei­ner Werke erst­mals gezeigt, son­dern auch sein Ein­fluss auf Gus­tav Klimt, Her­bert Boeckl und Max Wei­ler.
Von Marion Huber

Claude Monet, der große Impres­sio­nist, wie er noch nie in Öster­reich zu sehen war: in Zusam­men­spiel mit der öster­rei­chi­schen Male­rei, die sel­ten so deut­lich wurde. In einer Son­der­schau mit Leih­ga­ben aus aller Welt zeigt das Bel­ve­dere in Wien rund 30 Schlüs­sel­werke von Monet – viele wer­den zum ers­ten Mal in Öster­reich aus­ge­stellt. Nicht nur das ist beson­ders daran: Seine Gemälde wer­den Wer­ken von öster­rei­chi­schen Künst­lern – Zeit­ge­nos­sen wie Nach­fol­gern von Monet – gegen­über­ge­stellt. Unter ihnen nie­mand Gerin­ge­rer als Gus­tav Klimt, Her­bert Boeckl oder Emil Jakob Schind­ler. In ihrem Werk wird sicht­bar: Monet hat inspi­riert, hat Spu­ren hin­ter­las­sen – auch in der öster­rei­chi­schen Land­schafts­ma­le­rei und Foto­gra­phie. An sei­ner Moti­vik und Pin­sel­füh­rung haben sich zeit­ge­nös­si­sche Künst­ler orientiert.

Werke im Dialog

So tre­ten im Bel­ve­dere aus­ge­wählte Werke von Monet – dar­un­ter auch welt­be­rühmte Gemälde wie die Kathe­drale von Rouen, die Lon­do­ner Water­loo Bridge in ver­schie­de­nen Ver­sio­nen und die spä­ten See­ro­sen­bil­der – in Dia­log mit jenen von öster­rei­chi­schen Künst­lern. In ihren eige­nen Arbei­ten spie­geln sie die Inspi­ra­tion von Monet und sei­nen Gemäl­den wider. Sein Ein­fluss auf die öster­rei­chi­sche Künst­ler­szene beginnt schon früh, unmit­tel­bar mit sei­nen ers­ten Aus­stel­lun­gen – und soll viele Jahr­zehnte andau­ern. Nicht nur sein Pin­sel­duk­tus, die Motive und The­men sei­ner Werke sind Vor­bild; auch seine Bild­kom­po­si­tio­nen, seine kon­zep­tio­nel­len Ansätze und die Idee der Serie wer­den von ande­ren Künst­lern über­nom­men. Die Getrei­­de­­scho­­ber-Serie, jene der Pap­pel­al­lee und der Kathe­drale von Rouen sowie die Serie von mehr als 100 Lon­­don-Bil­­dern, die wäh­rend meh­re­rer Rei­sen ent­stan­den sind, ver­voll­stän­di­gen das viel­fäl­tige Werk von Monet.

Die Son­der­schau zeigt auch ein­drucks­voll, wie die­ser Gedanke der Serie in die öster­rei­chi­sche Kunst auf­ge­nom­men wurde: Fünf Ver­sio­nen der Water­loo Bridge von Monet wer­den vier groß­for­ma­ti­gen Gemäl­den der Vier Wände von Max Wei­ler und vier Aus­füh­run­gen des Erz­bergs von Her­bert Boeckl gegenübergestellt.

Die umfang­reichste Serie, die Monet schuf, wid­met sich einem Thema, das den Impres­sio­nis­ten 30 Jahre sei­nes Lebens und Schaf­fens beschäf­tigte – sein Gar­ten in Giverny und die See­ro­sen. In die­sen Wer­ken gibt er die Land­schafts­kom­po­si­tio­nen auf und stellt Teil­an­sich­ten in den Vor­der­grund. Viele Farb­nu­an­cen, wech­selnde Farb­töne inner­halb eines Bil­des, Tup­fen und Stri­che erge­ben ein flim­mern­des Mosaik aus Far­ben. Zwei Varia­tio­nen davon wer­den in der Bel­­ve­­dere-Schau zu sehen sein. Gemein­sam mit sei­nen Was­ser­dar­stel­lun­gen sind es die See­ro­sen­bil­der, die große Wir­kung auf die Atter­see­land­schaf­ten von Gus­tav Klimt hat­ten. Wäh­rend sich Monet auf den Augen­blick einer ver­gäng­li­chen Licht­wir­kung kon­zen­triert, will Klimt in sei­nen Land­schaf­ten die Stim­mung zeit­los und aus­ge­gli­chen einfangen.

