Nasen­kor­rek­tu­ren: Unsicht­bare Narben

10.10.2014 | Medi­zin

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Nasen­kor­rek­tu­ren: Unsicht­bare Narben

Die über­wie­gende Zahl der Nasen­kor­rek­tu­ren erfolgt nicht aus ästhe­ti­schen, son­dern aus funk­tio­nel­len Grün­den. Methode der Wahl ist heut­zu­tage – im Gegen­satz zu frü­her – der offene Zugang, der ein prä­zi­se­res Model­lie­ren ermög­licht. Wird die Narbe rich­tig plat­ziert, ist sie noch dazu kaum sicht­bar.
Von Marion Huber

Bei etwa 15 Pro­zent der Pati­en­ten, die eine ästhe­ti­sche Ope­ra­tion nach­fra­gen, lie­gen Kör­per­dys­mor­phe Stö­run­gen (Body Dys­mor­phic Dis­or­der, BDD) vor. Eine Zahl, die zeigt, „wie wich­tig es ist“, sol­che Pati­en­ten auch vor Nasen­kor­rek­tu­ren her­aus­zu­fil­tern, betont Univ. Prof. Maria Deu­tin­ger, Vor­stand der Abtei­lung für Plas­ti­sche und Wie­der­her­stel­lungschir­ur­gie an der Kran­ken­an­stalt Rudolfstif­tung in Wien. „Wird bei die­sen Pati­en­ten ein Ein­griff durch­ge­führt, tut man ihnen nichts Gutes“, fügt Priv. Doz. Bar­bara Del-Frari, Ober­ärz­tin an der Uni­ver­si­täts­kli­nik für Plas­ti­sche, Rekon­struk­tive und Ästhe­ti­sche Chir­ur­gie in Inns­bruck, hinzu. Beide sind davon über­zeugt, dass es in die­sen Fäl­len essen­ti­ell ist, psy­cho­lo­gi­sche oder psy­cho­so­ma­ti­sche Exper­tise beizuziehen.

Aus ihrer jah­re­lan­gen Tätig­keit als plas­ti­sche Chir­ur­gin ist Deu­tin­ger ein Fall beson­ders in Erin­ne­rung: Eine Mut­ter kam mit ihrer Toch­ter; bei die­ser sollte die Höcker­nase kor­ri­giert wer­den. „Die Indi­ka­tion und das Sub­strat waren klar und nach­voll­zieh­bar“, sagt Deu­tin­ger. Die Nase wurde kor­ri­giert und obwohl sie den Aus­sa­gen der Exper­tin zufolge „wun­der­bar gelang“, war die Toch­ter mit dem Ergeb­nis nicht zufrie­den. Warum? Das eigent­li­che Pro­blem war ein psy­cho­lo­gi­sches: Ein Mut­­ter-Toch­­ter-Kon­­flikt steckte dahin­ter. Del-Frari warnt ganz gene­rell davor, Ein­griffe bei unter 16-Jäh­­ri­­gen durch­zu­füh­ren. Außer bei schwer­wie­gen­den funk­tio­nel­len Ein­schrän­kun­gen sei die Richt­li­nie an der Uni­ver­si­täts­kli­nik in Inns­bruck ganz klar, wie sie erklärt: „Wir machen das nicht.“ Gene­rell gilt die Emp­feh­lung, abzu­war­ten, bis das Gesichts­wachs­tum abge­schlos­sen ist – min­des­tens bis zum 18. Lebensjahr.

Wie bei allen ästhe­ti­schen Ope­ra­tio­nen müs­sen grund­sätz­lich zunächst die Erwar­tun­gen des Pati­en­ten bespro­chen und – oft auch – zurecht­ge­rückt wer­den. Es gebe tat­säch­lich immer wie­der Pati­en­ten, die mit Zeit­schrif­ten und Fotos von Pro­mi­nen­ten kämen, und genau so eine Nase haben woll­ten, schil­dert Del- Frari: „Sie ver­ges­sen dabei aber, dass das rest­li­che Gesicht nicht das ihre ist.“ Den Pati­en­ten sei oft nicht bewusst, dass die Wir­kung der Nase vom gesam­ten Gesichts­bild abhängt. Umso wich­ti­ger sei es, das Gesicht im Vor­feld zu ana­ly­sie­ren und prä­zise dar­zu­le­gen, was gemacht wer­den kann und was nicht. „Nur wenn man die Vor­stel­lun­gen des Pati­en­ten fas­sen und umset­zen kann, kann man das Pro­blem chir­ur­gisch lösen“, fügt Deu­tin­ger hinzu. Mit­hilfe von Foto-Sof­t­­ware am Com­pu­ter zu model­lie­ren, wie das Ergeb­nis nach der Ope­ra­tion aus­schauen könnte, sei „sicher ein schö­nes Spiel­zeug, aber oft auch gefähr­lich“, gibt sie zu beden­ken. Damit wecke man beim Pati­en­ten Erwar­tun­gen, die mög­li­cher­weise nicht erfüllt wer­den kön­nen. Was an der Rudolfstif­tung in Wien aber jeden­falls vor­her gemacht wird: Anhand eines Weich­­teil-Schä­­del-Rön­t­­gen wird das Nasen­ske­lett ein­ge­hend betrach­tet. „Wir zeich­nen dann genau durch, wo man die Linie am Kno­chen ansetzt, wie man model­liert etc.“, erklärt Deutinger.

