Kom­men­tar – Univ. Prof. Dr. Johan­nes Bonelli: Heil­auf­trag ver­sus Ökonomie?

15.08.2010 | Poli­tik

Ein Gesund­heits­sys­tem kommt ohne öko­no­mi­sches Den­ken nicht aus. Jeder Bür­ger hat das Recht, dass das dem Gesund­heits­we­sen von der All­ge­mein­heit zur Ver­fü­gung gestellte Geld sinn­voll, also ver­nünf­tig ein­ge­setzt wird. Diese Ver­ant­wor­tung trifft nicht nur Gesund­heits­po­li­ti­ker, son­dern die Ärz­te­schaft und auch die Pati­en­ten selbst. Wer sich um die Kos­ten, die er direkt oder indi­rekt ver­ur­sacht, über­haupt nicht küm­mert, han­delt mora­lisch nicht fair.

Was aber der­zeit in der Kran­ken­haus­land­schaft an Öko­no­mi­sie­rung vor sich geht, stellt einen Para­dig­men­wech­sel dar, der die Iden­ti­tät der Spi­tä­ler als ursprüng­lich kari­ta­tive Ein­rich­tun­gen zu kor­rum­pie­ren droht. Wenn Gewinn­stre­ben und Ver­wal­tungs­auf­wand auf Kos­ten der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung betrie­ben wer­den, dann haben wir es mit einem Pro­fit­un­ter­neh­men zu tun, bei dem der Pati­ent nur mehr als Kunde betrach­tet und die ärzt­li­che Behand­lung als Ware gehan­delt wird.

Das Umfunk­tio­nie­ren des Pati­en­ten zum Kun­den bedeu­tet frei­lich nichts ande­res als seine Ent-Men­sch­­li­chung zum Zweck der Gewinn­ma­xi­mie­rung. Das geht an die Sub­stanz jeder gesun­den Arzt-Pati­en­­ten-Bezie­hung. Denn das Arzt-Pati­en­­ten-Ver­­häl­t­­nis ist immer und von Natur aus asym­me­trisch und kann daher nie­mals als öko­no­mi­sches Tausch­ver­hält­nis kon­zi­piert wer­den, ohne dass dabei der Pati­ent (Kunde) unwei­ger­lich ins Hin­ter­tref­fen gerät. Leit­mo­tiv einer kon­struk­ti­ven Arzt-Pati­en­­ten-Bezie­hung muss alle­mal ein unge­bro­che­nes Ver­trau­ens­ver­hält­nis blei­ben, wobei Ver­trauen nicht nur die fach­li­che, son­dern auch die mora­li­sche Kom­pe­tenz des Arz­tes meint.

Wenn in Zukunft Kran­ken­häu­ser als rein wirt­schaft­li­che Unter­neh­men geführt wer­den sol­len und die Behand­lung kran­ker Men­schen in ers­ter Linie durch Mana­ger nach öko­no­mi­schen Gesichts­punk­ten erfolgt, besteht die Gefahr, dass Kran­ken­häu­ser nur mehr als „Repa­ra­tur­fa­bri­ken ohne Seele“ (G. Maio) fun­gie­ren und nicht mehr als Ort, wo die Sorge um die Not des kran­ken Men­schen oberste Prio­ri­tät hat.

Öko­no­mie in der Medi­zin hat nur dann einen legi­ti­men Platz, wenn pri­mär die Inter­es­sen des Pati­en­ten und erst sekun­där öko­no­mi­sche Über­le­gun­gen wahr­ge­nom­men wer­den.

Hier liegt auch die aktu­elle Her­aus­for­de­rung für die Ärz­te­schaft. Ärzte soll­ten sich näm­lich nicht ihren urei­gens­ten Auf­trag als Anwälte des kran­ken und lei­den­den Men­schen von mit­un­ter abge­ho­be­nen Mana­gern und Öko­no­men aus der Hand neh­men und sich zu blo­ßen Erfül­lungs­ge­hil­fen eines Wirt­schafts­un­ter­neh­mens umfunk­tio­nie­ren lassen.

Frei­lich wächst mit die­sem Anspruch auch die Ver­ant­wor­tung, Miss­brauch und Ver­schwen­dung zu bekämp­fen. Dies bedeu­tet zunächst das Bemü­hen, mit einem Mini­mum an Auf­wand ein Maxi­mum an pati­en­ten­ge­rech­ter Leis­tung zu errei­chen. Dabei gilt: Nicht jeder braucht alles, son­dern jeder braucht das ange­mes­sen Not­wen­dige. Die Ange­mes­sen­heit schlägt sich in ers­ter Linie im rech­ten Ver­hält­nis zwi­schen den Kos­ten einer The­ra­pie und deren Nut­zen nie­der. So ist es nicht ein­zu­se­hen, dass Phar­ma­kon­zerne für Medi­ka­mente mit mar­gi­na­ler Effek­ti­vi­tät exor­bi­tant hohe Preise dik­tie­ren, wie dies teil­weise zum Bei­spiel in der Onko­lo­gie der Fall ist.

Man wird sich aber auch die Frage nach der Sinn­haf­tig­keit so man­cher „heroi­scher“ Maß­nah­men stel­len müs­sen, vor­nehm­lich dann, wenn der Scha­den grö­ßer erscheint als der Nut­zen. Hier hat die ärzt­li­che Erfah­rung oft grö­ße­ren Stel­len­wert als das Wis­sen über aus­ge­klü­gelte Stu­di­en­ergeb­nisse. Eine Lebens­ver­län­ge­rung um wenige Monate, die in Wirk­lich­keit nur eine Lei­dens­ver­län­ge­rung bewirkt und mit hor­ren­den Kos­ten ver­bun­den ist, sollte jeden­falls ernst­haft hin­ter­fragt wer­den.

Tot­schlag­ar­gu­mente wie etwa der noto­ri­sche Hin­weis so man­cher Ver­fech­ter einer unein­ge­schränk­ten Medi­zin bis zum bit­te­ren Ende, ob denn ein um zwei Monate ver­län­ger­tes Leben der eige­nen Mut­ter nicht lebens­wert sei, wir­ken unglaub­wür­dig und sind kon­tra­pro­duk­tiv. Die Ärzte soll­ten schon auch den Mut haben, das tech­nisch Mach­bare in Frage zu stel­len, wenn das Wohl der Pati­en­ten auf dem Spiel steht.

*) Univ. Prof. Dr. Johan­nes Bonelli ist Direk­tor von IMABE – Insti­tut für medi­zi­ni­sche Anthro­po­lo­gie und Bio­ethik in Wien

© Öster­rei­chi­sche Ärz­te­zei­tung Nr. 15–16 /​15.08.2010