Enquete Medi­zin mit Qua­li­tät und Seele – Teil 2: Werte in einer moder­nen Gesellschaft

10.09.2011 | Politik

Im Fol­gen­den brin­gen wir Teil 2 des Fest­vor­trags von Univ. Prof. Cle­mens Sed­mak, den er anläss­lich der Enquete „Medi­zin mit Qua­li­tät und Seele“ – 15 Jahre Vin­zenz-Gruppe in Wien gehal­ten hat.

Dann bin ich beim drit­ten Punkt: die Seele einer Insti­tu­tion. Da steht ja hier, wenn ich das so keck sagen darf, rela­tiv voll­mun­dig „Medi­zin mit Qua­li­tät und Seele“. Was darf ich mir dar­un­ter vor­stel­len? Ich weiß nicht, was ich mir dar­un­ter vor­stel­len darf – ich sage Ihnen, was ich mir dar­un­ter vor­stelle. Wenn ich den Begriff „Seele“ höre, denke ich wie viele andere auch an Augus­ti­nus. Sie haben jetzt geglaubt, wir den­ken an Tho­mas von Aquin – aber falsch, wir den­ken an Augus­ti­nus. Warum den­ken wir an Augus­ti­nus? Weil Augus­ti­nus im Jahr 397/​398 eine Revo­lu­tion ein­ge­lei­tet hat, indem er seine „Con­fes­sio­nes“, seine „Bekennt­nisse“, fer­tig geschrie­ben hat und im zehn­ten Buch der Con­fes­sio­nes fin­den Sie eine Kon­zep­tion mensch­li­cher Inner­lich­keit. Wenn Sie auf­merk­sam das Buch der Bekennt­nisse lesen, sehen Sie, dass Augus­ti­nus sich über die Seele fol­gende Gedan­ken macht: Ers­tens, die Seele ist das, was den Men­schen zum beson­de­ren Men­schen macht. Zwei­tens, in der Seele gibt es drei Ver­mö­gen: das Gedächt­nis, den Wil­len und den Ver­stand – memo­ria, vol­un­tas und intel­lec­tus. Drit­tens: Eine wohl­ge­ord­nete Seele hat diese drei Ver­mö­gen in einem guten Abstim­mungs­ver­hält­nis – dass nicht das Gedächt­nis in eine Rich­tung geht und der Wille in eine andere. Bei­spiel: Wenn Men­schen eine Ver­falls­theo­rie der Geschichte ver­tre­ten so wie ich – frü­her war alles bes­ser und jetzt geht’s immer bergab -, dann hält das Gedächt­nis den Wil­len, der an sich die Quelle der Hoff­nung sein sollte, fest, weil frü­her alles bes­ser war. Also, eine wohl­ge­ord­nete Seele hat drei Ver­mö­gen, die mit­ein­an­der ein gutes Gleich­ge­wicht bil­den. Augus­ti­nus ist auch der Mei­nung, dass die Seele dazu dient, Hal­tun­gen aus­zu­bil­den. Und damit ist die Seele ver­ant­wort­lich für vier Grundfragen.

Die Seele ist ver­ant­wort­lich für vier Grund­fra­gen. Das Gedächt­nis gibt mit die Grund­frage „Woher komme ich?“, „Was sind meine Wur­zeln?“. Der Wille gibt mir die Grund­frage „Wohin will ich gehen?“, „Wel­che Ziele habe ich?“. Der Ver­stand gibt mir die Grund­frage „Warum machst Du das?“, „Wel­che Begrün­dun­gen kannst Du für Dein Han­deln ange­ben?“. Die Frage der Incli­na­tio, der Hal­tung, gibt mir die Frage nach dem „Wie?“, nach dem Stil und dem Modus, „Wie machst Du etwas?“. Und damit ist die Seele die Quelle von vier Fra­gen. „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“. Und die ein­gangs erwähn­ten Schlüs­sel­fra­gen „Wie­viel“ und „Wer zahlt?“ kom­men nicht vor, wie Sie gese­hen haben. Wir haben es mit vier Grund­fra­gen zu tun, wenn wir uns auf die Suche nach dem Inne­ren bege­ben: „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“.

