Alber­tina: Matisse: Die „jun­gen Wilden“

25.10.2013 | Spektrum

Es ist die erste Avant­garde-Bewe­gung des 20. Jahr­hun­derts und die Geburts­stunde der Moderne: Henri Matisse und seine „Fau­ves“ wand­ten sich von der bis­her bekann­ten Male­rei ab. Erst­mals spielte die Befind­lich­keit des Künst­lers eine grö­ßere Rolle in sei­nem Werk als das natür­li­che Vor­bild. Von Bar­bara Wakolbinger

Unge­zähmte, wilde Tiere, bei­nahe Bes­tien – schon bei ihrem ers­ten Auf­tritt in der Öffent­lich­keit beim drit­ten Pari­ser Herbst­sa­lon 1905 fand der fran­zö­si­sche Kunst­kri­ti­ker Louis Vau­x­cel­les kein ande­res Wort für Henri Matisse, André Derain und ihre Freunde. Sie waren „Fau­ves“ („Wilde“), die das Kon­zept der Nach­ah­mung der Natur durch die Male­rei auf den Kopf stell­ten, die Farbe in den Mit­tel­punkt ihres Schaf­fens rück­ten und so nicht nur die Vor­stel­lung von Kunst revo­lu­tio­nier­ten, son­dern auch die Geburts­stunde der moder­nen Male­rei ein­läu­te­ten. Der Name blieb den jun­gen Wil­den – eine Aus­stel­lung in der Wie­ner Alber­tina wid­met sich den in Öster­reich bis­her laut Kura­to­ren nur stief­müt­ter­lich behan­del­ten Fau­ves noch bis Jän­ner in all ihren Facetten.

Revo­lu­tion im Fischerdorf

Ende des 19. Jahr­hun­derts stand die Natur Modell für die Male­rei. Die Impres­sio­nis­ten hat­ten zwar begon­nen, mit Farbe und Licht zu expe­ri­men­tie­ren; von ihren Moti­ven, die mög­lichst die Wirk­lich­keit imi­tie­ren soll­ten, ver­ab­schie­de­ten sie sich jedoch nicht. Diese Revo­lu­tion sollte in den ers­ten Jah­ren des neuen Jahr­hun­derts begin­nen und schließ­lich 1905 im klei­nen süd­fran­zö­si­schen Fischer­dorf Col­lioure ihren Höhe­punkt errei­chen. Hier mal­ten Matisse und der Auto­di­dakt Derain, des­sen Werk in der Alber­tina min­des­tens gleich­wer­tig – wenn nicht sogar brei­ter – prä­sen­tiert wird als das des bekann­te­ren Matisse. Die bei­den wähl­ten ihre Far­ben will­kür­lich, dafür umso inten­si­ver leuch­tend, spiel­ten mit skiz­zen­haf­ten Pin­sel­stri­chen und mach­ten sich unmo­del­lierte Farb­flä­chen auf der Lein­wand zu Eigen. Es war ein radi­ka­ler Bruch mit dem Rea­lis­mus: Ana­to­mi­sche Rich­tig­keit fiel der neuen Art zu malen ebenso zum Opfer wie Raum­kon­struk­tio­nen oder Farb­per­spek­ti­ven. Erst­mals spielte die Befind­lich­keit des Künst­lers eine grö­ßere Rolle in sei­nem Werk als das natür­li­che Vor­bild. Wenn Matisse strah­len­des Rot-Grün neben Blau-Orange setzte, um seine Vor­stel­lung eines har­mo­ni­schen, rei­nen Farb­raums zu schaf­fen, war der Kunst­skan­dal perfekt.

In der Alber­tina steht aber nicht nur das hoch­pro­duk­tive Schaf­fen im son­ni­gen Col­lioure – das unter ande­rem Meis­ter­werke wie das „Offene Fens­ter“ von Matisse her­vor­brachte – im Vor­der­grund, son­dern auch die noch ein biss­chen zag­haf­te­ren Anfänge in Aqua­rel­len und Zeich­nun­gen. In rund 60 groß­for­ma­ti­gen Arbei­ten wird schon hier deut­lich, wel­che Rolle die Skiz­zen­haf­tig­keit und der hef­tige Farb­ein­satz spä­ter im Werk der Fau­ves haben werden.

Ihre Inspi­ra­tion bezo­gen die jun­gen Wil­den aus vie­len Quel­len: Sie beob­ach­te­ten etwa den Pin­sel­strich von Van Gogh genau und betrach­te­ten die unvoll­ende­ten Lein­wände von Cézanne. Neben Picasso waren Matisse, Derain und der im Nor­den Frank­reichs ver­or­tete Mau­rice de Vla­minck außer­dem die ers­ten Künst­ler, die mit Begeis­te­rung außer­eu­ro­päi­sche Arte­fakte sam­mel­ten; so sind vor allem afri­ka­ni­sche Skulp­tu­ren aus den Nach­läs­sen der Fau­ves in der Alber­tina zu sehen. Diese Vor­bil­der bestärk­ten die Künst­ler in ihrer Sub­jek­ti­vi­tät, die sich kaum um Pro­por­tio­nen und schön geformte Kör­per scherte.

Ein­fluss auf Bildhauerei

Aber nicht nur in der Male­rei, auch in der Bild­haue­rei hin­ter­lie­ßen die Fau­ves – allen voran Matisse – ihre Spu­ren. In der Alber­tina kann man einen Quer­schnitt durch jene Bron­ze­skulp­tu­ren betrach­ten, die Matisse von 1902 bis 1909 schuf und mit denen er sich ebenso radi­kal von der tra­di­tio­nel­len Bild­haue­rei wie vom impres­sio­nis­ti­schen Vor­bild löste. Derain hin­ge­gen ver­schlug es bis nach Lon­don, wo er die Skiz­zen für sei­nen danach in sei­nem Ate­lier in Paris ange­fer­tig­ten, wahr­schein­lich bekann­tes­ten Land­schafts­zy­klus der Fau­ves fest­hielt. Etwa drei Jahre dau­erte die Hoch­phase die­ser avant­gar­dis­ti­schen Male­rei. Künst­ler wie Geor­ges Braque schlos­sen sich dem revo­lu­tio­nä­ren Auf­bäu­men an: In der Aus­stel­lung ist das mit ins­ge­samt rund 160 Wer­ken, dar­un­ter Leih­ga­ben aus der gan­zen Welt, doku­men­tiert. Doch bald zer­streu­ten sich die Wege der jun­gen Wil­den wie­der. Derain und Braque such­ten die Neu­ord­nung der Kunst im Kubis­mus, Matisse wandte sich dem Deko­ra­ti­ven zu und blieb artis­ti­scher Ein­zel­gän­ger, der die Har­mo­nie und das Emp­fin­den des Künst­lers stets in den Vor­der­grund sei­nes Werks stellte und verteidigte.

Doch so kurz die Phase der Fau­ves auch gewe­sen sein mag: Ihr Ein­fluss auf das Kom­mende und damit jede expres­sio­nis­ti­sche Aus­drucks­form in der Kunst ist nicht zu unterschätzen.

Was, Wann, Wo:

„Matisse und die Fauves“

Bis 12. Jän­ner 2014
Alber­tina, Alber­ti­na­platz 1, 1010 Wien

www.albertina.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 20 /​25.10.2013