FSME-Immu­­ni­­sie­­rung: Impf­schutz mit Ablaufdatum

10.06.2012 | Medi­zin

Nach einer Grund­im­mu­ni­sie­rung wirkt der Impf­schutz gegen FSME inner­halb des emp­foh­le­nen Auf­fri­schungs­zeit­raums von fünf Jah­ren sehr gut. Nach sechs bis sie­ben Jah­ren jedoch ver­schwin­den die Anti­kör­per deut­lich rascher, wenn keine Auf­fri­schung erfolgte. Das zeigt eine bis­lang noch unver­öf­fent­lichte Stu­die der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien.
Von Eli­sa­beth Gers­ten­dor­fer

Ins­ge­samt 113 Per­so­nen muss­ten im Jahr 2011 in Öster­reich auf­grund einer Früh­­som­­mer-Men­in­­­go­en­­ze­­pha­­li­­tis (FSME) im Spi­tal behan­delt wer­den. Bei vier Men­schen endete der Aus­bruch der durch Zecken über­tra­ge­nen Infek­ti­ons­krank­heit töd­lich. Im Ver­gleich zum Jahr 2010, in dem 63 Fälle der mel­de­pflich­ti­gen Erkran­kung sowie ein Todes­fall regis­triert wur­den, ist das eine deut­li­che Zunahme. „Diese Schwan­kun­gen tre­ten zwar von Jahr zu Jahr auf und hän­gen bei­spiels­weise von der Zahl der Tage ab, an denen man sich im Freien auf­hal­ten kann, von kli­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen oder der regio­na­len Aus­brei­tung des FSME-Virus. Aller­dings beob­ach­ten wir, dass die Men­schen im Umgang mit der FSME-Imp­­fung immer nach­läs­si­ger wer­den“, sagt Univ. Prof. Her­wig Kol­la­ritsch, Lei­ter der For­schungs­u­nit Epi­de­mio­lo­gie und Rei­se­me­di­zin am Insti­tut für Spe­zi­fi­sche Pro­phy­laxe und Tro­pen­me­di­zin der Medi­zi­ni­schen Uni­ver­si­tät Wien.

Im inter­na­tio­na­len Ver­gleich gilt Öster­reich mit einer FSME-Durch­­­im­p­­fungs­­­rate
von 86 Pro­zent als Vor­zei­ge­land. Doch viele las­sen die mehr­tei­lige Grund­imp­fung nicht voll­stän­dig durch­füh­ren oder ver­ges­sen auf die im Impf­plan emp­foh­lene regel­mä­ßige Auf­fri­schung im Rhyth­mus von fünf bezie­hungs­weise drei Jah­ren für über 60-Jäh­­rige. „Bei vie­len besteht der Irr­glaube, eine ein­ma­lige Immu­ni­sie­rung rei­che aus und der Impf­schutz hält ewig. In unse­rer aktu­el­len Stu­die konn­ten wir das jedoch klar wider­le­gen und zei­gen, dass die FSME-Immu­­ni­­sie­­rung ein Ablauf­da­tum hat“, so Kollaritsch.

Auf­fäl­lig­kei­ten nach sechs Jahren

Kol­la­ritsch et al. beob­ach­te­ten in einer noch unver­öf­fent­lich­ten Stu­die den Anti­­kör­­per-Ver­­lauf bei rund 400 Per­so­nen, die nach vor­her­ge­hen­der Grund­im­mu­ni­sie­rung (0/​1 bis 3 Monate/​5 bis 12 bezie­hungs­weise 9 bis 12 Monate nach der zwei­ten Imp­fung) im Jahr 2002 die erste Auf­fri­schung erhiel­ten. Bis zum Jahr 2012 lie­ßen die Teil­neh­mer keine wei­tere Auf­fri­schungs­imp­fung vor­neh­men. Etwa die Hälfte der Teil­neh­mer konnte über den gesam­ten Unter­su­chungs­zeit­raum von zehn Jah­ren beglei­tet wer­den; die Betref­fen­den wie­sen keine Grund­krank­hei­ten auf und zeig­ten eine gute Immun­ab­wehr. „Genaue Ergeb­nisse kön­nen erst nach Ver­öf­fent­li­chung bekannt gemacht wer­den. Vorab kann man aber sagen, dass wir bei die­sen Per­so­nen die hohe Effek­ti­vi­tät des Impf­schut­zes inner­halb der ers­ten Jahre nach der Boos­­ter-Imp­­fung zei­gen konn­ten. Inner­halb des emp­foh­le­nen Auf­fri­schungs­zeit­raums von fünf Jah­ren wirkt der Schutz sehr gut“, so Kollaritsch.

