Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich: Ordi­na­tio­nen ohne Ärzte?

10.02.2012 | Politik



Unter die­sem Motto stand eine Podi­ums­dis­kus­sion mit nam­haf­ten Exper­ten, die sich mit der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung im nie­der­ge­las­se­nen Bereich befasste. Im Rah­men die­ser Ver­an­stal­tung wurde das Buch „Arzt der Zukunft – Zukunft des Arz­tes“ der Öffent­lich­keit prä­sen­tiert.

Von Ruth Mayr­ho­fer


Wir brau­chen gute Ordi­na­tio­nen bes­tens aus­ge­bil­de­ten Ärz­ten“ und „Wir müs­sen eine medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung dort schaf­fen, wo Men­schen leben“ – dies erklärte Gesund­heits­mi­nis­ter Alois Stö­ger anläss­lich der Prä­sen­ta­tion des Buches „Arzt der Zukunft – Zukunft des Arz­tes“, die Ende Jän­ner in Wien statt­fand.

Für ÖÄK-Prä­si­dent Wal­ter Dor­ner sind diese Anlie­gen und For­de­run­gen „im Gro­ßen und Gan­zen lei­der nur Lip­pen­be­kennt­nisse“. Er bedau­ert, dass bis­he­rige Regie­rungs­pro­gramme genauso wie die aktu­elle Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung zwar die Auf­wer­tung der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte vor­ge­se­hen haben bezie­hungs­weise vor­se­hen, pas­siert sei aller­dings nichts. Dor­ner: „Es muss end­lich gehan­delt wer­den!“ Denn: Die Situa­tion ist ernst. Die Pati­en­ten neh­men zuneh­mend Spi­tals­am­bu­lan­zen für die Lösung ihrer gesund­heit­li­chen Pro­bleme in Anspruch. Die Zahl der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte hin­ge­gen sinkt wegen der Rah­men­be­din­gun­gen und über­bor­den­der Büro­kra­tie. Der Beruf des Haus­arz­tes ist so unat­trak­tiv wie nie zuvor. In Öster­reich bes­tens aus­ge­bil­dete Jung­ärzte gehen des­halb lie­ber ins Aus­land, als in ihrer Hei­mat eine Pra­xis zu eröff­nen. „Ich kann es ihnen nicht ver­den­ken“, so der ÖÄK-Prä­si­dent. Dor­ner wei­ter: „Wir dis­ku­tie­ren stän­dig über mög­li­che Kos­ten­dämp­fun­gen und Ein­spa­rungs­po­ten­tiale, obwohl das Gesund­heits­we­sen ja nach­weis­lich auch wäh­rend der ‚Krise‘ gewach­sen ist. Viel bes­ser wäre es, dem Ver­trauen zwi­schen Arzt und Pati­en­ten eine Chance zu geben!“

Das unter­strich auch Gün­ther Waw­row­sky, Bun­des­ku­ri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte in der ÖÄK. Er betonte, dass das von der ÖÄK ent­wi­ckelte Haus­arzt­mo­dell, in dem der Haus­arzt als Ver­trau­ens­arzt und „Weg­wei­ser“ durch das Gesund­heits­sys­tem im Sinne sei­ner Pati­en­ten agiert, ein gang­ba­rer Weg sei, um dem Gesund­heits­we­sen nicht nur Geld zu spa­ren, son­dern auch die Arzt-Pati­en­ten-Bezie­hung auf neue Beine zu stel­len. Aller­dings bräuchte es dazu bei­spiels­weise nicht nur andere und auch ver­bes­serte For­men der Zusam­men­ar­beit, son­dern auch die längst über­fäl­lige Ent­wick­lung und vor­ran­gig Finan­zie­rung der Lehr­pra­xis – hier liegt der „Ball“ der­zeit bei den Län­dern – ansons­ten würde sich der dro­hende Ärz­te­man­gel noch wei­ter verschärfen.

