Tur­nus­ärzte: Mehr Medi­zin, weni­ger Zettelwirtschaft

25.11.2013 | Politik

Der Tur­nus­ärz­te­man­gel macht es mög­lich: In eini­gen öster­rei­chi­schen Kran­ken­häu­sern hat bereits ein Umden­ken begon­nen. Mit dem Ange­bot, Not­arzt-Grund­kurse und EKG-Kurse kos­ten­los zu absol­vie­ren, wer­den erste Maß­nah­men gesetzt, Jung­ärzte zu gewin­nen und auch zu hal­ten. Von Marion Huber

Sind die Zei­ten, in denen Tur­nus­ärzte reine Sys­tem­er­hal­ter waren, vor­bei? Zumin­dest im Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der in Linz hat man sich ange­sichts des Tur­nus­ärzte-Man­gels etwas Beson­de­res über­legt: Man finan­ziert in Zukunft den dort täti­gen Tur­nus­ärz­ten den Not­arzt-Grund­kurs und die EKG-Kurse 1 und 2. Ein­zige Vor­aus­set­zung: Die Tur­nus­ärzte in Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner müs­sen län­ger als sechs Monate im Kran­ken­haus ange­stellt sein und die Kurse bei der MedAk (Medi­zi­ni­sche Fort­bil­dungs­aka­de­mie Ober­ös­ter­reich) absol­vie­ren. „Die dadurch anfal­len­den Kos­ten wer­den aus dem Bud­get des Kran­ken­hau­ses für ärzt­li­che Fort­bil­dun­gen getra­gen“, wie Tho­mas Mül­ler, ärzt­li­cher Direk­tor des Kran­ken­hau­ses Barm­her­zige Brü­der Linz, erklärt. Die Reak­tio­nen sind mehr als posi­tiv; das Ange­bot wird von den Tur­nus­ärz­ten „mit offe­nen Armen“ ange­nom­men, freut sich Ste­fan Sal­la­ber­ger, Tur­nus­ärzte-Ver­tre­ter im Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der Linz.

Äußerst posi­tiv bewer­tet Harald Mayer, Obmann der Bun­des­ku­rie Ange­stellte Ärzte in der ÖÄK, diese „löb­li­chen Ansätze und ers­ten Zei­chen einer Reak­tion“. Und wei­ter: „Es ist gut, dass end­lich erkannt wird, dass etwas getan wer­den muss. Jedes noch so kleine Pflänz­chen, das hier wächst, muss gehegt und gepflegt wer­den.“ Den­noch werde man rascher und inten­si­ver agie­ren müs­sen, um zu ver­hin­dern, dass Tur­nus­ärzte das öster­rei­chi­sche Gesund­heits­sys­tem in Scha­ren ver­las­sen – wie sie es schon jetzt tun. Denn in der Peri­phe­rie spüre man die Aus­wir­kun­gen bereits: „Wir müs­sen recht­zei­tig sol­che Arbeits­be­din­gun­gen schaf­fen, dass die jun­gen Ärzte gerne im Land blei­ben – und das, bevor der Man­gel auch den städ­ti­schen Raum erfasst.“ Oberste Prio­ri­tät haben für den Bun­des­ku­ri­en­ob­mann dabei bes­sere Arbeits­be­din­gun­gen und eine höhere Aus­bil­dungs­qua­li­tät: „Die jun­gen Kol­le­gen wol­len unter ordent­li­chen Arbeits­be­din­gun­gen ordent­lich aus­ge­bil­det werden.“

In die­sem Sinn sind Gra­tis-Fort­bil­dungs­kurse auch nicht die ein­zige Initia­tive, mit der sich das Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der in Linz um seine Tur­nus­ärzte bemüht. Seit Jah­ren ist für den ärzt­li­chen Direk­tor die Aus­bil­dung „vor­ran­gi­ges Thema“. Gemein­sam mit dem Koope­ra­ti­ons­part­ner, dem Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Schwes­tern Linz, wurde schon 2007 unter www.turnusdoc.at eine spe­zi­elle Home­page für Tur­nus­ärzte ein­ge­rich­tet. Diese dient zwar auch zur Kom­mu­ni­ka­tion, wird aber auch dafür genutzt, das interne Fort­bil­dungs­an­ge­bot für die Tur­nus­ärzte von bei­den Kran­ken­häu­sern zu koordinieren.

