Kunst­his­to­ri­sches Museum Wien: Erst­mals: Lucian Freud

10.10.2013 | Spek­trum

Von sei­nem Groß­va­ter Sig­mund Freud erhielt Lucian bereits im Kin­des­al­ter Repro­duk­tio­nen der Alten Meis­ter Brue­gel, Tizian oder Dürer. Es war der Grund­stein sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit ver­gan­ge­nen Epo­chen. In Öster­reich sind die Werke des bedeu­ten­den figu­ra­ti­ven Malers nun erst­mals zu sehen. Von Bar­bara Wakolbinger

Für ein Pro­jekt wurde Lucian Freud in den 1990er-Jah­­ren mit 24 wei­te­ren Künst­lern ein­ge­la­den, sich mit einem Gemälde der Natio­nal Gal­lery in Lon­don ein­ge­hend aus­ein­an­der­zu­set­zen. Mona­te­lang ver­brachte er dar­auf­hin dank einer Son­der­er­laub­nis seine Nächte im Museum. Er saß vor dem Gemälde „Die junge Leh­re­rin“ von Jean Siméon Char­din – das eigens für ihn mit einer Halo­gen­lampe beleuch­tet wurde – und schuf in fie­ber­haf­ter Arbeit zwei eigene Ver­sio­nen des Werks. Dabei ver­än­derte er die Größe und die Dyna­mik der bei­den abge­bil­de­ten Per­so­nen radi­kal – es waren keine schlich­ten Kopien. Freud ver­lieh den Wer­ken ein ganz eige­nes Leben und hin­ter­fragte so die gän­gi­gen Ideen der Ori­gi­na­li­tät und Künst­ler­hier­ar­chie. „Ich wollte mir keine Arbeits­weise abschauen, son­dern ler­nen, wie man mit den Din­gen umgeht“, erklärte Freud selbst seine Fas­zi­na­tion für die Vergangenheit.

Tat­säch­lich war es nicht die erste Aus­ein­an­der­set­zung von Lucian Freud mit den Meis­ter­wer­ken ver­gan­ge­ner Epo­chen; oft ent­stan­den seine Werke als Reak­tion auf andere Bil­der. Seine Bezie­hung zu den Alten Meis­tern begann schon im Kin­des­al­ter, als ihm sein Groß­va­ter Sig­mund Freud Repro­duk­tio­nen aus dem Kunst­his­to­ri­schen Museum Wien schenkte. An den Zim­mer­wän­den des klei­nen Lucian Freud hin­gen Tizian, Dürer oder Land­schafts­bil­der von Brue­gel dem Älte­ren. Auch nach der Über­sie­de­lung 1931 von Ber­lin nach Lon­don, wo Freud bis zu sei­nem Tod 2011 lebte und arbei­tete, ging er sei­ner Lei­den­schaft für die Kunst des Alten Ägyp­tens und die Künst­ler des Mit­tel­al­ters, der Renais­sance und des Barock nach. Heute gilt Lucian Freud als einer der bedeu­tends­ten figu­ra­ti­ven Maler des 20. Jahr­hun­derts; die Erfah­run­gen sei­ner Kind­heit und Jugend beglei­te­ten sein Schaf­fen rund 70 Jahre lang. „Seine Bezie­hung zu his­to­ri­schen Gemäl­den und Skulp­tu­ren war bestän­dig und für sein Werk zen­tral“, erklärt Kura­tor Jasper Sharp. Im Kunst­his­to­ri­schen Museum hän­gen seine Werke seit 8. Okto­ber in den Räu­men neben jenen Bil­dern und Sta­tuen, die ihn einst so stark beein­fluss­ten; der Schwer­punkt der Aus­stel­lung liegt auch des­halb auf der Ver­bin­dung zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Gegenwart.

Enge Koope­ra­tion von Sharp und Freud

Es ist die erste Gele­gen­heit, die Werke von Freud in Öster­reich zu sehen. Für die Kon­zep­tion der Aus­stel­lung arbei­tete Sharp in den Mona­ten vor dem Tod von Lucian Freud eng mit dem Künst­ler zusam­men. Die Schau ver­folgt seine gesamte Schaf­fens­pe­ri­ode. Zu sehen sind einige sei­ner wich­tigs­ten und bedeu­tends­ten Werke; die Leih­ga­ben kom­men aus der gan­zen Welt. Vor allem durch seine rea­lis­ti­schen Por­träts und Akte wurde Freud bekannt und berühmt. Diese wer­den ebenso zu bewun­dern sein wie seine Selbst­por­träts – laut Sharp „das Rück­grat der Aus­stel­lung und nach­weis­lich der bestän­digste und bemer­kens­wer­teste Höhe­punkt im Schaf­fen Freuds“ –, Land­schaf­ten oder Still­le­ben. Freud por­trä­tierte viele sei­ner Freunde und Künst­ler­kol­le­gen; immer wie­der fin­den sich auch Bild­nisse sei­ner Fami­lie. „Freuds größ­tes Para­dox – und seine unzwei­fel­haft größte Leis­tung – war es, ein Werk zu schaf­fen, das ihn für ein his­to­ri­sches Museum zu zeit­ge­nös­sisch und für ein zeit­ge­nös­si­sches Museum zu his­to­risch erschei­nen ließ“, beschreibt Sharp.

Im Kunst­his­to­ri­schen Museum wird nun noch bis Jän­ner 2014 der Ver­such unter­nom­men, die­ses Para­do­xon zu durchbrechen.

Was, Wann, Wo:

Lucian Freud
8. Okto­ber 2013 bis 6. Jän­ner 2014
Kunst­his­to­ri­sches Museum Wien
Burg­ring 5, 1010 Wien
www.khm.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 19 /​10.10.2013