Evi­dence Based Medi­cine: Ent­mün­digt durch EBM?

25.02.2012 | Politik


Mit ihren Beden­ken hin­sicht­lich der Anwen­dung von Evi­dence Based Medi­cine zur Prio­ri­sie­rung von Gesund­heits­leis­tun­gen haben sich nam­hafte Exper­ten befasst und dazu ein Posi­ti­ons­pa­pier ver­fasst. Sie war­nen davor, im Gesund­heits­be­reich nur sol­che Leis­tun­gen anzu­bie­ten, deren Evi­denz wis­sen­schaft­li­che nach­ge­wie­sen ist.

Von Agnes M. Mühl­gas­s­ner

Evi­dence Based Medi­cine wird immer stär­ker als Basis für die Behand­lung von Krank­hei­ten her­an­ge­zo­gen. Wobei: Nicht alles, was wirkt, ist auch Evi­dence based nach­ge­wie­sen. Die Ent­wick­lung von Kri­te­rien in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung zur Erstel­lung von Leis­tungs­ka­ta­lo­gen heiße für ihn, dass „gewisse Leis­tun­gen von der Sozi­al­ver­si­che­rung ange­bo­ten wer­den, gewisse nicht“, erklärte der Kuri­en­ob­mann der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte in der ÖÄK, Gün­ther Waw­row­sky, vor Kur­zem bei einem Hin­ter­grund­ge­spräch. Als Bei­spiel nannte er die vor fünf Jah­ren neu kon­zi­pierte Vor­sor­ge­un­ter­su­chung. Auf Bestre­ben des Haupt­ver­ban­des wur­den nur Evi­denz-basierte Leis­tun­gen auf­ge­nom­men. Waw­row­sky dazu: „Das Pro­blem ins­ge­samt ist aber, dass nur wenige Leis­tun­gen Evi­denz-basiert sind.“ Für ihn stelle sich – beson­ders ange­sichts der hef­tig dis­ku­tier­ten Ein­spar­maß­nah­men im Gesund­heits­we­sen – die grund­sätz­li­che Frage, „ob wir die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung auf dem von uns gefor­der­ten Niveau sichern kön­nen“. Und er äußerte seine Beden­ken, dass die Ein­spa­run­gen kei­ner­lei Ein­bu­ßen in der Qua­li­tät und in der Ver­sor­gung erwar­ten las­sen. „Ich mache mir Sor­gen um die Ver­sor­gung der Pati­en­ten, die künf­tig mehr pri­vat zah­len müs­sen“, so der Kurienobmann.

Nie­mand wolle die Qua­li­täts­si­che­rung in der medi­zi­ni­schen Behand­lung außer Streit stel­len, erklärte Univ. Prof. Gün­ter Virt, em. Vor­stand des Insti­tuts für Ethik und Recht in der Medi­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien. „Wir sind jedoch in gro­ßer Sorge, wenn EBM als Ent­schei­dungs­kri­te­rium her­an­ge­zo­gen wird, dass Behand­lun­gen, die mit EBM gar nicht beleg­bar sind, nicht ver­wen­det wer­den. Das wäre auch ein Wider­spruch zur Men­schen­rechts­kon­ven­tion für Bio­me­di­zin“, so Virt. Sei­ner Ansicht nach wäre die Reduk­tion von Behand­lun­gen auf EBM-Niveau Men­schen­rechts-wid­rig. „Der kran­ken Per­son soll die Medi­zin die­nen. Wenn EBM zum Aus­schluss von medi­zi­ni­schen Behand­lun­gen dient, dann bedeu­tet das einen Sys­tem­wech­sel in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung in Öster­reich“, betonte der Experte.

Ähn­li­ches befürch­tet auch Univ. Prof. Hans Schelks­horn vom Insti­tut für christ­li­che Phi­lo­so­phie der Uni­ver­si­tät Wien: „Wenn diese Stra­te­gie kommt, wird das Gesund­heits­sys­tem neu orga­ni­siert.“ Er sieht in die­ser Vor­gangs­weise eine „gefähr­li­che Ent­mün­di­gung der Ärzte“. Schelks­horn wei­ter: „Ärzte dro­hen so zu Voll­zugs­or­ga­nen von Behand­lungs­di­rek­ti­ven degra­diert zu wer­den. Gefähr­lich ist es, wenn es eine Straf­an­dro­hung mit 10.000 Euro gibt, so wie dies vor­ge­se­hen ist. Das stellt die Ärzte in ihrem Selbst­ver­ständ­nis in Fragen.“

Für Fried­rich Hartl, Refe­rent für Qua­li­täts­si­che­rung nie­der­ge­las­sen Ärzte der Ärz­te­kam­mer für Wien, steht außer Zwei­fel: „EBM-gene­rierte Leit­li­nien eig­nen sich gut zur Ver­mitt­lung und zur Erschlie­ßung von Wis­sen, aller­dings nicht als aus­schließ­li­che oder prio­ri­sie­rende Vor­gabe zur Anwen­dung am kon­kre­ten Pati­en­ten.“

Bedenk­li­cher Schritt

Einen bedenk­li­chen Schritt in der Anwen­dung von EBM in der täg­li­chen Pra­xis ortet Hartl in der Bun­des­qua­li­täts­leit­li­nie prä­ope­ra­tive Dia­gnos­tik. Im Zuge die­ses Reviews wur­den Daten­ban­ken nach Stu­dien durch­fors­tet und nach­ge­se­hen, auf wel­chem Evi­denz­le­vel wel­che Ergeb­nisse vor­lie­gen und anhand die­ser die Leit­li­nien erstellt. Von den mehr als 25.000 Tref­fern, die bei der Daten­bank­su­che gefun­den wur­den, wur­den letzt­lich ledig­lich 141 Stu­dien in die Über­sichts­ar­beit auf­ge­nom­men. Beson­ders an die­ser Vor­gangs­weise übt Hartl Kri­tik: „Dadurch wer­den weite Teile der Ent­schei­dungs-rele­van­ten Wirk­lich­keit aus­ge­blen­det.“ Und unter Beru­fung auf „zu geringe Evi­denz“ wer­den in die­ser Leit­li­nie emp­foh­len, vor Rou­ti­ne­ein­grif­fen gerin­ger Risi­koklasse kein EKG, kein Lun­gen­rönt­gen, kein Labor mehr zu machen, wenn der Pati­ent in der Ana­mnese nicht auf­fäl­lig ist.

Übri­gens: Die Leit­li­nie prä­ope­ra­tive Dia­gnos­tik ist mitt­ler­weile in den Spi­tä­lern in Vor­arl­berg ver­pflich­tend.

Tipp:

Das Posi­ti­ons­pa­pier „Die Anwen­dung von Evi­dence Based Medi­cine (EBM) zur Prio­ri­sie­rung von Gesund­heits­leis­tun­gen als ethi­sches Pro­blem“ steht unter www.aerztezeitung.at/Service für Ärzte zum Down­load zur Ver­fü­gung.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 4 /​25.02.2012