An der Uni­ver­si­täts­kli­nik in Inns­bruck sind aber die­je­ni­gen Pati­en­ten, die aus rein ästhe­ti­schen Grün­den zur Nasen­kor­rek­tur kom­men, ein­deu­tig in der Min­der­heit, wie Del-Frari schil­dert. Bis zu 80 Pro­zent, die eine Nasen­kor­rek­tur vor­neh­men las­sen wol­len, lei­den an funk­tio­nel­len Ein­schrän­kun­gen. Typi­sche Indi­ka­tio­nen seien Nasen­de­for­mi­tä­ten mit Sep­t­um­de­via­tio­nen auf­grund eines vor­an­ge­gan­ge­nen Trau­mas; auch könne sich die Nasen­schei­de­wand im Laufe der Jahre ver­schie­ben oder die Nasen­mu­scheln ver­grö­ßern. Vor allem hoch­gra­dige Sep­t­um­de­via­tio­nen sind oft mit einer Hyper­pla­sie der Nasen­mu­scheln ver­bun­den, wodurch die Nasen­at­mung – meis­tens ein­sei­tig – beein­träch­tigt ist. Dadurch kann es häu­fi­ger zu Dys­pnoe und chro­ni­schen Infek­tio­nen kommen.

Viel­fa­che Untersuchungen

Prä­ope­ra­tiv wird an der Rudolfstif­tung eng mit der HNO-Abtei­­lung zusam­men­ge­ar­bei­tet, wie Deu­tin­ger betont. Von Sei­ten der HNO sollte abge­klärt wer­den, ob die Nasen­mu­scheln zu groß sind oder eine Sep­t­um­de­via­tion vor­liegt. An der Inns­bru­cker Uni­ver­si­täts­kli­nik wer­den sowohl eine Rhi­no­m­a­no­me­trie als auch ein Nasen­­ne­­ben­­höh­­len-Fein­­schicht-CT durch­ge­führt, wie Del-Frari erklärt. „Nur so kann man die Nasen­ne­ben­höh­len und den tie­fe­ren Bereich des Sep­t­ums ein­ge­hend begut­ach­ten.“ Von außen könn­ten mit freiem Auge nur gewisse Devia­tio­nen fest­ge­stellt werden.

Die Wahl der Ope­ra­ti­ons­me­thode – darin sind sich die Exper­tin­nen einig – ist klar. Wäh­rend es frü­her als „ver­pönt“ galt, offen zu ope­rie­ren, sei es heut­zu­tage sowohl in Europa als auch in den USA die gän­gige Methode. Deu­tin­ger berich­tet, dass man – als sie ihre chir­ur­gi­sche Tätig­keit begann – alle Schnitte im Nasen­in­ne­ren setzte: „Nur einige wenige Chir­ur­gen haben damals die offene Methode gewählt.“ Heute schnei­det man in der Regel an der Colu­mella, kann die Haut auf­klap­pen und hat so Nasen­spitze und Nasen­rü­cken direkt vor sich. Der Vor­teil: Man kann „prä­zi­ser und genauer“ model­lie­ren, erklärt Deu­tin­ger. Del-Frari ergänzt: „Die Narbe ist – wenn sie rich­tig plat­ziert ist – wirk­lich fein und zart, fast unsichtbar.“

