Inter­view – Dr. Gerd Ober­feld: Dif­fe­ren­ti­al­dia­gnose Elektrosmog

15.08.2012 | Medizin



Die Belas­tung durch elek­tri­sche, magne­ti­sche und elek­tro­ma­gne­ti­sche Fel­der – kurz EMF – nimmt zu und auch die damit asso­zi­ier­ten Beschwer­den und Krank­hei­ten. Die neue Leit­li­nie unter­stützt bei Dia­gnose und The­ra­pie des EMF-Syn­droms, wie der ÖÄK-Refe­rent für Umwelt­me­di­zin, Gerd Ober­feld, im Gespräch mit Eli­sa­beth Gers­ten­dor­fer erläutert.


ÖÄZ: Warum braucht es eine Leit­li­nie für das EMF-Syn­drom?

Ober­feld: Das EMF-Syn­drom umfasst ein brei­tes Spek­trum von gering­gra­di­gen Sym­pto­men wie leich­ten Kopf­schmer­zen oder Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­men bis hin zu schwe­ren Beein­träch­ti­gun­gen im Sinne einer Mul­ti­sys­tem­er­kran­kung. Bis­her gab es keine ent­spre­chen­den ärzt­li­chen Emp­feh­lun­gen zur Vor­gangs­weise. Prä­va­lenz­un­ter­su­chun­gen zei­gen eine Grö­ßen­ord­nung von etwa fünf Pro­zent, abhän­gig davon, wel­che Beschwer­den mit­ein­be­zo­gen wer­den. Der EMF-Bereich ist ein Umwelt­fak­tor, der über die letz­ten 20 Jahre einen ähn­li­chen Stel­len­wert ein­ge­nom­men hat wie Lärm oder Luftschadstoffe.

Wie kann fest­ge­stellt wer­den, dass Sym­ptome auf EMF zurück­zu­füh­ren sind?
Man­che Pati­en­ten haben selbst den Ver­dacht, weil sie beob­ach­ten, dass sie an einem bestimm­ten Ort oder bei bestimm­ten Tätig­kei­ten bestimmte Sym­ptome ver­spü­ren. Bei Schnur­los-Tele­fo­nen kann etwa das Hand­teil, das über Jahre nie Pro­bleme gemacht hat, ab einem gewis­sen Zeit­punkt zu zuneh­men­den Beschwer­den füh­ren. Aus medi­zi­ni­scher Sicht ist es wich­tig, dass der Arzt im Rah­men der Dif­fe­ren­ti­al­dia­gnos­tik durch gezielte Fra­gen abtas­tet, ob Beschwer­den even­tu­ell von EMF-Ein­wir­kun­gen stam­men kön­nen. Immer dann, wenn meh­rere Sym­ptome gleich­zei­tig auf­tre­ten, etwa Schwin­del, Schlaf­stö­run­gen, Kopf­schmer­zen, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­bleme, Müdig­keit usw., die frü­her nicht auf­ge­tre­ten sind, sollte auch an EMF gedacht werden.

Wie wir­ken EMF in bio­lo­gi­schen Sys­te­men?
Was man der­zeit weiß, ist, dass, wenn Zel­len, Gewebe, Organe oder der ganze Kör­per einer bestimm­ten Feld­quelle aus­ge­setzt sind, in den Zel­len ver­mehrt freie Elek­tro­nen gene­riert wer­den. Dies geschieht über die NADH-Oxi­da­sen ins­be­son­dere in den Mito­chon­drien, wodurch ver­schie­dene Stoff­wech­sel­pro­zesse der Zelle gestört wer­den, zum Bei­spiel die Ener­gie­er­zeu­gung. Klas­si­sche Sym­ptome wären Müdig­keit bezie­hungs­weise Kon­zen­tra­ti­ons­pro­bleme. Die freien Elek­tro­nen suchen sich in der Regel Sauer­stoff als Reak­ti­ons­part­ner, der dann nega­tiv gela­den wird. Diese Super­oxid-Anio­nen suchen sich wie­der einen Reak­ti­ons­part­ner, das Stick­stoff­mon­oxid (NO), ein Signal­mo­le­kül, das vom Kör­per pro­du­ziert wird. In Folge kann sich die sehr unan­ge­nehme Sub­stanz Per­oxy­ni­trit (NO3) bil­den, also ein Nitrat-Mole­kül mit einem Elek­tron zu viel. Die­ses NO3 ist eigent­lich das Haupt­schad-Agens in unse­rem Kör­per und betrifft fast alle Krank­hei­ten von Herz­in­farkt, Schlag­an­fall, Stoff­wech­sel­er­kran­kun­gen bis zum Dia­be­tes. Genau über die­sen Mecha­nis­mus wir­ken auch elek­tro­ma­gne­ti­sche Fel­der.

Wir alle sind täg­lich EMF aus­ge­setzt, den­noch zeigt nicht jeder Sym­ptome.

