Inter­view – Vize-Präs. Johan­nes Stein­hart: „Pati­ent ist das Maß aller Dinge“

10.05.2013 | Poli­tik

In der Gesund­heits­po­li­tik wird nicht mehr über Inhalte gespro­chen, son­dern nur über Ein­spar­po­ten­tiale, sagt der Kuri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte in der ÖÄK, Johan­nes Stein­hart. Sei­ner Ansicht nach müsse der Pati­ent das Maß aller Dinge in der Ver­sor­gung sein und nicht irgend­wel­che Kon­tin­gente, erklärt er im Gespräch mit Agnes M. Mühlgassner.


ÖÄZ: Die Kran­ken­kas­sen haben die vor­ge­ge­be­nen Spar­ziele mehr als erfüllt, was den Gesund­heits­mi­nis­ter sehr gefreut hat. Kön­nen Sie das nach­voll­zie­hen?

Stein­hart: Ers­tens ist eine Kran­ken­kasse keine Spar­kasse und ich frage mich, wie die­ser Über­schuss von einer Mil­li­arde Euro ver­an­lagt wird. Das Zweite ist: Offen­sicht­lich hat man schon wie­der eine Mil­li­arde Euro bei den Leis­tun­gen an Pati­en­ten ein­ge­spart. Eine ordent­li­che Geba­rung ist schon zu begrü­ßen. Aber hier muss man schon auch fest­hal­ten, dass in etli­chen Berei­chen in der Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich noch eini­ges gere­gelt wer­den muss wie zum Bei­spiel bei der Kin­der­psych­ia­trie oder der ambu­lan­ten Schmerz­ver­sor­gung. Es gibt in Öster­reich auch kein Kin­der­hos­piz. Es ist unglaub­lich, dass sich ein Minis­ter über Ein­spa­run­gen im Gesund­heits­sys­tem brüs­tet als wäre er ein Bank­di­rek­tor, aber ster­ben­den Kin­dern, die ohne­hin keine Hoff­nung mehr haben, nicht ein­mal ermög­licht, noch ein Pony strei­cheln zu können.

Es gibt ein ein­zi­ges Bun­des­land, in dem die GKK noch immer enorme Schul­den hat, näm­lich Wien. Warum ist das so?
Das ist rela­tiv ein­fach zu erklä­ren. Bei der Wie­ner GKK sind die ver­si­che­rungs­frem­den Leis­tun­gen nach wie vor das größte Pro­blem. Die gibt es schon seit Jah­ren und nie­mand küm­mert sich darum. Würde das aus­bi­lan­ziert wer­den, würde das zu einer schlag­ar­ti­gen Ver­bes­se­rung füh­ren. Gerade in der Wie­ner GKK haben §2‑Versicherte viel zu wenig Hebe­satz, also der Arbeit­ge­ber­an­teil der Pen­sio­nis­ten, der bei ande­ren Kas­sen viel höher ist. Da würde eine gewisse, und zwar eine mehr als mode­rate Anpas­sung, dras­ti­sche Erleich­te­run­gen bringen.

An wel­che Grö­ßen­ord­nung den­ken Sie?
Da reden wir sicher­lich von 30 Prozent.

Minis­ter Stö­ger will die­ses zusätz­li­che, von den Kran­ken­kas­sen ein­ge­sparte Geld in Zahn­ersatz und Prä­ven­tion inves­tie­ren, aber nicht in zusätz­li­che Kas­sen­plan­stel­len. Ist das auch Ihre Ziel­rich­tung?
Nein, sicher nicht. Das zeigt aber, wie ver­lo­gen und falsch die Aus­sa­gen waren, wenn man sagt: „wir ver­la­gern“ und anschlie­ßend aber nicht die ent­spre­chen­den Res­sour­cen zur Ver­fü­gung stellt. Im Gegen­teil: Man müsste jetzt inves­tie­ren und anschlie­ßend Ein­spa­rungs­po­ten­tial suchen. Für mich ist das ein­mal mehr der klare Beweis, dass das seine wirk­li­che Absicht ist.

Haben Sie den Minis­ter dar­auf ange­spro­chen?
Nein, noch nicht.

In einer Lan­­cet-Stu­­die konnte auf­ge­zeigt wer­den, wel­che Fol­gen die Spar­po­li­tik in der EU ins­ge­samt auf den Gesund­heits­sta­tus hat. So ist etwa in Grie­chen­land die Sui­zid­rate dra­ma­tisch gestie­gen.
Das über­rascht mich nicht wirk­lich. Denn von Sei­ten der Ärz­te­kam­mer haben wir immer dar­auf hin­ge­wie­sen, dass gerade in schlech­ten Zei­ten die medi­zi­ni­sche und psy­chi­sche Ver­sor­gung wich­ti­ger ist als alles andere.

