US-Gesun­d­heits­­­we­­sen: Prä­ven­tion als Schlüssel

10.06.2012 | Poli­tik

Bei der Gesund­heits­re­form und der umstrit­te­nen Pflicht zur Kran­ken­ver­si­che­rung geht völ­lig unter, dass das Gesetz Geld für einen Sek­tor frei­setzt, der in den USA lange ver­nach­läs­sigt war: die Prä­ven­tion. Die Regie­rung inves­tiert Mil­li­ar­den in lokale Gesund­heits­struk­tu­ren und Kam­pa­gnen gegen Fett­lei­big­keit und Tabak­kon­sum.
Von Nora Schmitt-Sausen

Aus gesund­heit­li­cher Sicht sind die Oba­mas eine Vor­zei­ge­fa­mi­lie. Prä­si­dent Barack Obama hält sich mit Golf und Bas­ket­ball fit, Michelle Obama beein­druckt mit durch­trai­nier­ten Ober­ar­men. Die Töch­ter Malia und Sasha spie­len ein­mal Ten­nis, ein­mal Fuß­ball oder gehen tan­zen. Jeder in Washing­ton weiß: Sport und gesunde Ernäh­rung gehö­ren im Wei­ßen Haus zur Lebens­phi­lo­so­phie. Damit hebt sich die „First Family“ von vie­len ande­ren US-ame­­ri­­ka­­ni­­schen Fami­lien ab. In deren Haus­hal­ten läuft der Fern­se­her durch­schnitt­lich fast acht Stun­den am Tag; Fast-Food gehört seit Jahr­zehn­ten zum ame­ri­ka­ni­schen Lebens­ge­fühl. Die Folge: Die US-Gesel­l­­schaft steht vor dem Gesund­heits­kol­laps. Nicht zuletzt auf Grund der wei­ten Ver­brei­tung von chro­ni­schen Erkran­kun­gen lie­gen die USA mit fast 8.000 Dol­lar pro Kopf welt­weit an der Spitze der Gesund­heits­aus­ga­ben (OECD 2011). Die Regie­rung Obama ver­sucht nun, die Ame­ri­ka­ner umzu­er­zie­hen. Die US-Bür­­ger sol­len künf­tig mehr Wert auf ihre Gesund­heit legen und einen bes­se­ren Zugang zu Prä­ven­ti­ons­an­ge­bo­ten haben.

Die im März 2010 ver­ab­schie­dete Gesund­heits­re­form ändert nicht nur das Kran­ken­ver­si­che­rungs­we­sen. Sie soll auch dafür Sorge tra­gen, dass Ame­rika gesün­der wird. Das Gesetz beinhal­tet mit dem „Pre­ven­tion and Public Health Fund“ ein geson­der­tes Bud­get für prä­ven­tive Gesund­heits­för­de­rung. 15 Mil­li­ar­den Dol­lar sol­len inner­halb der nächs­ten zehn Jahre in die Gesund­heits­vor­sorge der ame­ri­ka­ni­schen Bevöl­ke­rung fließen.

Leit­fa­den für Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men auf natio­na­ler, bun­des­staat­li­cher und loka­ler Ebene ist die im Vor­jahr vom US-Gesun­d­heits­­­mi­­nis­­te­­rium vor­ge­stellte „Natio­nal Pre­ven­tion Stra­tegy“. Sie hat zum Ziel, das Bewusst­sein der Ame­ri­ka­ner in sie­ben Sek­to­ren zu stär­ken: Tabak­kon­sum, Dro­­gen- und Alko­hol­miss­brauch, Ernäh­rung, Bewe­gung, Ver­­­le­t­­zungs- und Gewalt­frei­heit, Sexua­li­tät sowie men­ta­les und emo­tio­na­les Wohl­be­fin­den. Das Kon­zept wurde län­der­über­grei­fend von Gesund­heits­be­hör­den und Wis­sen­schaf­tern erar­bei­tet. Es ent­hält bei­spiels­weise Emp­feh­lun­gen, die Arbeit­ge­ber dazu moti­vie­ren sol­len, ein gesün­de­res Arbeits­um­feld zu schaf­fen. Ein wei­te­rer Vor­schlag befasst sich mit mul­ti­me­dia­ler Pati­en­ten­auf­klä­rung. Zu den Pro­gram­men, die bereits initi­iert wur­den, um die Ziele der Stra­te­gie zu errei­chen, gehört auch die von Michelle Obama ins Leben geru­fene „Let’s move“-Kampagne gegen Fett­lei­big­keit von Kindern.

