Stand­punkt – Vize-Präs. Gün­ther Waw­row­sky: Ärzt­li­che Kunst

10.04.2012 | Standpunkt

(c) Foto Weinwurm

War die ärzt­li­che Kunst über Jahr­tau­sende unan­tast­bar, so fin­den doch heute selbst­er­nannte Gesund­heits­öko­no­men, von Lan­des­haupt­leu­ten ein­ge­setzte Pati­en­ten­an­wälte, Pro­fit-gesteu­erte Exper­ten und zahl­rei­che andere Halb­wis­sende Gründe, daran zu krat­zen.

Zumal diese Kunst sich doch nicht als mess­bar, nicht ver­gleich­bar, nicht eva­lu­ier­bar, nicht kon­trol­lier­bar und sich schon gar nicht als steu­er­bar erweist. Ich aber – als Arzt seit mehr als 30 Jah­ren am Pati­en­ten tätig – habe dazu eine eigene Mei­nung.

Für mich bedeu­tet ärzt­li­che Kunst nicht, offen­sicht­lich die rich­tige Medi­zin oder den rech­ten Ein­griff zu ver­ord­nen. Das bleibt für uns ange­sichts unse­rer Aus­bil­dung und Kom­pe­tenz selbst­ver­ständ­lich. Es zählt nicht als Kunst, sich durch per­sön­li­ches Enga­ge­ment unter Opfe­rung der Frei­zeit fort und wei­ter zu bil­den, um am Puls einer sich ste­tig wei­ter­ent­wi­ckeln­den Wis­sen­schaft zu blei­ben. Es zählt auch nicht als Kunst, durch ein lan­ges, inten­si­ves, auf­rei­ben­des Stu­dium die Basis mit Erlan­gung eines aka­de­mi­schen Gra­des gelegt zu haben.

Viel­mehr liegt die Kunst darin, dem Ängst­li­chen in sei­ner Krank­heit zur rech­ten Zeit mit den rich­ti­gen Wor­ten Mut zuzu­spre­chen, dem Schmerz­ge­plag­ten neben Injek­tio­nen, Infu­sio­nen oder Tablet­ten letzt­lich Hoff­nung auf ein Ende sei­nes Lei­des zu ver­mit­teln; den Hoff­nungs­lo­sen und tief Trau­ern­den aber in deren schwers­ten Stun­den Trost zu spen­den. Und dabei immer die volle Ver­ant­wor­tung zu tra­gen – wenn auch an der Grenze einer engen Lega­li­tät zu han­deln oder zu las­sen ange­zeigt ist. Wenn also Unsi­cher­heit, Sorge, Angst, Schmerz, ja der nahende Tod den Men­schen und seine Nächs­ten betref­fen, mit Sen­si­bi­li­tät, Huma­ni­tät und Exper­tise ohne Angst, die Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men und zu han­deln, bei Tag und bei Nacht, zu Erde, zu Luft und zu Was­ser gefragt ist. Hier ver­sa­gen insti­tu­tio­nelle Richt­li­nie und Kon­trolle. Hier weiß der schmerz­lich Betrof­fene, füh­len seine nächs­ten Ver­wand­ten und Freunde: Das ist ärzt­li­ches Han­deln, ärzt­li­che Kunst!

Ich glaube aber auch fest, dass wenn wir Ärz­tin­nen und Ärzte in die­ser so restrik­ti­ven, regu­lier­ten, mit zahl­rei­chen sinn­lo­sen Auf­la­gen und Ver­ord­nun­gen ver­se­he­nen Welt wei­ter uns beseelt durch ärzt­li­ched Empa­thie unsere Pflicht erfül­len, ist auch das eine Kunst für sich. Wenn wir trotz ver­pflich­ten­der all­ge­mei­ner Behand­lungs­pfade und irra­tio­na­ler öko­no­mi­scher Auf­la­gen noch immer den Men­schen, das Indi­vi­duum als Ein­zel­schick­sal sehen und nicht – wie offi­zi­ell gewünscht – die Krank­heit, die Dia­gnose oder den ICD-Code behan­deln, dann ist auch das eine große Leis­tung, wenn nicht gar eine Kunst. Auch noch zusätz­lich behin­dert durch Ver­ord­nungs­ein­schrän­kun­gen, Bewil­li­gungs­pflicht, ein rot-gelb-grü­nes Boxen­sys­tem oder Gene­rika-Raten, Per­so­nal­re­strik­tion und Maul­korb­er­lässe in den Spi­tä­lern – und all das bei einer Bevöl­ke­rungs­ent­wick­lung, die uns mehr und ältere Pati­en­ten ver­sor­gen und weni­ger Ärzte das Sys­tem sichern lässt.

Trotz allem machen wir noch immer unsere Arbeit, tun unsere Pflicht und über­neh­men jede Ver­ant­wor­tung. Wenn auch so man­cher das nicht als Kunst sieht, die Men­schen ver­trauen uns. Poli­ti­ker, Öko­no­men und selbst­er­nannte Gesund­heits­ex­per­ten benei­den uns.

Das ist gut so. Wir sind wei­ter auf dem rich­ti­gen Weg!


Gün­ther Waw­row­sky

Vize-Prä­si­dent der Öster­rei­chi­schen Ärztekammer

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 7 /​10.04.2012