Osteo­po­rose und Adi­po­si­tas: Bauch­fett schä­digt Knochen

10.09.2012 | Medi­zin

Exper­ten zufolge basiert die Bil­dung und Dif­fe­ren­zie­rung von Adi­po­zy­ten auf Kos­ten der Osteo­b­las­ten aus den Stamm­zel­len – was zur Folge hat, dass weni­ger Poten­tial zur Kno­chen­for­ma­tion bestehen bleibt. Vor allem Frauen mit einem erhöh­ten Anteil an vis­ze­ra­lem Fett wei­sen auch erhöh­tes Kno­chen­marks­fett und somit eine gerin­gere Kno­chen­dichte auf.
Von Irene Mlekusch

Osteo­po­rose und Adi­po­si­tas sind in unse­rer Gesell­schaft weit ver­brei­tet. „Die Stei­ge­rung der Osteo­­po­rose-Inzi­­denz dürfte mit der der Adi­­po­­si­­tas-Inzi­­denz par­al­lel ein­her­ge­hen, wobei es hierzu keine klare wis­sen­schaft­li­che Evi­denz gibt“, erklärt Univ. Prof. Hein­rich Resch, Vor­stand der II. Medi­zi­ni­schen Abtei­lung des Kran­ken­hau­ses der Barm­her­zi­gen Schwes­tern in Wien. In Öster­reich gibt es je 800.000 adi­pöse sowie Pati­en­ten mit Osteoporose.

Die gene­ti­schen und umwelt­be­ding­ten Fak­to­ren, die die Ent­wick­lung von Osteo­po­rose und Adi­po­si­tas beein­flus­sen, über­schnei­den sich in vie­len Punk­ten. Von Fett­lei­big­keit spricht man ab einem BMI von 30, wobei nicht jedes Kör­per­fett gleich ist. Als poten­ti­el­ler Risi­ko­fak­tor muss vor allem vis­ze­ra­les Fett ange­se­hen wer­den, das sich im Gegen­satz zum sub­ku­ta­nen Fett tief unter dem Mus­kel­ge­webe in der Bauch­höhle befin­det. Der Anteil an vis­ze­ra­lem Fett ist einer­seits gene­tisch deter­mi­niert, kann aber durch gesunde Ernäh­rung und Bewe­gung posi­tiv beein­flusst wer­den. Ein Über­maß an vis­ze­ra­lem Fett konnte bereits mit einem erhöh­ten Risiko für kar­dio­vasku­läre Erkran­kun­gen in Zusam­men­hang gebracht werden.

Stu­dien mit bild­ge­ben­den Ver­fah­ren haben gezeigt, dass vor allem Frauen mit mehr vis­ze­ra­lem Fett auch erhöh­tes Kno­chen­marks­fett und somit weni­ger Kno­chen­dichte haben. „Das vis­ze­rale Fett ent­wi­ckelt sich auf Kos­ten der Mus­kel­masse, deren Anteil wie­derum das Osteo­po­ro­se­ri­siko ver­rin­gert“, sagt Univ. Doz. Jochen Zwerina, Lei­ter des Fach­be­rei­ches Rheu­ma­to­lo­gie an der 1. Medi­zi­ni­schen Abtei­lung des Hanusch Kran­ken­hau­ses in Wien. Dass Adi­po­si­tas einen nega­ti­ven Ein­fluss auf den Kno­chen­stoff­wech­sel hat, wurde im Rah­men von tier­ex­pe­ri­men­tel­len Stu­dien deut­lich. Eine gestei­gerte Infil­tra­tion des Fett­ge­we­bes mit Adi­po­zy­ten, wel­che wie­derum pro­in­flamma­to­ri­sche Zyto­kine wie TNF‑α, Inter­­leu­­kin-1β und Interleukin‑6 pro­du­zie­ren, führt in wei­te­rer Folge zu einer gestei­ger­ten Osteo­klas­to­ge­nese, einer gestei­ger­ten Kno­chen­re­sorp­tion und somit zur Osteoporose.