Ein kran­ker Mensch, ein Pati­ent, ist ver­wund­bar. Der berühmte ita­lie­ni­sche Jour­na­list Tiziano Ter­zani hat in sei­nem Buch „Noch eine Runde auf dem Karus­sell“, sei­ner Schil­de­rung der Zeit nach sei­ner Krebs­dia­gnose gesagt: „Ein Gesun­der kann einen Kran­ken nicht ver­ste­hen.“ Im Zusam­men­hang mit lei­den­den Men­schen kann man übri­gens immer wie­der die Beob­ach­tung machen, dass das „Wie“ für einen ver­wund­ba­ren Men­schen mit­un­ter wich­ti­ger ist als das „Was“. Und wenn das so ist, ist eine „beseelte Insti­tu­tion“ ein Kran­ken­haus, das sich auch der Frage nach dem „Wie“ stellt und nicht nur den Fra­gen „Wie­viel kos­tet das?“ und „Wer zahlt das?“ von gro­ßer Kost­bar­keit. Ein Bei­spiel dazu, dass das „Wie“ wich­ti­ger wer­den kann als das „Was“: Wal­ter Jens, berühm­ter deut­scher Intel­lek­tu­el­ler, seit jetzt mitt­ler­weile sie­ben Jah­ren mit Demenz dia­gnos­ti­ziert, hat immer noch gerne Gäste zum Abend­essen, wie seine Frau Inge erzählt. Er weiß nicht mehr, was gesagt wird, aber er weiß sehr wohl noch, wie es gesagt wird. Er weiß nicht mehr, wer ihm gegen­über sitzt, aber er kriegt immer noch mit, ob man über sei­nen Kopf hin­weg spricht oder ihn mit Bli­cken und Ges­ten und Inten­tio­nen ein­be­zieht. Und das ist, wenn Sie so wol­len, der Pri­mat des „Wie“ vor dem „Was“. Wenn man nichts mehr medi­zi­nisch für mich tun kann, dann bin ich sehr dank­bar für die Weise, wie man mit mir umgeht, weil das „Was“, wenn Sie an Pal­lia­tive Care und Ähn­li­ches den­ken, in den Hin­ter­grund tritt.

Zurück zur Seele einer Insti­tu­tion. Mit Augus­ti­nus kön­nen wir sagen, dass die Seele einer Insti­tu­tion im Umgang mit den genann­ten vier Grund­fra­gen besteht: Woher, wohin, warum und wie. Wir kön­nen uns vor­stel­len, dass diese Grund­fra­gen in einem Ordens­spi­tal eine beson­dere Rolle spie­len. Diese vier Fra­gen, das „Woher?“, das „Wohin?“, das „Warum?“ und das „Wie?“ geben einem Men­schen und auch einer Insti­tu­tion robuste Iden­ti­tät. Robuste Iden­ti­tät ist Iden­ti­tät, die auch unter wid­ri­gen Umstän­den hält. Auch unter wid­ri­gen Umstän­den kann ich Kurs hal­ten an dem, wer ich bin und sein will. Ich gebe
Ihnen zwei Bei­spiele: Diet­rich Bon­hoef­fer und Ingrid Betancourt. Diet­rich Bon­hoef­fer war im Jahr 1943 ins Gefäng­nis gekom­men. Sie wis­sen wahr­schein­lich, dass er sich am 13. Januar 1943 ver­lobt hat in einem sehr eigen­ar­ti­gen Brief, den die 18-jäh­rige Maria von Wede­meyer an ihn geschickt hat. Der Brief hat unge­fähr fol­gen­den Inhalt: „Lie­ber Pas­tor Bon­hoef­fer, auch wenn ich eigent­lich gar kein Recht habe, Ihnen auf eine Frage zu ant­wor­ten, die Sie gar nicht an mich rich­te­ten. Ich kann Ihnen heute ein von gan­zem und fro­hem Her­zen kom­men­des Ja sagen.“ Das nennt man den Ver­lo­bungs­brief des Diet­rich Bon­hoef­fer. Und dann haben sie sich „rich­tig“ ver­lobt und Sie müs­sen sich vor­stel­len, am 5. April, also kurz nach der Frisch­ver­liebt­heit, kommt Diet­rich Bon­hoef­fer ins Gefäng­nis – glaubt, dass das eine Sache von ein paar Wochen oder Tagen sein wird. Und es zieht sich, es wird Som­mer 1943, es wird Som­mer 1944, und im April 1945 ist er gehängt wor­den und hat nie wie­der das Licht der Frei­heit erblickt. In die­ser Zeit schreibt Bon­hoef­fer Briefe und Auf­zeich­nun­gen aus der Haft und da sehen Sie, wie seine Seele, das Innere, immer wich­ti­ger wird, weil das Äußere unge­stalt­bar gewor­den ist. Aus sei­ner neun Qua­drat­me­ter-Zelle sehen Sie Briefe, in denen er sich sehr viel beschäf­tigt mit dem „Woher?“, mit dem „Wohin?“, mit dem „Warum?“ und dem „Wie?“. Auch das kann ich Ihnen wärms­tens emp­feh­len, die­ses berühmte Buch „Wider­stand und Erge­bung, Auf­zeich­nun­gen und Briefe aus der Haft“ von Diet­rich Bonhoeffer.