Außer­dem wird für jeden Tur­nus­arzt ein indi­vi­du­el­ler Tur­nus­ärzte-Pass geführt; darin sind alle medi­zi­ni­schen The­men, die absol­viert wer­den müs­sen, auf­ge­lis­tet. Mül­ler dazu: „So kön­nen der Tur­nus­arzt und der Aus­bil­dungs­ver­ant­wort­li­che Fach­arzt der jewei­li­gen Abtei­lung lau­fend mit­ver­fol­gen, wel­che The­men bereits erlernt wur­den und wel­che noch offen sind.“ Mül­ler und Sal­la­ber­ger beto­nen auch, dass Tur­nus­ärzte bei­spiels­weise im Rah­men des Tur­nus im Fach Innere Medi­zin sowie bereits im kli­nisch-prak­ti­schen Jahr die Mög­lich­keit haben, beim Not­arzt­dienst (NEF) mit­zu­fah­ren. „So bekommt man einen Ein­blick in die sehr inter­es­sante und rasante Welt des spä­te­ren Not­arzt-Daseins“, weiß Sallaberger.

Auf­ga­ben, die Tur­nus­ärzte oft frus­trie­ren, wur­den im Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der Linz Ende 2012 an die Pflege über­tra­gen. Dazu zäh­len etwa Blut­ab­nah­men, das Schrei­ben von EKGs, die Ver­ab­rei­chung von ora­ler und intra­ve­nö­ser Medi­ka­tion oder auch das Legen von tran­sur­ethra­len Kathe­tern. „Im stres­si­gen Sta­ti­ons­all­tag, der wei­ter­hin von sehr vie­len nicht-ärzt­li­chen Tätig­kei­ten geprägt ist, stellt das eine Erleich­te­rung dar“, betont der Tur­nus­ärzte-Ver­tre­ter, der darin „einen Schritt“ in Rich­tung mehr ärzt­li­che Tätig­keit und weni­ger Zet­tel­wirt­schaft sieht. Das wie­derum ermög­li­che dem Tur­nus­arzt, viel von der Aus­bil­dung für die zukünf­tige Tätig­keit als Arzt für All­ge­mein­me­di­zin mitzunehmen.

Das gesamte Ange­bot für die Tur­nus­ärzte sei Ergeb­nis einer „engen Zusam­men­ar­beit zwi­schen ärzt­li­cher Direk­tion und Tur­nus­ärz­te­ver­tre­tern“, wie Mül­ler betont. Die Inputs für Ver­än­de­run­gen kämen von bei­den Sei­ten; auf diese Weise wolle man „Schritt für Schritt die Aus­bil­dung ver­bes­sern und an neue Gege­ben­hei­ten anpas­sen“. Im Fall des neuen Fort­bil­dungs­an­ge­bots kam die Idee von der Tur­nus­ärz­te­ver­tre­tung, weil „es zu einer guten Grund­aus­bil­dung gehört, ein EKG mit den wich­tigs­ten rele­van­ten Patho­lo­gien lesen und beur­tei­len zu kön­nen und weil das not­fall­me­di­zi­ni­sche Diplom in vie­len Stel­len­aus­schrei­bun­gen als Vor­aus­set­zung ange­führt wird“, erklärt Sal­la­ber­ger. Die Idee fand Gefal­len: Schon Tags dar­auf, nach­dem der ent­spre­chende Vor­schlag unter­brei­tet wurde, wurde der Tur­nus­ärzte-Ver­tre­tung „nach kur­zer Abstim­mung in der Kran­ken­haus­lei­tung“ die Zusage gegeben.

Der­zeit sind zwar keine wei­te­ren kon­kre­ten Pro­jekte geplant; der ärzt­li­che Direk­tor will die Aus­bil­dung den­noch kon­ti­nu­ier­lich ver­bes­sern: „In Zei­ten des dro­hen­den Ärz­te­man­gels wäre die gesamte öster­rei­chi­sche Kran­ken­haus­land­schaft gut bera­ten, man­nig­fal­tige Anstren­gun­gen zu unter­neh­men.“ Wenn­gleich immer auch regio­nale und struk­tu­relle Fak­to­ren ent­schei­dend dafür seien, ob ein Kran­ken­haus als Aus­bil­dungs­stätte gefragt ist, könn­ten es Ange­bote wie diese sicher attrak­ti­ver machen. „Ein Kran­ken­haus, das sol­che Anstren­gun­gen unter­nimmt, wird moti­vierte Tur­nus­ärzte wahr­schein­lich leich­ter gewin­nen und hal­ten kön­nen“, ist Mül­ler überzeugt.

Inter­view: „Es muss noch mehr getan werden!“

So sehr erste Ansätze zur Ver­än­de­rung zu begrü­ßen sind: Damit, dass Tur­nus­ärzte als Sys­tem­er­hal­ter ein­ge­setzt wer­den, muss ein für alle Mal Schluss sein, sagt der stell­ver­tre­tende Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der ange­stell­ten Ärzte in der ÖÄK, Karl­heinz Korn­häusl und for­dert, dass noch viel mehr pas­sie­ren müsse. Das Gespräch führte Marion Huber.

