Inter­view – Univ. Prof. Rein­hold Kerbl: „MUKIPA ausdehnen“

25.09.2014 | Poli­tik

Der Mut­­ter-Kind-Pass soll ins Schul- und Jugend­al­ter aus­ge­dehnt wer­den, sagt der Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für Kin­­der- und Jugend­heil­kunde, Univ. Prof. Rein­hold Kerbl. Dabei muss unbe­dingt die Exper­tise der Ärzte ein­be­zo­gen wer­den, for­dert er im Gespräch mit Marion Huber.

ÖÄZ: Was kann man am guten Instru­ment ‚Mut­­ter-Kind-Pass‘ noch ver­bes­sern?
Kerbl: Was wir uns wün­schen ist, dass der MUKIPA ins Schul- und Jugend­al­ter aus­ge­dehnt wird – so wie das mitt­ler­weile in vie­len Län­dern und etwa auch in Deutsch­land der Fall ist. Es gehen immer mehr euro­päi­sche Län­der in diese Rich­tung. Es gab zwar unter Gesund­heits­mi­nis­te­rin Rauch-Kal­lat schon ein­mal einen Jugend­pass. Er hat sich aller­dings nie durch­ge­setzt, weil er vom MUKIPA getrennt war. Man muss bei­des kom­bi­nie­ren, dann funk­tio­niert es auch.

Wie stel­len Sie sich die Aus­deh­nung vor? Wel­che Punkte soll­ten ent­hal­ten sein?
Zum Bei­spiel wäre eine rou­ti­ne­mä­ßige Blu­t­­druck-Mes­­sung sinn­voll. Das erfolgt zur­zeit nicht. Oder bei Buben eine genauere Beur­tei­lung des Hodens. Der­zeit wird oft zu spät fest­ge­stellt, dass der Hoden nicht hin­un­ter­ge­wan­dert ist. Ein ganz wesent­li­cher Punkt wäre auch die Erhe­bung von sozia­len und psy­cho­so­ma­ti­schen Fak­to­ren. Wie wird das Kind zuhause betreut und ver­sorgt? Wie sind die Lebens­um­stände? Ist das Kind Pas­siv­rau­cher? Wie oft pro Woche bewegt es sich? Wie ernährt es sich? Dazu wis­sen wir bis­her zu wenig. Gerade diese Fak­to­ren sind aber sehr wesent­lich für die wei­tere Ent­wick­lung und Gesundheit.

Gibt es noch etwas, wo Sie Hand­lungs­be­darf sehen?
Wir soll­ten in Rich­tung eines elek­tro­ni­schen MUKIPA gehen. Wir erhe­ben so viele Daten, haben aber keine ‚Gesamt­über­sicht‘. Wir müs­sen die Daten aus­wer­ten, um etwa Impflü­cken oder Ver­sor­gungs­de­fi­zite zu erken­nen. Für zusätz­li­che Unter­su­chun­gen muss man gut über­le­gen, wel­che sinn­voll sind. Dabei müs­sen wir auch an die Kos­­ten-Nut­­zen-Rech­­nung den­ken. Genau das wäre die Auf­gabe einer wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten Mut­­ter-Kind-Pass-Kom­­mis­­sion. Das kann nicht einer allein ent­schei­den, dafür braucht es Exper­tin­nen und Exper­ten aus ver­schie­de­nen Berei­chen der Medizin.

Bekannt­lich wurde die MUKIPA-Kom­­mis­­sion beim Obers­ten Sani­täts­rat mit Aus­lau­fen der Funk­ti­ons­pe­ri­ode Ende 2011 nicht nach­be­setzt. Das Gesund­heits­mi­nis­te­rium hat zuletzt einen ‚Sta­­ke­hol­­der-Pro­­­zess‘ ange­kün­digt. Hat sich in diese Rich­tung etwas getan?
Ja. Mitt­ler­weile gibt es eine Ein­la­dung von­sei­ten des Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums für ein soge­nann­tes ‚Mut­­ter-Kind-Pass-Bera­­tungs­­­gre­­mium‘, das im Herbst die­ses Jah­res seine Arbeit auf­neh­men soll. Der Ter­min wurde aller­dings jetzt auf­grund des Minis­­ter-Wech­­sels wie­der ver­scho­ben. Aber auch wenn der Ter­min noch nicht fest­steht, gibt es zumin­dest eine Absichts­er­klä­rung.

Wer wird Teil die­ses Gre­mi­ums sein?

Mir ist der­zeit weder bekannt, wie viele Leute betei­ligt sein wer­den, noch aus wel­chen Berei­chen sie sich rekru­tie­ren. Von unse­rer Seite – also von der Kin­­der- und Jugend­heil­kunde – wurde ich als Prä­si­dent der ÖGKJ ange­fragt, einen Ver­tre­ter zu nomi­nie­ren. Ich habe zwei Per­so­nen nomi­niert: einer­seits Univ. Prof. Karl Zwi­auer, der schon in der vori­gen MUKI­PA­Kom­mis­sion tätig war, und mich selbst als ÖGKJ-Ver­­­tre­­ter. Ich hätte mir gewünscht, dass mehr Päd­ia­ter ein­ge­la­den wer­den, weil es auch inner­halb der Päd­ia­trie so viele Spe­zi­al­ge­biete gibt.

Stich­wort Health Tech­no­logy Assess­ments – wie soll damit auch im Hin­blick auf den MUKIPA umge­gan­gen wer­den?
HTA-Exper­­ten sind wich­tig – soweit ihre Exper­tise reicht: um Stu­dien zusam­men­zu­tra­gen, zu lesen und zusam­men­zu­fas­sen. Wenn es um die Inter­pre­ta­tion und um die Kon­se­quen­zen geht, braucht es medi­zi­ni­sche Exper­ten. HTA-Exper­­ten sind Fach­leute für das Lesen von Stu­dien, aber nicht für medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung. Diese Facette fehlt mir beim bis­he­ri­gen Pro­jekt ‚Eltern-Kind-Vor­­­sorge neu‘. HTA­Be­richte sind gut, aber sie müs­sen von medi­zi­nisch erfah­re­nen Exper­ten inter­pre­tiert wer­den – von Ärzten.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 18 /​25.09.2014