Über eine halbe Million Patientenkontakte verzeichnen Österreichs Ärztinnen und Ärzte in den Spitälern und Ordinationen – an jedem einzelnen Tag. Wer sollte daher besser Bescheid wissen, wie unser Gesundheitssystem funktioniert, wo die größten Probleme liegen und welche Lösungsmodelle erfolgreich sein können? Dass Bund, Länder und Gemeinden in ihrer sogenannten Reformpartnerschaft diese Expertise ignorieren, ist gelinde gesagt kurzsichtig. Aus der bisherigen Erfahrung ist klar, dass Reformen im Gesundheitssystem nur dann erfolgreich sein können, wenn die Leistungsträger, die tagtäglich an der vordersten Linie der Versorgung arbeiten, eingebunden werden.
In den bisher kolportierten Überlegungen spielte klar die Ökonomie die Hauptrolle, Aussagen zur Absicherung der medizinischen Versorgung und zum Patientenwohl fehlten. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung. In der Gesundheitsversorgung haben ökonomische Interessen immer hinter den medizinischen zu stehen. Das ist eben das Entscheidende an einem freien Arztberuf: Dass sich unsere Patientinnen und Patienten jederzeit darauf verlassen können, dass ihnen ein Arzt gegenübersteht, der sie nach medizinischen Gesichtspunkten behandelt und ihre Gesundheit an erste Stelle setzt. Dass unser System, das dank der Ärztinnen und Ärzte immer noch gut funktioniert, eine Reform braucht, ist klar – aber es muss eine Reform sein, die für die Zukunft garantiert, dass Patientinnen und Patienten auch weiterhin auf diesem hohen Niveau versorgt werden können – mit Rücksichtnahme auf die Ressource Arzt.
Die Ärzteschaft wird der Politik ihre Expertise weiterhin gerne anbieten und sich in die Diskussion einbringen. Wenn unsere Stimme aber nicht gehört und ignoriert wird, dann werden wir die Lautstärke erhöhen. Denn ohne Ärztinnen und Ärzte geht es nicht.
Dr. Johannes Steinhart
Präsident der Österreichischen Ärztekammer
© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.5.2026