Zwei­tes Bei­spiel: Ingrid Betancourt, franko-kolum­bia­ni­sche Poli­ti­ke­rin, die im Februar 2002 von den Rebel­len gefan­gen genom­men wor­den ist und dann sechs­ein­halb Jahre im kolum­bia­ni­schen Dschun­gel in Gei­sel­haft gehal­ten wurde. Sie hat letz­tes Jahr ein Buch her­aus­ge­bracht „Kein Schwei­gen, das nicht endet“, wo sie uns auf 730 Sei­ten lange erzählt, wie sie diese sechs­ein­halb Jahre durch­ge­bracht hat, ohne ihre men­tale Gesund­heit völ­lig zu ver­lie­ren – und Sie sehen auch hier eine Wende nach innen. Iden­ti­tät wird robust, wenn sie eine klare Ant­wort auf diese Fra­gen hat: „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“. Wenn wir eine gute Ant­wort auf die Frage nach dem „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“ haben, haben wir Quel­len für robuste Iden­ti­tät – als Ein­zelne, aber auch als Insti­tu­tion. Eine Insti­tu­tion, die eine gute Ant­wort auf diese vier Fra­gen hat, hat robuste Iden­ti­tät: „Woher kom­men wir und was ist unsere Geschichte?“, „Wohin wol­len wir gehen, was sind die Ziele und Prio­ri­tä­ten?“, „Warum machen wir, was wir machen?“ und „Wie wol­len wir die Dinge tun, die wir tun?“. Wenn eine Insti­tu­tion eine gute Ant­wort auf diese vier Fra­gen hat, hat sie gute Iden­ti­täts­res­sour­cen, die die Insti­tu­tion auch in kri­sen­haf­ten Zei­ten mit robus­ter Iden­ti­tät aus­stat­ten. Und ich bin fast sicher, dass sich ein Ordens­spi­tal hier in einer beson­de­ren Posi­tion befin­det.

Beseelte Insti­tu­tio­nen

Letz­ter Punkt: Die Sorge der Seele. Neh­men wir ein­mal an, dass es see­len­lose Insti­tu­tio­nen und beseelte Insti­tu­tio­nen gibt. Ich meine das jetzt nicht meta­phy­sisch-onto­lo­gisch, son­dern eher in die­sem Iden­ti­täts-Sinn. See­len­lose Insti­tu­tio­nen sind sol­che, in denen die Frage nach dem „Wie­viel?“ die Iden­ti­täts­fra­gen nach dem „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“ geschluckt hat. Eine beseelte Insti­tu­tion küm­mert sich dem­ge­gen­über um diese Fra­gen. Was sind Hin­der­nisse auf dem Weg zu die­ser Seel­sorge einer Insti­tu­tion? Ich nenne drei Hin­der­nisse auf dem Weg zur Sorge um die Seele einer Insti­tu­tion. Drei Hin­der­nisse, die es uns schwer machen, die Sorge um die Seele einer Insti­tu­tion wahr­zu­neh­men: Bull­shit, grü­ner Tisch und mora­li­sches Alzheimer.

