Künf­tige Rolle der All­ge­mein­me­di­zin: Lehr­pra­xis ohne „Wenn“ und „Aber“

25.06.2013 | Poli­tik

Die Lehr­pra­xis erweist sich als der Knack­punkt, wieso eine Reform der Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner der­zeit wie­der nicht mög­lich ist. Diese Frage und auch die künf­tige Rolle der All­ge­mein­me­di­zin im Hin­blick auf die Gesund­heits­re­form stan­den im Mit­tel­punkt einer Pres­se­kon­fe­renz der ÖÄK. Von Agnes M. Mühlgassner

Die Dis­kus­sion rund um die Ärzte-Aus­­­bil­­dung sei für ihn, ÖÄK-Prä­­si­­dent Artur Wech­sel­ber­ger, nicht ein „poli­ti­sches Hick­hack“, son­dern es gäbe ernst­hafte inhalt­li­che und sach­li­che Gründe, warum die Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner – die in der jet­zi­gen Form seit nun­mehr 50 Jah­ren besteht – „unbe­dingt“ ver­än­dert wer­den müsse. „In einem Spe­zi­al­ge­biet, in dem man sein gan­zes beruf­li­ches Leben ver­bringt, ist man gar nicht aus­ge­bil­det“, umriss Wech­sel­ber­ger die der­zei­tige Misere. Hier hinke Öster­reich „sträf­lich“ nach – beson­ders ange­sichts der Tat­sa­che, dass man inner­halb der Medi­zin 43 ver­schie­dene Son­der­fä­cher ver­zeichne. Schon seit Jah­ren dränge die ÖÄK des­we­gen dar­auf, dass es im Bereich der Aus­bil­dung zu einer Ände­rung kom­men müsse. „Lei­der ist das Gesund­heits­mi­nis­te­rium nicht die­ser Ansicht. Der Knack­punkt dabei ist sicher die Aus­bil­dung in einer Lehr­pra­xis“, betont der ÖÄK-Präsident.

Was das für einen Jung­arzt kon­kret bedeu­tet, erläu­terte Chris­to­pher Rei­chel (JAMÖ, Junge All­ge­mein­me­di­zin Öster­reichs), der seit einem Jahr mit dem Tur­nus fer­tig ist: „Man kommt in die Ordi­na­tion und hat Pati­en­ten mit Beschwer­den, die man vor­her noch nie gese­hen hat.“ Die Fächer­ver­tei­lung im Tur­nus ins­ge­samt ist sei­ner Ansicht nach nicht mehr reprä­sen­ta­tiv: So ist bei­spiels­weise die Ortho­pä­die im Tur­nus nicht fest ver­an­kert. Für Rei­chel ist klar: „Eine Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner ohne Lehr­pra­xis – das kann ein­fach nicht sein.“

Der Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin (ÖGAM), Rein­hold Glehr, bezeich­net die inter­na­tio­nale Ent­wick­lung auf dem Gebiet der All­ge­mein­me­di­zin als „sehr rasant“; diese werde hier­zu­lande jedoch nur wenig wahr­ge­nom­men. Auch sei die Stel­lung der All­ge­mein­me­di­zin im inter­na­tio­na­len Ver­gleich „zu nied­rig“. Glehr wei­ter: „All­ge­mein­me­di­zin ist etwas ganz Spe­zi­el­les und hat spe­zi­elle Methoden.“

Nach Ansicht der ÖÄK müs­sen bei der künf­ti­gen Aus­bil­dung zum All­ge­mein­me­di­zi­ner drei Kri­te­rien erfüllt sein: 1) Die Aus­bil­dung in einer Lehr­pra­xis darf künf­tig nicht mehr fakul­ta­tiv, son­dern muss ver­pflich­tend sein; 2) Die Lehr­pra­xis muss am Ende der Aus­bil­dung statt­fin­den und 3) Die Lehr­pra­xis muss zwölf Monate dauern.

Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich beträgt die Dauer der Lehr­pra­xis zwi­schen sechs und 48 Mona­ten; in Deutsch­land bei­spiels­weise sogar 24 Monate. Was die Kos­ten anlangt, lie­gen sie für zwölf Monate ver­pflich­tende Lehr­pra­xis – legt man den Kol­lek­tiv­ver­trag zugrunde – rund 15 Mil­lio­nen Euro pro Jahr. Der­zeit zahlt der Bund jedem in der Lehr­pra­xis täti­gen Jung­arzt monat­lich 1.345 Euro; rund noch ein­mal so viel muss der Lehr­­pra­xis-Inha­­ber auf­brin­gen. Wer für die 15 Mil­lio­nen Euro auf­kom­men soll, ist für Wech­sel­ber­ger klar: „Bund, Län­der und Sozi­al­ver­si­che­rung haben ja dies­be­züg­lich die­sel­ben Inter­es­sen. Diese drei soll­ten das auch zusam­men finan­zie­ren.“ Denn im Kran­ken­haus sei man es „gewöhnt“, dass die öffent­li­che Hand die Aus­bil­dung finan­ziere, weil die Tur­nus­ärzte auch Sys­­te­m­er­hal­­ter-Täti­g­­kei­­ten leis­ten. Im nie­der­ge­las­se­nen Bereich jedoch „fehlt das Ver­ständ­nis“ dafür. „Wenn ich jeman­den in einer Lehr­pra­xis aus­bilde, dann muss auch das im Inter­esse der Öffent­lich­keit sein und bezahlt wer­den“, so die Schluss­fol­ge­rung von Artur Wechselberger.

Öster­reich­weit gibt es der­zeit 107 geför­derte Lehr­­pra­xis-Stel­­len. Jähr­lich wären rund 450 Stel­len not­wen­dig, um den Bedarf decken zu kön­nen: 250 für die Nach­be­set­zung von Kas­sen­stel­len, die übri­gen sind als Schul­ärzte, Amts­ärzte, Arbeits­me­di­zi­ner etc. tätig. Von den 925 gemel­de­ten Lehr­pra­xen in Fach­­arzt-Ordi­­na­­ti­o­­nen sind der­zeit 138, von den 1.207 gemel­de­ten Lehr­pra­xen in All­­ge­­mein­­me­­di­­zi­­ner-Ordi­­na­­ti­o­­nen 107 besetzt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 12 /​25.06.2013