„Wäh­rend es ganz klare epi­de­mio­lo­gi­sche Daten gibt, dass Unter­ge­wicht mit einem erhöh­ten Frak­tur­ri­siko ein­her­geht, darf man nicht davon aus­ge­hen, dass Über­ge­wicht vor Frak­tu­ren schützt“, fasst Resch zusam­men. Lange Zeit war man davon über­zeugt, dass das Gewicht des Fett­ge­we­bes allein den Druck auf den Kno­chen erhöht und dadurch die Ent­wick­lung von neuer Kno­chen­sub­stanz sti­mu­liert wer­den sollte. Eine Stu­die an 300 jun­gen Pro­ban­den unter­schied­li­chen Kör­per­ge­wichts lässt dar­auf schlie­ßen, dass nicht die stän­dige, sta­ti­sche Belas­tung der Kno­chen die Kno­chen­neu­bil­dung akti­viert, son­dern viel­mehr die dyna­mi­sche Bean­spru­chung durch die Mus­keln für eine Sta­bi­li­sie­rung der Kno­chen ver­ant­wort­lich ist. Denn die Kno­chen­struk­tur war umso bes­ser, je mehr Mus­kel­masse vor­han­den war. Der Grund­stein für die Ent­ste­hung von Osteo­po­rose und Adi­po­si­tas wird also im Kin­­des- und Jugend­al­ter gelegt. Resch bestä­tigt dies und sieht außer der gene­ti­schen Dis­po­si­tion auch alle nega­ti­ven Ein­flüsse, die eine aus­rei­chende Bil­dung der so genann­ten Peak bone-Mass ermög­li­chen wie zum Bei­spiel Ernäh­rungs­fak­to­ren, Vit­amin D- und Bewe­gungs­man­gel aber auch Jugend­krank­hei­ten, als Basis für die Ent­wick­lung einer Osteo­po­rose. „Die Ana­mnese sollte bei Ver­dacht auf Osteo­po­rose trotz der neuen Erkennt­nisse Risiko-ada­p­­tiert sein“, erläu­tert Zwerina. Denn der klas­si­sche Osteo­­po­rose-Pati­ent sei unter­ge­wich­tig, älter und weise wei­tere Risi­ko­fak­to­ren wie zum Bei­spiel Rau­chen, über­mä­ßi­gen Alko­hol­kon­sum oder die Ein­nahme von Glu­ko­kor­ti­ko­iden auf.

Enger Zusam­men­hang

Allein die Tat­sa­che, dass sich Osteo­b­las­ten und Adi­po­zy­ten aus den­sel­ben mesen­chy­ma­len Stamm­zel­len ent­wi­ckeln, ver­deut­licht den engen Zusam­men­hang zwi­schen den bei­den Erkran­kun­gen. Resch dazu: „Obwohl man frü­her ange­nom­men hat, dass Fett­ge­webe Östro­gene spei­chern kann und somit Kno­chen-pro­­­te­k­­tive Sub­stan­zen beher­bergt, muss man doch davon aus­ge­hen, dass die Bil­dung und Dif­fe­ren­zie­rung von Adi­po­zy­ten auf Kos­ten von Osteo­b­las­ten aus den Stamm­zel­len basiert und somit weni­ger Poten­tial zur Kno­chen­for­ma­tion bestehen bleibt.“ Resch macht außer­dem auf die rela­tive Immo­bi­li­tät von adi­pö­sen Men­schen auf­merk­sam, die sowohl für die Osteo­po­rose ver­ant­wort­lich ist, als auch für ver­mehrte Sturz­nei­gung und die dar­aus resul­tie­ren­den Frak­tu­ren. Zwerina wie­derum weist dar­auf hin, dass der Weich­teil­man­tel von über­ge­wich­ti­gen Men­schen bis zu einem gewis­sen Grad eine Art phy­sio­lo­gi­sche Pro­tek­tion gegen­über Frak­tu­ren im Alter darstellt.

Die Osteo­po­rose betrifft über­wie­gend Frauen – wobei man davon aus­ge­hen kann, dass unge­fähr 40 Pro­zent aller Frauen und nur 13 Pro­zent aller Män­ner über 50 Jahre min­des­tens eine Frak­tur auf­grund ihres fra­gi­len Kno­chen­baus erlei­den wer­den. Resch geht davon aus, dass für adi­pöse Frauen und Män­ner das Risiko, an Osteo­po­rose zu erkran­ken, durch­aus ver­gleich­bar ist, merkt aller­dings an, dass es daführ weder Zah­len noch eine wis­sen­schaft­li­che Evi­denz gibt.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2012