Stand­punkt – Präs. Artur Wech­sel­ber­ger: Führungsdilemma

10.03.2013 | Standpunkt

(c) Dietmar Mathis

Nach einer breit ange­leg­ten Unter­su­chung gel­ten mehr als 50 Pro­zent der öster­rei­chi­schen Ärz­tin­nen und Ärzte von Bur­nout belas­tet und schon in eine von drei Bur­nout-Pha­sen ein­or­den­bar. Eine andere Unter­su­chung belegt, dass sich deut­lich weni­ger als ein Drit­tel aller ange­stell­ten Ärzte mit ihrem Dienst­ge­ber iden­ti­fi­ziert. Im nie­der­ge­las­se­nen Bereich gibt es schon mehr Wahl­ärzte als Kas­sen­ärzte. Die Wahl­ärzte haben – so die Erfah­rung aus zahl­rei­chen Aus­schrei­bun­gen von Kas­sen­stel­len – kaum Inter­esse, sich für eine sol­che zu bewer­ben. Ebenso nimmt das Inter­esse ange­stell­ter Ärzte an einer kas­sen­ärzt­li­chen Pra­xis ab. Umfra­gen beschei­ni­gen gleich­zei­tig den Wahl­ärz­ten die höchste Berufszufriedenheit.

Wenn es stimmt, dass es Auf­gabe der Füh­rung ist, die Ziele einer Orga­ni­sa­tion zu ver­mit­teln, die Zusam­men­ar­beit zur Errei­chung die­ser Ziele zu ermög­li­chen und zu för­dern, sowie bei allen Betei­lig­ten Moti­va­tion und Arbeits­zu­frie­den­heit zu erhö­hen, dann hat die Füh­rung in einem Groß­teil der Gesund­heits­ein­rich­tun­gen schwer gepatzt. Statt die Orga­ni­sa­tion durch die Über­tra­gung von Selbst­ver­ant­wor­tung, Nut­zung und Stei­ge­rung der intrinsi­schen Moti­va­tion der Leis­tungs­er­brin­ger und fai­rem Ent­gelt zukunfts­si­cher zu machen, set­zen die Füh­rungs­ver­ant­wort­li­chen im öster­rei­chi­schen Gesund­heits­we­sen auf einen eher auto­ri­tä­ren, patri­ar­cha­li­schen Füh­rungs­stil zur Wil­lens­durch­set­zung. Aus­ge­hend von den höchs­ten Ent­schei­dungs­trä­gern im Sys­tem gilt das Para­digma, über indi­rekte Füh­rungs­in­stru­mente wie recht­li­che und orga­ni­sa­to­ri­sche Rah­men­be­din­gun­gen das Han­deln der im Gesund­heits­we­sen Täti­gen bis in die ope­ra­tive Ver­sor­gungs­ebene der direk­ten Pati­en­ten­ver­sor­gung zu dirigieren.

Dies geschieht nicht zuletzt aus der Angst, dass direkte Füh­rungs­struk­tu­ren mit ihren par­ti­zi­pa­ti­ven und situa­ti­ven Ele­men­ten die indi­rek­ten Vor­ga­ben umge­hen und damit Ursa­che für Effi­zi­enz­ver­luste sein könn­ten. Dem gilt es durch Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten, Moni­to­ring, Kon­trol­len und Sank­tio­nen aber auch durch Ein­schrän­kung von Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten und Frei­räu­men vor­zu­beu­gen. Dass der Zenit die­ser Stra­te­gie noch nicht erreicht ist, zeigt die Gesund­heits­re­form 2013 mit ihren neuen über­ge­ord­ne­ten Kon­troll- und Steuerungsinstrumenten.

In der Umset­zung der indi­rek­ten Füh­rungs­vor­ga­ben nei­gen die Kran­ken­an­stal­ten­be­triebs­ge­sell­schaf­ten dazu, mit einem der kol­le­gia­len Füh­rung über­ge­ord­ne­ten Manage­ment den Geist kran­ken­an­stal­ten­recht­li­cher und ärz­te­recht­li­cher Vor­ga­ben zu rela­ti­vie­ren. Ebenso brin­gen auch die Sozi­al­ver­si­che­run­gen unter Ver­weis auf ihre Vor­ga­ben die Ver­trags­ärzte in Bedräng­nis, wenn die Ver­trags­be­din­gun­gen mit den berufs­recht­li­chen Pflich­ten der Ärzte und den medi­zi­nisch-wis­sen­schaft­li­chen Erfor­der­nis­sen kollidieren.

Unre­flek­tiert und im Dun­keln bleibt bei die­ser zen­tra­lis­ti­schen Wil­lens­durch­set­zung die Frage, ob das öko­no­mi­sche Ziel der Ratio­na­li­sie­rung und Effi­zi­enz­stei­ge­rung mit die­ser Methode über­haupt erreicht wer­den kann. Oder wird geflis­sent­lich über­se­hen und ver­schwie­gen, dass diese indi­rek­ten Füh­rungs­in­stru­mente ein gro­ßes Poten­tial in sich tra­gen, selbst Inef­fi­zi­en­zen zu erzeu­gen. Schließ­lich erfor­dern sie ein hohes Maß an Kon­troll­me­cha­nis­men, ‑gre­mien und ‑instru­men­ten, die in der Regel als Admi­nis­tra­tion und Büro­kra­tie wahr­ge­nom­men wer­den. Die unter die Trans­ak­ti­ons­kos­ten fal­len­den Auf­wen­dun­gen für sol­che Ein­rich­tun­gen kön­nen in Kom­bi­na­tion mit den durch sie ver­ur­sach­ten Fol­gen wie Demo­ti­va­tion und Resi­gna­tion der Leis­tungs­trä­ger durch­aus die erwar­te­ten Effi­zi­enz­ef­fekte gegen Null füh­ren und eine Abwärts­spi­rale aus­lö­sen, die die Leis­tungs­fä­hig­keit einer Orga­ni­sa­tion oder des gesam­ten Sys­tems nach­hal­tig nega­tiv beeinflusst.

Artur Wech­sel­ber­ger
Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 5 /​10.03.2013