Harry Frank­furt, ein seriö­ser Phi­lo­soph, hat ein seriö­ses Buch geschrie­ben und es trägt auch in der deut­schen Über­set­zung den Titel „Bull­shit“. Das ist ein Taschen­buch, prak­tisch und bil­lig. In die­sem Buch stellt sich Harry Frank­furt die Frage: „Warum wird immer mehr Bull­shit ver­brei­tet?“ Bull­shit ist unüber­leg­tes Geschwätz, wo Du unge­deckte Schecks aus­stellst, die Du nicht durch Begrün­dungs­leis­tung oder Wis­sens­an­sprü­che ein­lö­sen kannst. Also warum nimmt Bull­shit über­hand? Und seine Ant­wort ist: Weil immer mehr Men­schen immer öfter gezwun­gen sind, über Dinge zu reden, von denen sie keine Ahnung haben, aber so tun müs­sen, als wür­den sie sich aus­ken­nen. Ich habe ein­gangs gesagt, ich habe keine Ahnung von dem, was Sie tun und trage auf meine Weise jetzt zu die­ser Ver­brei­tung des Bull­shits bei. Ich darf sehr demü­tig hin­zu­fü­gen, die Poli­tik macht es uns nicht immer leich­ter, die Harry Frank­furt-The­sen sozu­sa­gen zu kon­ter­ka­rie­ren. Also das ist das Erste: Die beste Art, Werte zu töten, besteht darin, sehr viel über Werte zu reden. Das ist Bull­shit. Die beste Art, Werte kaputt zu machen, besteht darin, viel über Werte zu reden und zu reden und Leit­bil­der zu ent­wi­ckeln und Leit­bild-Pro­zesse zu gestal­ten und Doku­mente zu ver­fas­sen und Rund­briefe zu erlas­sen. Wir Phi­lo­so­phen tra­gen zu die­sem „Werte durch Worte begra­ben“ auch eini­ges bei; die Medien und die Poli­tik auch. Bull­shit ist ein Hin­der­nis auf dem Weg zu geleb­ten Wer­ten in einer Insti­tu­tion.

Zwei­tes Hin­der­nis auf dem Weg zur Sorge um die Seele einer Insti­tu­tion: grü­ner Tisch. Werte ent­ste­hen nicht beim grü­nen Tisch. Es ist eine Illu­sion, zu glau­ben, dass Du irgendwo im Käm­mer­lein sitzt und dann pos­tu­lierst Du etwas, so wie Hans Küng und Hel­mut Schmidt sei­ner­zeit Men­schen­pflich­ten am grü­nen Tisch pos­tu­liert haben. So funk­tio­niert das nicht. Mich hat ein­mal ein Indus­tri­el­ler gefragt: Sagen Sie, wie kriege ich Werte in mei­nen Betrieb? Da habe ich mir gedacht, da ist schon eini­ges schief gelau­fen, damit er über­haupt diese Frage stellt. Also ent­we­der Sie haben Men­schen, die diese Werte leben, oder Sie haben keine Werte.

Werte und kul­tu­relle Praktiken

Und das dritte Hin­der­nis nenne ich Mora­li­sches Alz­hei­mer. Mora­li­sches Alz­hei­mer ist lei­der Got­tes nicht ein­mal böse gemeint von den Men­schen, aber es greift um sich. Bei­spiel: „Mobil­te­le­fone in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln“. Ich bin neu­lich mit dem Zug von Linz nach Salz­burg gefah­ren. Um circa 23 Uhr ist der Zug in Linz weg­ge­fah­ren, Sie kön­nen sich aus­rech­nen, wann wir in Salz­burg ange­kom­men sind, um drei Uhr Früh, und die ganze Zeit von Linz nach Salz­burg im Groß­raum­wa­gen hat irgend­ei­ner laut tele­fo­niert und es war nicht inter­es­sant. Das geht so dahin und geht so dahin und ich habe mir gedacht, der meint es nicht böse und weiß gar nicht, dass es eine unglaub­li­che Saue­rei ist, dass man so was quasi nicht tut. Das ist mora­li­sches Alz­hei­mer. Und wir wis­sen eines aus der Sozio­lo­gie: Werte wer­den durch kul­tu­relle Prak­ti­ken ver­mit­telt. Cul­tu­ral prac­ti­ces – das ist die Fami­lie, das ist der Kin­der­gar­ten, das ist die Schule, das sind Freun­des­kreise – hier wer­den kul­tu­relle Prak­ti­ken gepflegt. Und wenn Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten in der mora­li­schen Ori­en­tie­rung ver­lo­ren gehen, dann wird es schwer sein, eine gute Ant­wort auf die genann­ten vier Fra­gen zu fin­den. Mora­li­sches Alz­hei­mer ist also das dritte große Hin­der­nis auf dem Weg zur Seel­sorge, zur Sorge um die Seele einer Insti­tu­tion.