Zwar gibt es auch heute noch Indi­ka­tio­nen für die geschlos­sene Methode – etwa wenn nur wenig am Nasen­rü­cken abzu­fei­len ist. Sobald aber das ganze Ske­lett geformt, Nasen­hö­cker abge­tra­gen und Nasen­­flü­­gel-Knor­­pel adjus­tiert wer­den müs­sen, ist der offene Zugang über­sicht­li­cher. Als Mate­ria­lien für Implan­tate kom­men Rip­pen­knor­pel, Ohr­knor­pel oder als Fremd­ma­te­rial etwa lyo­phi­li­sierte Dura in Frage. Zunächst werde jedoch ver­sucht, mit Eigen­ge­webe aus­zu­kom­men, schil­dert Deu­tin­ger. Als beson­ders kom­pli­ziert erwei­sen sich laut den Exper­tin­nen Ein­griffe an Nasen mit Vor­ope­ra­tio­nen, vor allem etwa wenn auf­grund von Kom­pli­ka­tio­nen oder Dro­genab­usus am Sep­tum Löcher ent­stan­den sind oder Sat­tel­na­sen vor­lie­gen. „Diese Gruppe der Pati­en­ten, die oft mehr­mals vor­ope­riert sind, wird immer grö­ßer“, sagt Del-Frari. Dabei sowohl die Funk­tio­na­li­tät als auch die Ästhe­tik wie­der­her­zu­stel­len, sei beson­ders schwierig.

Nach der Ope­ra­tion ver­blei­ben die Pati­en­ten im Schnitt noch zwei Tage im Spi­tal. Beson­ders diese zwei Tage – bis die Tam­po­nade ent­fernt ist – sind laut Deu­tin­ger für den Betrof­fe­nen „sicher­lich müh­sam“. Die Nasen­at­mung sei post­ope­ra­tiv für län­gere Zeit – min­des­tens zehn bis 14 Tage – ein­ge­schränkt; solange, bis die Nasen­schleim­haut abschwillt. „An der Nasen­spitze kann die Schwel­lung sogar bis zu einem hal­ben Jahr anhal­ten“, weiß Del-Frari. Wenn Pati­en­ten nach einer offe­nen Ope­ra­tion die Nasen­spitze nicht spü­ren, handle es sich dabei nicht um eine Kom­pli­ka­tion. „Das ist durch­aus üblich“, betont die Exper­tin. Auch wenn die Nähte durch­schnitt­lich eine Woche post­ope­ra­tiv ent­fernt wer­den – der Nasen­gips nach einer wei­te­ren Woche – kann das end­gül­tige Ergeb­nis „erst nach ein bis zwei Jah­ren“ beur­teilt wer­den, beto­nen Deu­tin­ger und Del-Frari uni­sono. Was man dem „ohne­hin sehr kri­ti­schen Nasen-Pati­en­­ten“ (Del-Frari) unbe­dingt mit­ge­ben müsse: Es kann durch­aus vor­kom­men, dass sich nach der Ope­ra­tion noch ein Knor­pel oder eine Kno­chenkante durch­drückt und eine neu­er­li­che Kor­rek­tur erfor­der­lich ist.

Nasen­kor­rek­tu­ren: Zah­len & Fakten

In öster­rei­chi­schen Spi­tä­lern wur­den laut Sta­tis­tik Aus­tria* 2012 knapp 7.800 Kor­rek­tu­ren des Nasensep­t­ums (Sep­t­um­plas­tik) vor­ge­nom­men sowie 630 Kor­rek­tu­ren der äuße­ren Nase (Rhi­no­plas­tik) und 7.050 sons­tige Ope­ra­tio­nen an der Nase. Außer­dem wur­den bei rund 2.400 Fäl­len sowohl Nasensep­tum als auch äußere Nase korrigiert.

Welt­weit gibt die ISAPS (Inter­na­tio­nal Society of Aes­the­tic Plastic Sur­gery) die Zahl der ästhe­ti­schen Nasen­ope­ra­tio­nen im Jahr 2013 mit rund 954.400 Ein­grif­fen an. Bra­si­lien liegt dabei mit etwa 77.200 Nasen­kor­rek­tu­ren an der Spitze, gefolgt von Mexiko und den USA. In Deutsch­land gab es laut die­ser Sta­tis­tik rund 30.900 ästhe­ti­sche Nasen­kor­rek­tu­ren. Ins­ge­samt regis­trierte die ISAPS im Jahr 2013 welt­weit knapp 11,6 Mil­lio­nen ästhe­ti­sche Operationen.

*) Anga­ben nach Anzahl der medi­zi­ni­schen Ein­zel­leis­tun­gen bei Spitalsentlassungen

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2014