Dass es immer schwie­ri­ger wird, Ordi­na­tio­nen nach­zu­be­set­zen, unter­stri­chen auch die Teil­neh­mer der Podi­ums­dis­kus­sion, die unter dem Gene­ral­thema „Ordi­na­tion ohne Ärzte? – Pati­en­ten ohne Ver­sor­gung“ stand. So warnte Gert Wie­gele, Kuri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte Kärn­tens: „Wenn für Ordi­na­tio­nen keine Nach­fol­ger gefun­den wer­den kön­nen, wird die Situa­tion auch für die Pati­en­ten bedroh­lich; der Beruf muss ganz ein­fach attrak­ti­ver wer­den, denn sonst ster­ben wir Haus­ärzte aus!“

„Es geht ans Ein­ge­machte“, meinte Bür­ger­meis­ter Hel­mut Mödlham­mer, Prä­si­dent des Öster­rei­chi­schen Gemein­de­bun­des. Letzt­lich sei die Betreu­ung der Pati­en­ten durch Haus­ärzte die „beste und bil­ligste Ver­sor­gung“. Wenn die­ses Sys­tem jedoch zer­schla­gen werde, ginge auch viel an Lebens­qua­li­tät für die Bür­ger ver­lo­ren. Eben­falls in diese Kerbe schlug Univ. Doz. Otto Tra­indl, ärzt­li­cher Lei­ter des Wein­vier­tel­kli­ni­kums Mis­tel­bach in Nie­der­ös­ter­reich. „Der unge­bremste Pati­en­ten­strom bringt die Spi­tals­am­bu­lan­zen an die Kapa­zi­täts­gren­zen. Das ist ein durch­ge­hen­der, all­ge­mei­ner Trend“, beob­ach­tet Tra­indl. So wer­den etwa im Kran­ken­haus Mis­tel­bach täg­lich zwi­schen 60 und 80 Pati­en­ten regis­triert, die der Aus­sage von Tra­indl zufolge bei nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten bes­ser auf­ge­ho­ben wären.

330 Mil­lio­nen Einsparmöglichkeit

Und genau diese Pati­en­ten bin­den nicht nur ander­wei­tig not­wen­dige Res­sour­cen im Kran­ken­haus, son­dern ver­ur­sa­chen auch durch­aus ver­meid­bare Kos­ten im Gesund­heits­sys­tem, wie die Öko­no­min Agnes Streiss­ler betonte. Schließ­lich betra­gen die durch­schnitt­li­chen Kos­ten für einen Ambu­lanz­be­such 90 Euro, jene bei einem nie­der­ge­las­se­nen Arzt ledig­lich 50 Euro. Bei rund 16 Mil­lio­nen Ambu­lanz-Besu­chen pro Jahr in ganz Öster­reich – von denen schät­zungs­weise die Hälfte quasi fehl­ge­lei­tet sind – seien so mit­tel­fris­tig immer­hin bis zu 330 Mil­lio­nen Euro ein­zu­spa­ren. Diese Ein­spa­run­gen könn­ten jedoch nur dann statt­fin­den, wenn auf der einen Seite die Res­sour­cen der Ambu­lan­zen an einen ver­min­der­ten Bedarf ange­passt wür­den, auf der ande­ren Seite die Struk­tu­ren im nie­der­ge­las­se­nen Bereich sich an einem erhöh­ten Bedarf ori­en­tier­ten. Dafür müss­ten Arz­tor­di­na­tio­nen die Mög­lich­keit einer fle­xi­ble­ren Hand­ha­bung von Arbeits- und Arbeits­zeit­mo­del­len, einer Aus­deh­nung von Grup­pen­pra­xen, etc. erhalten.

Die All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin Susanne Rabady, Vize­prä­si­den­tin der Öster­rei­chi­schen Gesell­schaft für All­ge­mein­me­di­zin (ÖGAM) plä­dierte in Sachen Grup­pen­pra­xen für inter­re­gio­nale For­men der Zusam­men­ar­beit. Gert Wie­gele wie­derum kri­ti­sierte die der­zeit gel­ten­den Abschläge für Grup­pen­pra­xen in den Bun­des­län­dern, obwohl die Pati­en­ten dadurch von einem ver­grö­ßer­ten Leis­tungs­an­ge­bot und bei­spiels­weise auch län­ge­ren Öff­nungs­zei­ten pro­fi­tie­ren wür­den. In Deutsch­land gehen die Uhren hin­ge­gen anders: Ulrich Wei­geldt, Bun­des­vor­sit­zen­der des Deut­schen Haus­ärz­te­ver­ban­des, erläu­terte den gegen­läu­fi­gen Trend in unse­rem Nach­bar­land: Dort erhal­ten Grup­pen- und Gemein­schafts­pra­xen einen zehn­pro­zen­ti­gen Zuschlag. Damit und mit den gesetz­li­chen Mög­lich­kei­ten wer­den eine hohe Fle­xi­bi­li­tät und indi­vi­du­elle Arbeits­mo­delle geför­dert.