Wie sol­len wir es also machen? Wir ver­mei­den Bull­shit, wir ver­mei­den grü­nen Tisch und wir ver­mei­den mora­li­sches Alz­hei­mer. Wie sol­len wir das aber wirk­lich umset­zen? Ich will es so sagen: Eine Insti­tu­tion, die ver­sucht, Werte zu leben, möge zwei Eigen­schaf­ten haben. Ers­tens, sie möge eine ernst­hafte Insti­tu­tion sein. Zwei­tens: Sie möge eine wohl­erwo­gene Insti­tu­tion sein. Eine ernst­hafte Insti­tu­tion hat für mich zwei Eigen­schaf­ten. Zum einen: In einer ernst­haf­ten Insti­tu­tion bemü­hen sich Men­schen red­lich, auf­rich­tig und ernst­haft um das Leben von Wer­ten, die ihnen wich­tig sind. Zum ande­ren: Eine ernst­hafte Insti­tu­tion weicht unan­ge­neh­men Fra­gen nicht aus. Und was sind sol­che unan­ge­neh­men Fra­gen? Ich nenne zwei: Stich­wort Pflicht und Stich­wort Pri­vi­leg. Und damit bin ich schon bei der zwei­ten Eigen­schaft. Eine Insti­tu­tion, die ihre Seele pflegt, ist nicht nur ernst­haft, son­dern auch wohl­erwo­gen. Sie reflek­tiert auf die unan­ge­neh­men Fra­gen, weicht unan­ge­neh­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen nicht aus.