Zu Auf­fäl­lig­kei­ten der Anti­kör­per komme es nach etwa sechs bis sie­ben Jah­ren. Zu die­sem Zeit­punkt redu­zie­ren sich die Anti­kör­per, der Impf­schutz geht nach und nach ver­lo­ren. „Bei aus­schließ­li­cher Grund­im­mu­ni­sie­rung ver­schwin­den die Anti­kör­per deut­lich rascher. Es macht also einen Unter­schied, ob jemand über eine Auf­fri­schungs­imp­fung ver­fügt oder nicht“, sagt Kol­la­ritsch. Hinzu komme der Unter­schied im Hin­blick auf das Alter. Wäh­rend jün­gere Men­schen über eine grö­ßere Menge an Anti­kör­pern ver­fü­gen, ist diese bei älte­ren nicht nur gerin­ger, son­dern über 60-Jäh­­rige ver­lie­ren die durch den Impf­stoff auf­ge­bau­ten Anti­kör­per auch etwas frü­her. Die Dauer des Impf­schut­zes hänge außer­dem von der Anzahl der Vor­i­mp­fun­gen sowie dem Gesund­heits­zu­stand der jewei­li­gen Per­son ab, so Kollaritsch.

Das FSME-Virus ist in Öster­reich im gesam­ten Bun­des­ge­biet ende­misch ver­brei­tet. Gebiete, in denen das Virus häu­fi­ger auf­tritt, sind Kärn­ten, die Stei­er­mark, Ober­ös­ter­reich und Tirol. Auf­grund der hohen Ver­brei­tung emp­fiehlt das Gesund­heits­mi­nis­te­rium auch Tou­ris­ten, sich vor der Ein­reise nach Öster­reich recht­zei­tig  imp­fen zu las­sen. Im Bedarfs­fall kann ein Schnell-Immu­­ni­­sie­­rungs­­­schema ange­wandt wer­den. Beim Impf­stoff FSME-Immun® erfolgt die zweite Teil­imp­fung bereits nach 14 Tagen, die dritte Teil­imp­fung nach fünf bis zwölf Mona­ten. Beim Wirk­stoff Ence­pur® erfolgt die zweite Imp­fung
nach sie­ben Tagen, die dritte nach 21 Tagen. Die erste Auf­fri­schung wird nach
zwölf bis 18 Mona­ten verabreicht.

Die Imp­fung schützt gegen alle drei bekann­ten FSME-Virus-Sub­­­ty­­pen aus der Gruppe der Fla­vi­vi­ri­dae, wobei in Öster­reich nur der west­li­che Sub­typ nach­ge­wie­sen ist. Die bei­den ande­ren Sub­ty­pen, der sibi­ri­sche und fern­öst­li­che Sub­typ, kön­nen laut Kol­la­ritsch zu deut­lich schwe­re­ren Ver­läu­fen füh­ren. Neben der über­wie­gen­den Über­tra­gung durch Zecken gab es in der Ver­gan­gen­heit auch Fälle, bei denen das FSME-Virus über infi­zierte, nicht pas­teu­ri­sierte Milch­pro­dukte von Zie­gen, Scha­fen und sel­te­ner von Kühen über­tra­gen wurde. Kol­la­ritsch: „Vor zwei Jah­ren wurde etwa in Vor­arl­berg eine Mehr­fach­über­tra­gung durch nicht­pas­teu­ri­sierte Zie­gen­milch sehr genau beschrie­ben. Erstaun­lich war, dass diese in einer Höhe von 1.600 Meter auf­ge­tre­ten ist. Bis dahin wurde es für unmög­lich gehal­ten, dass das Virus in die­ser Höhe ver­brei­tet ist.“

Die kli­nisch mani­feste Infek­tion, die bei etwa einem Drit­tel der Infi­zier­ten auf­tritt, ruft nach einer Inku­ba­ti­ons­zeit von drei bis 28 Tagen Grippe-ähn­­li­che Sym­ptome mit Fie­ber her­vor, die nach circa einer Woche wie­der zurück­ge­hen. Kurz dar­auf kommt es zu einem erneu­ten Fie­ber­gip­fel, wobei hier dann auch das Gehirn betei­ligt sein kann. Setzt sich die­ser Ver­lauf fort, folgt die Menin­go­en­ze­pha­li­tis mit Bewusst­seins­stö­run­gen bis hin zu Läh­mun­gen und zum Koma. Die Behand­lung erfolgt sym­pto­ma­tisch; eine kau­sale The­ra­pie gibt es nicht. Abhän­gig davon, wie schwer der Ver­lauf beim Pati­en­ten war, kön­nen auch neu­ro­lo­gi­sche Spät­fol­gen wie Stö­run­gen der Moto­rik oder psy­chi­sche und intel­lek­tu­elle Beein­träch­ti­gun­gen auf­tre­ten. „Die Spät­fol­gen sind nur schlecht unter­sucht, weil sie schwer ver­gleich­bar sind“, erklärt Kol­la­ritsch. Und wei­ter: „Aller­dings gibt es mehr und mehr Stim­men, die von einem beträcht­li­chen zwei­stel­li­gen Pro­zent­satz an Per­so­nen aus­ge­hen, die nach einer FSME-Erkran­­kung an Spät­fol­gen lei­den.“

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 11 /​10.06.2012