Haben Sie auch kon­krete Rück­mel­dun­gen, inwie­fern nie­der­ge­las­sene Ärzte in Öster­reich sol­che Aus­wir­kun­gen der Spar­po­li­tik im Gesund­heits­we­sen mer­ken?
Es kom­men immer wie­der Mel­dun­gen, nicht zuletzt über War­te­zei­ten auf tech­ni­sche Unter­su­chun­gen, die immer mehr anstei­gen. Man weiß hier ganz genau, dass das sehr restrik­tiv gehand­habt wird und in der Folge teil­weise zu gro­ßen Pro­ble­men führt. In letz­ter Kon­se­quenz hat es zur Folge, dass Men­schen, die ein drin­gen­des medi­zi­ni­sches Pro­blem haben und es sich leis­ten kön­nen in die Pri­vat­me­di­zin gedrückt wer­den und damit sind wir gera­de­wegs in der Zwei-Klas­­sen-Medi­­­zin.

Die Ein­spa­rungs­pläne aus Ober­ös­ter­reich im Bereich der Hüf­ten­do­pro­the­sen haben ja zuletzt für große Auf­re­gung gesorgt. Sehen Sie sol­che Ent­wick­lun­gen auch in ande­ren Berei­chen?

Prin­zi­pi­ell ist es immer kri­tisch, wenn man eine Leis­tung an einem Pro­zent­satz fest­macht, das ist ein völ­lig fal­scher Ansatz. Man muss eine Leis­tung mit einer Indi­ka­tion ver­se­hen, das heißt: wer etwa eine Hüf­ten­do­pro­these benö­tigt, bekommt sie – und nicht fünf Pro­zent und wenn das Kon­tin­gent erfüllt ist, bekommt sie der nächste nicht mehr. Diese Über­le­gung ist ja schlicht und ein­fach dumm, aber vor allem ent­spricht sie nicht der Pati­en­ten­ori­en­tie­rung. Das Maß aller Dinge muss der Bedarf des Pati­en­ten sein und die Ver­sor­gung, die er benötigt.

Jetzt soll zwar im Zuge der Gesund­heits­re­form der nie­der­ge­las­sene Bereich gestärkt wer­den, aber der Gesund­heits­mi­nis­ter will die Zahl der Kas­sen­plan­stel­len nicht erhö­hen. Wie soll das gehen?
Das zeigt, dass der Herr Minis­ter offen­sicht­lich nicht mehr über Inhalte spricht wie dies bei­spiels­weise bei hef­tig umstrit­te­nen Res­sorts wie Bil­dung und Mili­tär der Fall ist. Bedau­erns­wer­ter Weise ist es ja so, dass schon die bei­den Vor­gän­ger von Minis­ter Stö­ger in der Gesund­heits­po­li­tik nicht mehr von Ver­sor­gung und Leis­tung gespro­chen haben, son­dern immer nur von Ein­spa­rungs­po­ten­tia­len. Gesund­heit wird somit mut­wil­lig zur Man­gel­be­wirt­schaf­tung erklärt.

Josef Probst hat als neuer Gene­ral­di­rek­tor im Haupt­ver­band im Antritts­in­ter­view erklärt, dass Spa­ren die neue Devise ist.
Der Herr Probst über­rascht in die­ser Rich­tung über­haupt nicht. Es ist die Frage, ob der Herr Probst bei Ver­sor­gungs­ein­bu­ßen auch öffent­lich dafür eintritt.

Was mei­nen Sie damit kon­kret?
Dass er sagt: „Okay, es ist ganz nor­mal, dass die War­te­zeit um vier Wochen län­ger ist.“

Wie soll es trotz allem in Zukunft noch mög­lich sein, dass nie­der­ge­las­sene Ärz­tin­nen und Ärzte Zeit dafür haben, mit den Pati­en­ten auch zu reden?
Neben der Ver­sor­gung ist die Zuwen­dungs­pro­ble­ma­tik eine der wich­tigs­ten, da in der heu­ti­gen Zeit Zuwen­dung ein immer wert­vol­le­res Gut wird und gleich­zei­tig auch immer ein Teil des Heil­pro­zes­ses ist. Aber die Gesprächs­me­di­zin muss ent­spre­chend finan­zi­ell hono­riert wer­den. Man muss für das Gespräch in der Medi­zin und in den Ordi­na­tio­nen wie­der Platz schaf­fen und mit aller Vehe­menz ver­su­chen, die Büro­kra­tie zu redu­zie­ren, weil Zuwen­dungs­me­di­zin braucht, genauso wie Büro­kra­tie, Zeit.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 9 /​10.05.2013