Vom Rea­lis­mus zum Impressionismus

In sei­nem frü­hen Schaf­fen noch dem Rea­lis­mus zuge­wandt, ent­wi­ckelt sich Monet zu einem bedeu­ten­den Impres­sio­nis­ten; seine Werke sind mit ton­an­ge­bend für diese Stil­epo­che. Bewusst beschränkt er sich auf das reine Sehen: Was er in der Natur beob­ach­tet, ist oft nur Aus­gangs­punkt für immer freier wer­dende Kom­po­si­tio­nen. Seine Kon­zen­tra­tion auf den rei­nen Farb­wert und sein schwung­vol­ler, impul­si­ver Pin­sel­duk­tus – sie sind es, die zur Ent­ste­hung der abs­trak­ten, gegen­stands­freien Kunst beitragen.

Die dama­lige Lebens­welt ist von ein­schnei­den­den Ver­än­de­run­gen geprägt: tech­ni­sche Errun­gen­schaf­ten wie Dampf­ma­schine, Eisen­bahn und indus­tri­elle Fer­ti­gung beschleu­ni­gen das Leben. Was die Foto­gra­fie nicht ver­mag – näm­lich diese Bewe­gung zu erfas­sen und die Erschei­nun­gen des Atmo­sphä­ri­schen wie­der­zu­ge­ben -, das gelingt durch die neue Kunst. Sie kann die flüch­ti­gen Erschei­nun­gen des Wet­ters, die Stim­mun­gen auf der Was­ser­ober­flä­che, Nebel und Rauch, den Wech­sel von Licht und Farbe zum Aus­druck brin­gen. Eine Ästhe­tik des Spon­ta­nen, der flüch­tig hin­ge­wor­fe­nen Dar­stel­lung entsteht.

Man schreibt das Jahr 1874, als Monet und seine Künst­ler­ver­ei­ni­gung „Société anonyme coo­pé­ra­tive des artis­tes pein­tres, sculp­teurs, gra­veurs“, der u.a. Camille Pis­s­aro ange­hörte, ihre Werke zum ers­ten Mal der Öffent­lich­keit prä­sen­tie­ren. Monet stellt sein Gemälde „Impres­sion, Son­nen­auf­gang“ aus, das der Gruppe den Namen „Impres­sio­nis­ten“ ein­bringt – damals nicht mehr als ein Spott­name. Dann um 1889, als in einer Pari­ser Gale­rie 145 Gemälde von Monet zusam­men mit Skulp­tu­ren von Auguste Rodin aus­ge­stellt wer­den, gewinnt Monet an Popu­la­ri­tät. Und der Begriff „Impres­sio­nis­mus“ wird vom Spott­na­men zu einem aner­kann­ten Kunst­stil. Lebt auch Monet lange Zeit sei­nes Schaf­fens am Exis­tenz­mi­ni­mum, gelingt ihm spä­ter den­noch das, was vie­len ande­ren Künst­lern ver­wehrt bleibt: Er wird bereits zu Leb­zei­ten eine Legende.

Impres­sio­nis­mus in Österreich

In Öster­reich sind erste impres­sio­nis­ti­sche Ten­den­zen um 1890 zu beob­ach­ten. Die öster­rei­chi­schen Künst­ler sehen sich den­sel­ben Phä­no­me­nen gegen­über: eine Zeit, die sich rasant wan­delt und die Her­aus­for­de­rung, die­ses Trei­ben, das schnelle Leben ent­spre­chend abzu­bil­den. Aller­dings sehen sie sich mit einem weit­aus kon­ser­va­ti­ve­ren kul­tu­rel­len Klima kon­fron­tiert. Es sind dann vor allem jün­gere Künst­ler, die typisch impres­sio­nis­ti­sche The­men und Motive auf­grei­fen und ins Bild set­zen. Die Farb­pa­lette wird hel­ler, unge­mischte Far­ben belieb­ter und die erdige Tona­li­tät der Stim­mungs­ma­ler wird zurück­ge­las­sen. Auch der impres­sio­nis­ti­sche Grund­ge­danke, den Gegen­stand als Licht­er­eig­nis wahr­zu­neh­men, wird in der öster­rei­chi­schen Kunst immer mehr gelebt. Die jün­ge­ren Künst­ler ver­lie­ren ihre Berüh­rungs­ängste mit dem Impres­sio­nis­mus; ganz klar und offen­sicht­lich wird sein nEin­fluss ab der Jahr­hun­dert­wende. Was dabei unauf­hör­lich als Vor­bild dient: das Werk von Claude Monet.

Was, Wann, Wo:

„Im Lichte Monets“
Öster­rei­chi­sche Künst­ler und das Werk des gro­ßen Impressionisten

Bis 8. Februar 2015

Unte­res Bel­ve­dere, Orangerie

Renn­weg 6, 1030 Wien

www.belvedere.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 23–24 /​15.12.2014