ÖÄZ: Soll­ten Kran­ken­häu­ser in Zei­ten eines dro­hen­den Tur­nus­ärzte-Man­gels nicht ver­mehrt ver­su­chen, die Aus­bil­dung zu ver­bes­sern und Tur­nus­ärz­ten „Goo­dies“ bie­ten?
Korn­häusl: In der Tat. Und es gibt auch schon Kran­ken­häu­ser, die von sich aus bemüht sind, weil sie sprich­wört­lich mit dem Rücken zur Wand ste­hen und kei­nen Ärz­te­nach­wuchs mehr bekom­men. Ich orte da und dort schon Bewe­gung und posi­tive Ansätze, was die Aus­bil­dung für uns Jung­me­di­zi­ner betrifft. Die Fah­nen­stange ist aber noch lange nicht erreicht. Da muss mehr getan wer­den! Sonst wer­den wei­tere Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen Öster­reich den Rücken keh­ren und ins benach­barte Aus­land abwan­dern, wo sie ein­fach eine bes­sere Aus­bil­dung gegen eine adäqua­tere Bezah­lung bekommen.

Sehen Sie sol­che Initia­ti­ven wie die Gra­tis-Fort­bil­dungs­kurse am Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Brü­der Linz als Vor­bild für andere Kran­ken­häu­ser?
Natür­lich die­nen sol­che Abtei­lun­gen und Kran­ken­häu­ser als Vor­bild. Und der Phan­ta­sie, sich als Arbeit­ge­ber inter­es­san­ter zu machen, sind ja keine Gren­zen gesetzt. Jah­re­lang wur­den Tur­nus­ärzte als bil­lige Sys­tem­er­hal­ter benutzt. Damit muss ein für alle Mal Schluss sein. Ohne uns Ärzte geht es in einem Gesund­heits­sys­tem nun ein­mal nicht. Und wenn es darum geht, den Brain­drain ins Aus­land zu stop­pen, ist jede noch so kleine Idee herz­lich will­kom­men. Die Ärz­te­kam­mer bringt sich seit Jah­ren mit kon­struk­ti­ven Vor­schlä­gen in die­sen Pro­zess ein.

Wel­che drei Haupt­for­de­run­gen haben Sie in Bezug
auf Tur­nus­ärzte?

Ers­tens: die flä­chen­de­ckende Umset­zung des Tur­nus­ärzte Tätig­keits­pro­fils und die Ent­las­tung der Tur­nus­ärzte von büro­kra­ti­schen Auf­ga­ben. Zwei­tens: die gesetz­li­che Ver­an­ke­rung der Lehr­pra­xis. Drit­tens: eine deut­li­che Bes­se­rung der Work-Life-Balance. Es kann nicht sein, dass die spär­li­che Frei­zeit rein der Rege­ne­ra­tion nach den Nacht­diens­ten dient. Die Umset­zung des Diens­ten­des nach 25 Stun­den Dienst ist längst über­fäl­lig. Und last but not least wird man wohl auch über Geld reden dürfen.

„Tur­nus Tage“ und „Med-Sum­mer-School“

Auch im Salz­bur­ger Ober­pinz­gau hat man einen krea­ti­ven Ansatz gefun­den, um Tur­nus­ärzte für die Region zu begeis­tern. Das Kran­ken­haus Mit­ter­sill hat gemein­sam mit dem Regio­nal­ver­band Ober­pinz­gau die soge­nann­ten „Tur­nus Tage“ ins Leben geru­fen. Dabei wer­den Jung­ärzte ein­ge­la­den, zwei Tage lang Erfah­rung im Kran­ken­haus zu sam­meln – im Anschluss kön­nen sie noch zwei Urlaubs­tage in der Region ver­brin­gen. Das Ange­bot – es gilt bis Mitte April 2014 – beinhal­tet die kos­ten­lose Unter­brin­gung in einem Hotel in Mit­ter­sill für die Dauer des gesam­ten Auf­ent­halts sowie Freizeitaktivitäten.

In Nie­der­ös­ter­reich, wo etwa im Kran­ken­haus in Waid­ho­fen an der Thaya mehr als zehn Tur­nus­ärzte feh­len, in Zwettl und Gmünd jeweils fünf bis sie­ben, hat das Lan­des­kli­ni­kum Zwettl-Gmünd-Waid­ho­fen/T­haya mit der ers­ten „Med-Sum­mer School“ um Tur­nus­ärzte gewor­ben: Mitte Juli 2013 wur­den Medi­zin­stu­den­ten ins Lan­des­kli­ni­kum Zwettl zu einem zwei­tä­gi­gen inten­si­ven Work­shop ein­ge­la­den. Die Kos­ten für An- und Abreise aus Wien, Über­nach­tung und Ver­pfle­gung wur­den über­nom­men. Gebo­ten wur­den etwa ein Naht- und Gips­kurs, Endo­sko­pie- und Reani­ma­ti­ons-Trai­ning und Schockraum-Management.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 22 /​25.11.2013