Interview Martin Ivanschitz – Bildungsausschuss: Die neue Kultur des Lernens

26.05.2026 | Aktuelles aus der ÖÄK

Autor: red

Martin Ivanschitz, Vizepräsident der Ärztekammer im Burgenland und Kurienobmann der angestellten Ärzte, ist der neue Vorsitzende des ÖÄK-Bildungsausschuss. Im Gespräch mit Thorsten Medwedeff skizziert er die größten Herausforderungen und betont, warum soziale Kompetenzen so wichtig sind und wie sich die Kultur der Ausbildung verändern wird.

Was die jungen Ärztinnen und Ärzte von heute lernen und gelehrt bekommen, beeinflusst massiv die zukünftige Gesundheitsversorgung – was ist hier momentan das wichtigste Thema? Das ist ganz klar die sogenannte kompetenzbasierte Ausbildung. Der Trend geht weg von einer Ausbildung, die sich an den reinen Zahlen orientiert – also wie viele EKGs jemand gemacht hat oder wie viele Arthroskopien – hin zu einer echten Kompetenzentwicklung im praktischen, klinischen Alltag. Das ist ein Ausbildungsmodell, das insbesondere Kanada forciert und entwickelt hat und unter anderem auch in der Schweiz übernommen wurde, das ist quasi unser Vorbild.

Wie sieht das in der Praxis aus? Konkret bedeutet das: Ausbildungsärzte erhalten unmittelbares Feedback zu ihrem Handeln in realen klinischen Situationen – sei es bei der Durchführung einer Visite, beim Patientengespräch oder bei praktischen Tätigkeiten. Erfahrene Ausbildungsärzte beobachten gezielt und geben strukturierte Rückmeldung. Das ist auch das, was die Jungen heutzutage – im Gegensatz zu früher – einfordern. Sie wollen sofort konstruktive Kritik und Rückmeldung auf das, was sie gut können – und was nicht. Das muss Platz in unserem Denken finden und wird die Kultur der Ausbildung verändern.

Das heißt, die soziale Komponente – der direkte Austausch zwischen Ausbildner und Auszubildenden – wird immer wichtiger? Korrekt. Das Feedback-Geben wird immer mehr, das stellt auch neue Anforderungen an die Ausbildungsoberärzte. Das Auswendiglernen von medizinischen Formeln oder das Wissen um Dosierungen sind gut und wichtig – und dabei können auch funktionierende digitale oder KI-Lösungen helfen. Aber noch wichtiger ist und bleibt es, manuelle Fähigkeiten und soziale Kompetenzen zu erlernen. Das wird auch in Zukunft keine Künstliche Intelligenz übernehmen können. KI hat keine soziale Kompetenz, das muss unsere Gesellschaft anerkennen.

Apropos soziale Kompetenz: Die ÖÄK hat immer wieder gefordert, dass diese Kompetenz bereits beim Aufnahmetest zum Medizinstudium verstärkt gewichtet bewertet werden sollte, wie sehen Sie das? Ich sehe das genauso. Daran hat sich nichts geändert. Soziale Kompetenz wird, wie oben mehrfach erwähnt, immer wichtiger. Das sollte auch beim MedAT noch stärker Berücksichtigung finden.

Eine grundsätzliche Frage: Was genau ist der Aufgabenbereich des Bildungsausschuss der ÖÄK? Zuerst einmal möchte ich die Gelegenheit nutzen und mich bei meinem Vorgänger Daniel von Langen für die perfekte Übergabe und bei dem bewährten Team im Bildungsausschuss insbesondere rund um Ruth Krumpholz, Peter Niedermoser und Christiane Kepka dafür bedanken, dass sie mir den Einstieg so leicht wie möglich gemacht haben. Der Bildungsausschuss ist ein strategisches Fachgremium, in dem standespolitische Entscheidungen der Österreichischen Ärztekammer in Fragen der Aus- und Weiterbildung von Ärzten vorbereitet werden. Es geht darum, die Ausbildung kontinuierlich weiterzuentwickeln, zu verbessern und deren Qualität zu kontrollieren.

Apropos Qualitätskontrolle – seit drei Jahren gibt es eine völlig neu aufgestellte Ausbildungsevaluierung, wie hat sich diese entwickelt? Die Ausbildungsevaluierung neu ist ein absolutes Erfolgsprojekt und ein enorm wichtiges Tool für die Qualitätskontrolle der ärztlichen Ausbildung. Sie ermöglicht Vergleiche, deckt Schwächen und Stärken auf und fördert den Austausch zwischen den Ausbildungsverantwortlichen und den Ärztinnen und Ärzten in Ausbildung. Durch die Kooperation mit der ETH Zürich ist es gelungen, die Kontrolle und Vergleichbarkeit auf ein wissenschaftlich fundiertes Niveau zu heben. Damit können wir die Qualität der Ausbildung objektiv und unabhängig messen. Das ist gerade jetzt wichtig, wo doch die Ausbildung und deren Supervision in den Spitälern in die Länderkompetenz gefallen ist. Hier ist uns absolute Transparenz extrem wichtig.

Ein spannender Punkt: Die Zuständigkeit für die Bewilligung und Qualitätskontrolle von ärztlichen Ausbildungsstellen wurde ja der Ärztekammer vor über drei Jahren weggenommen und in die Hand der Länder gelegt, war das einer kluger Schritt? Keineswegs. Es war ein Fehler, der eigentlich nach wie vor – wie wir auch schon mehrfach gefordert haben – korrigiert gehört. Die Expertise für die Ausbildungsstellen liegt eindeutig in der Österreichischen Ärztekammer. Wir sind auf diesem Gebiet die fachkundigen Profis und die Kompetenz sollte aus Qualitätsgründen wieder zur ÖÄK wandern. Die Visitationen der Ausbildungsabteilungen laufen, das wird uns immer wieder zugetragen, eher schleppend. Und in manchen Bundesländern bittet die Landesregierung dann erst wieder die Ärztekammer um Hilfe. Das gehört wieder in unsere Hand.

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 10 / 25.5.2026