Das hängt mit der indi­vi­du­el­len Aus­stat­tung der Bio­che­mie und dem Zustand des Regu­la­ti­ons­sys­tems zusam­men. Der Kör­per hat Mög­lich­kei­ten, das ver­mehrte Auf­tre­ten von Elek­tro­nen wie­der aus­zu­glei­chen, etwa durch die Super­oxid­dis­mutase (SOD), also ganz bestimmte Enzyme. Das gelingt ihm zum Teil über Jahre sehr gut. Aber die­ser Mecha­nis­mus kann sich im Lauf der Zeit erschöp­fen, es kommt zum Auf­tre­ten ers­ter Beschwer­den. All­ge­mein sind Per­so­nen, die etwa Mul­ti­sys­tem­er­kran­kun­gen haben, eher gefähr­det. Unter­su­chun­gen zei­gen zudem, dass es einen Unter­schied macht, ob man etwa als Erwach­se­ner beginnt, mit dem Handy zu tele­fo­nie­ren, oder im Alter von unter 20 Jah­ren. Bei den unter 20-Jäh­ri­gen war das Risiko für Hirn­tu­more in schwe­di­schen Unter­su­chun­gen deut­lich erhöht. Die Ent­wick­lung, dass das Alter der Nut­zer immer jün­ger wird, ist aus volks­ge­sund­heit­li­cher und ärzt­li­cher Sicht kri­tisch zu sehen. In die­sem Zusam­men­hang muss man auch erwäh­nen, dass im Mai letz­ten Jah­res die Inter­na­tio­nale Agen­tur für Krebs­for­schung den gesam­ten Hoch­fre­quenz­be­reich als mög­li­cher­weise kar­zi­no­gen für den Men­schen ein­ge­stuft hat.

Wie geht man in der Pra­xis vor, um EMF als Ursa­che von Sym­pto­men fest­zu­stel­len?
Wich­tig ist, in der Ana­mnese das Beschwer­de­bild her­aus­zu­de­stil­lie­ren, das heißt wann haben die Beschwer­den begon­nen, wo und in wel­cher Inten­si­tät tre­ten sie auf und wie hat sich der Sym­ptom­ver­lauf ent­wi­ckelt. Im typi­schen Ver­lauf – wenn die Expo­si­tion nicht unter­bro­chen wird – ver­meh­ren sich die Beschwer­den im Lauf der Zeit und die Inten­si­tät nimmt zu. Es muss jedoch nicht immer EMF sein, des­halb sollte die Ana­mnese brei­ter fas­sen.

Und wenn sich der Ver­dacht bestä­tigt?

In der Leit­li­nie ist das wei­tere Vor­ge­hen durch einen Ent­schei­dungs­baum abge­bil­det. Vor­ge­se­hen ist, den Pati­en­ten ent­we­der selbst wei­ter zu betreuen oder an einen Kol­le­gen wei­ter­zu­lei­ten, der sich näher damit befasst. Unter Umstän­den braucht es eine Mes­sung der EMF-Situa­tion vor Ort, jeden­falls im Schlaf­be­reich, je nach Ana­mnese auch am Arbeits­platz. The­ra­peu­tisch steht an ers­ter Stelle die Expo­si­ti­ons­min­de­rung. Diese zielt auf die Reduk­tion der wich­tigs­ten EMF-Quel­len im Lebens­um­feld des Pati­en­ten ab. An zwei­ter Stelle ste­hen Lebens­stil­be­ra­tung und Stress-redu­zie­rende Maß­nah­men sowie Stress­re­sis­tenz-för­dernde The­ra­pien. Wei­ters sind ganz­heit­li­che The­ra­pie­an­sätze wie zum Bei­spiel anti­oxi­da­tive und anti­ni­tro­sa­tive The­ra­pie­stra­te­gien zielführend.

Wie kön­nen sich Laien hin­sicht­lich der Strah­lungs­aus­set­zung ori­en­tie­ren?
Es gibt Infor­ma­ti­ons­bro­schü­ren, wie etwa die Elek­tro­smog-Infom­appe, die auch in der Leit­li­nie ange­führt ist. Mög­li­che Quel­len sind etwa Mobil­te­le­fone, DECT-Schnur­los­te­le­fone, WLAN-Rou­ter, WLAN- und Daten­kar­ten im Note­book, Ener­gie­spar­lam­pen, Mobil­funk­sen­der, aber auch elek­tri­sche Lei­tun­gen im Nah­be­reich des Kop­fes, wenn man schläft. Die Expo­si­ti­ons­do­sis wird bestimmt von der Inten­si­tät der Fel­der und der Zeit. Durch ent­spre­chen­des Wis­sen und Han­deln kön­nen mehr als 99 Pro­zent der EMF-Dosis ver­mie­den wer­den – also die klas­si­sche Pri­mär­prä­ven­tion.

Wel­che Erwar­tun­gen haben Sie an den Gesetz­ge­ber? Muss etwas pas­sie­ren hin­sicht­lich Grenz­wer­ten bei EMF?

Das ist eine wich­tige Dis­kus­si­ons­ebene und eine Frage des Schut­zes der öffent­li­chen Gesund­heit. Es ist ein müh­sa­mer Weg in Öster­reich, aber auch welt­weit, weil offen­sicht­lich das erfor­der­li­che Pro­blem­be­wusst­sein für ent­spre­chende Rege­lun­gen noch nicht gege­ben ist. Es gibt aber gerade in letz­ter Zeit, etwa durch die Reso­lu­tion Nr. 1815 ‚The poten­tial dan­gers of elec­tro­ma­gne­tic fields and their effect on the envi­ron­ment‘ des Euro­pa­ra­tes vom Mai 2011 eine starke Unter­stüt­zung für prä­ven­ti­ven Gesund­heits­schutz im EMF-Bereich. Hier fügt sich die vor­lie­gende EMF-Leit­li­nie naht­los ein.

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2012