Dass der Drang, ich als Arzt nie­der­zu­las­sen, spe­zi­ell bei jun­gen Ärz­ten ein höchst gerin­ger ist, wun­dert Susanne Rabady gar nicht: „Die Jun­gen wis­sen heute gar nicht mehr, was ein Haus­arzt ist und was er tut. Oft wol­len sie es gar nicht wis­sen, weil das Image eines Haus­arz­tes sehr nied­rig ange­sie­delt ist. Aber: Wenn sie dann einen Aus­bil­dungs­platz in einer Lehr­pra­xis bekom­men, ändert sich das schlag­ar­tig. Dann sind sie begeis­tert!“

Und wie­der ein­mal spießt es sich in Öster­reich bei die­ser The­ma­tik. Gert Wie­gele, der in Kärn­ten eine all­ge­mein­me­di­zi­ni­sche Pra­xis betreibt, kri­ti­siert: „Jung­me­di­zi­ner erfah­ren im Tur­nus weder etwas über die all­täg­li­chen Her­aus­for­de­run­gen, mit denen ein nie­der­ge­las­se­ner Arzt zu kämp­fen hat, noch haben sie die Chance, zu erle­ben, wie abwechs­lungs­reich und erfül­lend die­ser Beruf ist!“ Und er emp­fin­det es als Zumu­tung, dass die Poli­tik bei der För­de­rung von Lehr­pra­xen noch immer „auf der Stelle tritt“. Dabei würde die Lehr­pra­xis zwei essen­ti­elle Ziele erfül­len, näm­lich, eine solide Vor­be­rei­tung auf die Arbeit im nie­der­ge­las­se­nen Bereich und – wie er meint – „die beste Image-Wer­bung für den Job als All­ge­mein­me­di­zi­ner, die man sich vor­stel­len kann“.

In Öster­reich ste­hen der­zeit ins­ge­samt 900.000 Euro für Lehr­pra­xen zur Ver­fü­gung, erfor­der­lich sind aller­dings zehn Mil­lio­nen. Das ist – so Wie­gele – „eine lächer­li­che Summe ver­gli­chen mit den Mil­lio­nen, die sonst in den Finanz­strö­men des Gesund­heits­we­sens flie­ßen“. In zwei Drit­tel aller euro­päi­schen Län­der wer­den Lehr­pra­xen von der öffent­li­chen Hand geför­dert. In Deutsch­land etwa, wo eine zwei­jäh­rige Lehr­pra­xis für ange­hende All­ge­mein­me­di­zi­ner ver­pflich­tend ist, erhal­ten Ordi­na­tio­nen für Jung­ärzte in Aus­bil­dung bis zu 4.000 Euro pro Monat, die sich aus­bil­dende Ärzte und Kran­ken­kas­sen tei­len. Damit – davon ist jeden­falls Ulrich Wei­geldt über­zeugt – wird ganz neben­bei der Stel­len­wert des All­ge­mein­me­di­zi­ners sowohl unter den ange­hen­den Ärz­ten selbst als auch gegen­über den Pati­en­ten gestärkt. Kuri­en­ob­mann Waw­row­sky dazu: „In inter­na­tio­na­len Stan­dards hinkt Öster­reich bei der Aus­bil­dung von All­ge­mein­me­di­zi­nern hin­ten nach. Eine ver­ant­wor­tungs­volle Gesund­heits­po­li­tik wird daher um eine ordent­li­che Mit­fi­nan­zie­rung nicht her­um­kom­men.“

Tipp:
„Arzt der Zukunft – Zukunft des Arz­tes“Nie­der­ge­las­sene Medi­zin in Öster­reich;
Hg. Gün­ther Waw­row­sky, Gert Wie­gele, Jörg Pruck­ner;
erschie­nen im Ver­lags­haus der Ärzte;
Bestel­lung unter: buch.medien@aerzteverlagshaus.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 3 /​10.02.2012