Im Zen­trum der Bemü­hun­gen steht die Prä­ven­tion von Krank­hei­ten, die zum Tod oder zu chro­ni­schen Beschwer­den füh­ren: Herz­er­kran­kun­gen, Krebs, Schlag­an­fall, Dia­be­tes und Arthri­tis. In einem Mix aus Maß­nah­men von Ernäh­rungs­schu­lung über Bewe­gungs­pro­gramme bis hin zum bes­se­ren Betreu­ungs­ma­nage­ment sol­len Risi­ko­grup­pen und bereits Erkrankte künf­tig opti­mal ver­sorgt wer­den. „Viele chro­ni­sche Erkran­kun­gen sind ver­meid­bar. Unsere neuen Res­sour­cen wer­den dabei hel­fen, Pro­gramme zu imple­men­tie­ren, die Leben ret­ten und die Gesund­heits­kos­ten aller Ame­ri­ka­ner sen­ken wer­den“, sagt Gesund­heits­mi­nis­te­rin Kath­leen Sebe­lius. Chro­ni­sche Erkran­kun­gen sind in den USA für sie­ben von zehn Todes­fäl­len ver­ant­wort­lich. Sie machen drei Vier­tel der jähr­li­chen Kos­ten der Gesund­heits­ver­sor­gung von mehr als 2,5 Tril­lio­nen US-Dol­lar aus.

Die Umset­zung vie­ler Pro­gramme erfolgt dezen­tral auf regio­na­ler Ebene. Län­dern und Kom­mu­nen wer­den Mit­tel und Res­sour­cen zur Ver­fü­gung gestellt, die es ihnen ermög­li­chen, vor Ort bedarfs­ori­en­tierte Pro­gramme zu star­ten. Dies kön­nen Auf­klä­rungs­kam­pa­gnen an Schu­len oder Initia­ti­ven sein, die den loka­len Anbau und Ver­kauf von Obst und Gemüse för­dern. Auch Infra­struk­tur­maß­nah­men wie der Aus­bau von Fuß­gän­ger­we­gen sind vie­ler­orts vor­ge­se­hen. Die Ame­ri­ka­ner sol­len in Zukunft öfter das Auto ste­hen las­sen und Besor­gun­gen zu Fuß erle­di­gen. Ebenso sol­len mit Mit­teln aus dem Fonds Struk­tu­ren und Aus­stat­tung der loka­len Gesund­heits­för­de­rung ver­bes­sert und neue Stel­len im Gesund­heits­sek­tor geschaf­fen werden.

Kos­ten­freie Präventionsangebote

Auch in den Ordi­na­tio­nen wer­den die Bür­ger spü­ren, dass Prä­ven­tion in den
USA einen neuen Stel­len­wert hat. Die Gesund­heits­re­form ermög­licht es ihnen, kos­ten­frei Prä­ven­ti­ons­an­ge­bote in Anspruch zu neh­men, für die sie bis­lang zah­len muss­ten. Dar­un­ter sind Tests auf Dia­be­tes mel­li­tus, Krebs­vor­sorge, Ernäh­rungs­be­ra­tung und Stan­­dard-Imp­­fun­­­gen. Nach Regie­rungs­an­ga­ben haben Ame­ri­ka­ner aus Kos­ten­grün­den bis­lang nur halb so oft Prä­ven­ti­ons­an­ge­bote wahr­ge­nom­men wie emp­foh­len. Die Ange­bote sind jedoch nur in Ver­si­che­rungs­po­liz­zen ent­hal­ten, die nach Inkraft­tre­ten der Reform abge­schlos­sen wor­den sind. Ab Som­mer 2012 sol­len kos­ten­freie Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men hin­zu­kom­men, die sich aus­schließ­lich an Frauen rich­ten. Dazu zählt der kos­ten­freie Zugang zu Emp­fäng­nis­ver­hü­tung und HIV-Tests.

Einen Haken hat Oba­mas lan­des­weite Prä­ven­ti­ons­of­fen­sive: Über vie­len Initia­ti­ven schwebt das Damo­kles­schwert Staats­ver­schul­dung. Die rigide Spar­po­li­tik Washing­tons macht Ein­spa­run­gen im US-Haus­halt uner­läss­lich. Der Rot­stift wird vor Ein­kür­zun­gen bei den Gesund­heits­pro­gram­men nicht Halt machen.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2012