Im Gesund­heits­be­reich wer­den wir zwei unan­ge­nehme Dis­kus­sio­nen füh­ren müs­sen: Eine Dis­kus­sion über Pflich­ten und eine Dis­kus­sion über Pri­vi­le­gien. Es ist eine unan­ge­nehme Dis­kus­sion, den Begriff der Pflicht in den Mund zu neh­men. Es ist eine unan­ge­nehme Dis­kus­sion, von Pati­en­ten­pflich­ten zu reden. Es ist eine unan­ge­nehme Dis­kus­sion, von den Pflich­ten von Ster­ben­den zu reden. Das ist unan­ge­nehm, das ist mir ganz klar. Wir kön­nen uns aber auf Dauer nicht vor allem über Ansprü­che defi­nie­ren. Wenn Du einen Lebens­wan­del führst, der Dich in einen gewis­sen Gesund­heits­zu­stand bringt, dann hat das durch­aus etwas mit dem Ver­ständ­nis von Pflicht zu tun, Eigen­ver­ant­wor­tung und Ähn­li­chem. Das ist eine unan­ge­nehme Dis­kus­sion und eine ernst­hafte Insti­tu­tion wird einer sol­chen Dis­kus­sion nicht aus­wei­chen – dass es eben auch Pflich­ten von Pati­en­ten und Pati­en­tin­nen gibt. Die zweite äußerst unan­ge­nehme Dis­kus­sion betrifft Pri­vi­le­gien. Alle sagen, die Gren­zen der Finan­zier­bar­keit wären erreicht, ja, dann muss man ein biss­chen rück­bauen. Und rück­bauen heißt – es geht nicht ohne Pri­vi­le­gi­en­ab­bau. Ich war letz­ten Don­ners­tag bei der Schuld­ner­be­ra­tungs-Tagung in Salz­burg und da hat einer gesagt: ‚Ich habe einen Dienst­ver­trag, Gott sei Dank aus der alten Zeit, meine jun­gen Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen krie­gen einen schlech­te­ren Dienst­ver­trag und die, die nach­kom­men, krie­gen wahr­schein­lich über­haupt kei­nen mehr.‘ Und das wird also lang­fris­tig nicht gut gehen, wir brau­chen eine gewisse Aus­ge­gli­chen­heit, und müs­sen des­we­gen ange­sichts einer gefähr­lich betro­ge­nen Genera­tion eine Dis­kus­sion über den Abbau von Pri­vi­le­gien füh­ren. Eine sol­che Dis­kus­sion ist des­we­gen unan­ge­nehm, weil Men­schen, die sich in den Besitz von Pri­vi­le­gien gesetzt haben, und ich nehme mich da gar nicht aus, einer drei­fa­chen Gesetz­mä­ßig­keit fol­gen: Ers­tens: die Kon­ver­tie­rung in Ver­dienst­lich­keit. Men­schen, die Pri­vi­le­gien haben, stel­len das so dar, als wür­den sie das ver­die­nen. Zwei­tens: das Gesetz der Kon­ver­tie­rung in Rele­vanz. Men­schen, die Pri­vi­le­gien haben, tun so, als wären sie und das, was sie tun, wahn­sin­nig wich­tig. Und das Dritte ist das Gesetz stei­gen­der Selbst­ver­ständ­lich­keits­ni­veaus. Wenn Du Pri­vi­le­gien hast, scheint Dir das zuneh­mend selbst­ver­ständ­lich zu sein. Hier war­tet eine unan­ge­nehme Dis­kus­sion auf uns, die auch mit Pen­si­ons­sys­tem und Beam­ten­sta­tus zu tun haben wird.

Wie­derum: Um Dis­kus­sio­nen über Pflich­ten und Pri­vi­le­gien füh­ren zu kön­nen, brau­chen wir Werte. Denn Werte brau­chen wir dann, wenn wir fest­le­gen müs­sen, was uns etwas wert sein soll. In einer ernst­haf­ten und wohl­erwo­ge­nen Insti­tu­tion wer­den sol­che Dis­kus­sio­nen geführt. „Wohl­erwo­gen“ ist eine Dis­kus­sion zudem dann, wenn Pflich­ten und Rechte sich in einem begründ­ba­ren Gleich­ge­wicht befin­den und wenn Pri­vi­le­gien so ver­teilt sind, dass die Insti­tu­tion keine zu große Ungleich­heit zulässt. Es ist für eine Insti­tu­tion als ganze im Sinne der Sta­bi­li­tät und des Kli­mas gefähr­lich, wenn sich die unte­ren Mit­glie­der einer Insti­tu­tion zu weit von den obe­ren oder eigent­lich die obe­ren zu weit von den unte­ren ent­fer­nen. Das ist, den­ken Sie an das Buch von Richard Wil­kin­son und Kate Pickett mit dem schö­nen Titel „The Spi­rit Level“, auch für eine Gesell­schaft nicht gut, wenn die Ungleich­heit zu groß wird. Eine Insti­tu­tion mit robus­ter Iden­ti­tät wird sich als ernst­hafte und wohl­erwo­gene eta­blie­ren kön­nen und sol­che Dis­kus­sio­nen um Pflich­ten und Pri­vi­le­gien füh­ren kön­nen. Auch hier denke ich, dass ein Ordens­spi­tal in einer beson­de­ren Situa­tion ist.

Resü­mee

Damit komme ich zum Schluss. Ich fasse für Sie den Gedan­ken­gang zusam­men und komme zu mei­ner Schluss­be­mer­kung. Das Thema waren Werte und moderne Gesell­schaft. Mein ers­ter Punkt war: Neh­men Sie die zwei Romane, ver­su­chen Sie sich zu über­le­gen, was „moderne Gesell­schaft“ bedeu­tet. Hier kris­tal­li­sie­ren sich zwei Schlüs­sel­fra­gen her­aus: „Wie viel kos­tet es?“, „Wer zahlt es?“ Und Iden­ti­täts­ar­beit wird schwie­ri­ger, da die Iden­ti­täts­res­sour­cen schwe­rer zugäng­lich wer­den. Wenn ich eine Krise habe, brau­che ich robuste Iden­ti­tät und dazu brau­che ich Werte. Was sind Werte? Sie sind sta­bile Grund­la­gen für Prä­fe­ren­zen­ord­nun­gen, die auch sozial wirk­sam sind. Den­ken Sie an Daniel Dor­lings Bei­spiel und Anthony Kwame Appiahs Buch: Werte sta­bi­li­sie­ren eine Insti­tu­tion und auch eine Gesell­schaft. Wie kom­men Werte zustande? Durch den Begriff der Seele nach Augus­ti­nus: Die Seele hat vier Ver­mö­gen. Gedächt­nis, Wil­len, Ver­stand und Hal­tung. Und das gibt mir vier Leit­fra­gen für die Seele einer Insti­tu­tion oder auch für die Seele eines Men­schen. „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“: Eine see­len­lose Insti­tu­tion wird diese Fra­gen auf­op­fern zuguns­ten der Frage nach dem „Wie­viel?“. Die Seele einer Insti­tu­tion besteht in der Suche nach Ant­wort auf diese vier Fra­gen. Bull­shit, grü­ner Tisch und die mora­li­sche Alz­hei­mer­krank­heit gefähr­den die Sorge um die Seele einer Insti­tu­tion. Wenn du eine beseelte Insti­tu­tion haben willst, musst du diese Fra­gen sehr sorg­sam stel­len – „Woher?“, „Wohin?“, „Warum?“ und „Wie?“ – und Dich dann um die Ernst­haf­tig­keit und die Wohl­erwo­gen­heit bemü­hen. Eine ernst­hafte Insti­tu­tion erlaubt Men­schen red­lich, auf­rich­tig und ernst­haft ihre Werte zu leben und weicht unan­ge­neh­men Dis­kus­sio­nen nicht aus, wie etwa den Fra­gen nach Pflich­ten und Pri­vi­le­gien. Eine wohl­erwo­gene Insti­tu­tion bringt Rechte und Pflich­ten in ein Gleich­ge­wicht und lässt keine zu große pri­vi­le­gi­en­be­dingte Ungleich­heit zu.

Schluss­be­mer­kung: Ich hielt es für ver­nünf­tig, den Gesund­heits­be­griff als Res­source zwei­ter Ord­nung auf­zu­fas­sen und nicht als Gut in sich. Sie alle ken­nen Amartya Sens Ein­sicht in die Armuts­for­schung: Men­schen, die von Armut betrof­fen sind, lei­den nicht so sehr an einem Man­gel an Gütern, son­dern an einem Man­gel an Fähig­kei­ten. Und wenn Men­schen von Armut betrof­fen sind, brau­chen sie nicht in ers­ter Linie Güter, son­dern sie brau­chen Zugang zu Fähig­kei­ten. Wenn du einem Quer­schnitts­ge­lähm­ten ein Stan­dard­fahr­rad schenkst, kann die Per­son mit dem Fahr­rad alles Mög­li­che machen – nur nicht fah­ren. Wich­ti­ger als das Gut ist also die Frage: „Was kannst du mit dem Gut anfan­gen?“ Und ich hätte Anlass zur Ver­mu­tung, dass es sich beim Gesund­heits­be­griff ähn­lich ver­hält. Wich­ti­ger ist die Frage nach der Aus­stat­tung, über die ich ver­füge: Wie kann ich mit dem, was ich habe oder nicht habe, umge­hen? Und da sind wir wie­der beim Thema „robuste Iden­ti­tät“ und „Werte“, so dass die Gesund­heits­dis­kus­sion auch hier anknüp­fen kann.

*) Univ. Prof. DDDr. Cle­mens Sed­mak,
Uni­ver­si­tät Salzburg/​Zentrum für Ethik und Armuts­for­schung;
E‑Mail: clemens.sedmak@sbg.ac.at

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 17 /​10.09.2011